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JoHammonias Zettelkasten
Schnuppen und Fitzel aus dem Web-All 1. Religion
1.0.
Ausgrabungen: Im alten Israel wurde ein weiblicher Gott verehrt | Wissen | Nachrichten auf ZEIT
www.zeit.de/2008/13/A-Religion?page=1 Ausgrabungen zeigen, dass im alten Israel lange Zeit auch eine weibliche Form des Allerhöchsten verehrt wurde
[...] Genesis 1,27: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie.« Wenn also die Kopien Männer und Frauen sind, moniert Keel, wie kann da das Original ausschließlich männlich dargestellt werden? [...] Galt die Bibel früher als Wort Gottes und damit auch in den historischen Passagen als wahr, hat die kritische Bibelwissenschaft längst gezeigt, dass weder Gott dem Moses die fünf Bücher offenbarte noch König David die Psalmen dichtete oder Salomo das Hohelied. Vielmehr ist die Bibel das Werk einer kleinen Elite von Schriftgelehrten, die vor gut 2.600 Jahren in drei, vier Generationen eine Vielzahl von mythischen Erzählungen und neuen Texten zu jenem Korpus zusammenstellten, das die Juden heute als Tanach und die Christen als Altes Testament verehren. Damals war Israel ein Spielball der angrenzenden Großmächte. Erst wurde es von Ägyptern und Assyrern verheert, dann eroberte 587 vor Christus der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem, steckte den Tempel in Brand und verschleppte einen Großteil der Bevölkerung ins Exil. Als die Israeliten ein halbes Jahrhundert später von Kyros, dem Begründer des Perserreichs, die Erlaubnis erhielten, zurückzukehren, war ihr Land nur noch eine persische Provinz. Wie konnte das geschehen? Hatte Israels Gott Jahwe versagt? Nein,
das durfte nicht sein. Deshalb machten sich
»Deuteronomisten« ans biblische Werk (sie werden nach dem
5. Buch Mose so genannt, weil das am deutlichsten ihrer streng
monotheistischen Intention entsprach). Ihre Absicht war es, zu zeigen,
dass die militärischen Katastrophen die Strafe Gottes für
Israels Ungehorsam und Vielgötterei waren. Nur das Abschwören
von allen Götzen, die alleinige Verpflichtung auf Jahwe werde das
gepeinigte Volk einer besseren Zukunft entgegenführen. [...] Das Alte Testament ist zum Teil politische Tendenzliteratur Der Zürcher Theologieprofessor Konrad Schmid, der gerade eine Literaturgeschichte des Alten Testaments vorgelegt hat, stuft die biblischen Texte deshalb als »Tendenzliteratur« ein, die mit einem starken »politisch-theologischen Interesse« geschrieben wurde. Das macht deutlich, wie wichtig es ist, zur Erklärung der biblischen Welt andere Zeugnisse heranzuziehen. Und die ergeben oft ein ganz anderes Bild. [...] Das archäologische Material aus dem 2. Jahrtausend vor Christus zeigt, dass Göttinnen ihren männlichen Partnern im Orient lange gleichwertig gegenüberstanden. Doch schon am Ende des Jahrtausends wurden sie in immer reduzierterer Form abgebildet und auf immer billigerem Material. »Schwer zu sagen, warum das passierte«, sagt Schroer. »Es waren kriegerische Zeiten, die Bedeutung von Gewalt und Militär nahm zu, und wir haben es mit patriarchalen Gesellschaften zu tun.« Leicht hatten es die Deuteronomisten mit ihrer Jahwe-allein-Politik nicht. Das Volk protestierte. »Was das Wort betrifft, das du im Namen des Herrn zu uns gesprochen hast, so hören wir nicht auf dich«, sagte man dem Propheten Jeremia ins Gesicht. Die Menschen wollten der »Himmelskönigin«, die vermutlich mit der Aschera identisch war, weiter opfern. Seit man damit aufgehört habe, fehle es an allem, »und wir kommen durch Schwert und Hunger um«. Das Volk lässt sich seine Religion nicht einfach verbieten. Um Jahwe als einzigen Gott zu installieren, mussten alle Erinnerungen daran getilgt werden, dass er früher nur ein Gott unter vielen war. Das fängt mit dem Namen an. »Jahwe ist ein Eigenname«, erklärt Othmar Keel. Er kann mit »Er weht« oder »Er ist da« übersetzt werden. Aber ein Eigenname ist nur dort nötig, wo es viele Exemplare einer Gattung gibt. Wenn es nur einen Gott gibt, reicht »Gott«. Keine Verwechslungsgefahr. Tatsächlich nannten die Deuteronomisten Jahwe fortan »Gott«, »Herr«, »Allherr«, »der Name« oder »der Ort«. Dabei scherten sich die Bibelredakteure wenig um den Willen Gottes: Der hatte Moses einst verkündet, Jahwe sei sein Name »für immer«. Nie wurde von Jahwe behauptet, er besitze einen Phallus Vollendet wurde die chauvinistische Namenspolitik dann von den griechischen Übersetzern der hebräischen Bibel. Im 2. Jahrhundert vor Christus setzten sie ganz auf kyrios, den »Herrn«. Das hatte eine fatale Engführung zur Folge. »Gott erlebte eine Art Persönlichkeitsveränderung«, erklärt Keel. Dabei sagt nicht erst heute jeder Theologe, dass Gott über den Geschlechtern stehe. »Ich bin Gott, nicht Mann«, heißt es schon beim Propheten Hosea. Neben seinen Rollen als König, Richter oder Hirte hatte Jahwe auch die einer Mutter oder Hebamme inne. Und im Gegensatz zu seinem kanaanäischen Götterkollegen El hieß es von Jahwe nie, er besitze einen Phallus. Das penetrante Herr, Herr, Herr zeigte mit der Zeit immer mehr
Wirkung. Für den christlichen Kirchenvater Augustinus war es um
das Jahr 400 nach Christus noch akzeptabel, sich Gott als Vater und
Mutter vorzustellen: Vater, »weil er begründet, weil er
ruft, weil er befiehlt, weil er herrscht«. Mutter, »weil
sie wärmt, weil sie nährt, weil sie stillt, weil sie
umschließt«. [...] In Maria lebt also das Göttlich-Weibliche fort, davon sind die
Ausstellungsmacher überzeugt. Deshalb stellen sie der christlichen
Gottesmutter auch ihre antiken Vorgängerinnen gegenüber und
zeigen so, wie viele Motive der altorientalischen
Göttinnen-Ikonografie fortlebten: Die rund ums Mittelmeer verehrte
ägyptische Isis etwa ist Vorbild als stillende Mutter,
Gebärerin des künftigen Gottkönigs und
Himmelskönigin. Selbst die erotische Komponente der Aschera, das
Präsentieren der Brüste, lebt in den Bildern von Maria mit
dem Jesuskind fort; sehr zum Missfallen der männlichen
Reformatoren des 16. Jahrhunderts. 1.1. Interreligiöser Dialog, Religionssoziologie, Theopolitik
Rainer Forst: Die Ambivalenz der Toleranz Vom schwierigen Balanceakt zwischen Gleichheit und
www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/dok/2008/... F o r s c h u n g i n t e n s i v
14 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8
Die Ambivalenz der Toleranz
Vom schwierigen Balanceakt
zwischen Gleichheit und Differenz
von Rainer Forst
Immer wieder sieht man sich . einer Zeitreise
gleich . heutzutage ruckversetzt in
die truben Zeiten religioser Konfrontationen,
denkt man an die Diskussionen uber
Plane zum Bau von Moscheen, die Regensburger
Rede des Papstes, Karikaturen in
danischen Zeitungen oder Kopftucher von
Lehrerinnen. Und so ist es ganz folgerichtig,
dass der ehrwurdige Begriff der Toleranz
allerorten bemuht wird, um konfliktentscharfend
zu wirken. Gleichwohl fallt
auf, dass haufig jede der streitenden Parteien
ihn fur sich reklamiert. Was also
heist âToleranzá genau?
Gewohnlich verwenden wir die Begriffe Demokratie,
Rechtsstaat und Toleranz in einem
Atemzug; alle drei gelten als zentrale neuzeitliche
Errungenschaften. In geschichtlicher Perspektive
denken wir dabei insbesondere an das Ende des
17. Jahrhunderts . die Zeit, in der John Locke seine beruhmten
Traktate uber Toleranz und Demokratie schrieb
und die Glorious Revolution und der Toleration Act die
neue Politik in England bestimmten. Doch auf den
zweiten Blick stellt sich die Sache anders dar. Denn
hundert Jahre spater, just in dem Moment, in dem in
der Amerikanischen und Franzosischen Revolution die
sozialen und politischen Verhaltnisse grundlegend
umgestaltet werden, horen wir Kant 1784 . in seiner
Beantwortung der Frage âWas ist Aufklarung?á . vom
âhochmuthigen Namen der Toleranzá sprechen./1/ Und
Prozess um Kopftuchverbot: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt im Sommer 2004 uber die Klage einer muslimischen
Lehrerin aus Baden-Wurttemberg. Im Laufe der vergangenen Jahre waren immer wieder Gerichte . auch das Bundesverfassungsgericht
. mit der Frage befasst, ob Padagoginnen, die aus religioser Uberzeugung ein Kopftuch tragen, mit der Kopfbedeckung
unterrichten durfen.
als die Nationalversammlung im August 1789 die âErklarung
der Menschen- und Burgerrechteá berat, nennt
Mirabeau das Wort Toleranz âtyrannischá, da es die
Macht enthalte, Religionsfreiheit zu geben oder auch
vorzuenthalten. /2/ Goethe wird diese Kritik der Toleranz
schlieslich aufnehmen und von der politischen
auf die zwischenmenschliche Ebene heben: âToleranz
sollte nur eine vorubergehende Gesinnung sein: sie
mus zur Anerkennung fuhren. Dulden heist beleidigen.
á /3/
So findet sich die Toleranz unversehens im Konflikt
mit der Demokratie; sie scheint einer vordemokratischen,
absolutistischen Zeit anzugehoren. Umgekehrt
aber zeigen die zahlreichen politisch-religiosen Auseinandersetzungen,
die von der Neuzeit bis in unsere Gegenwart
reichen, dass eine pluralistische Demokratie, in
der unterschiedliche Vorstellungen des Guten und des
Gerechten aufeinandertreffen, auf die Toleranz nicht
verzichten kann. Diese tiefe Ambivalenz der Toleranz,
so meine These, ist kein Zufall: Sie kennzeichnet vielmehr
den Begriff der Toleranz. Denn nach wie vor umstritten
ist nicht nur, wo die Grenzen der Toleranz innerhalb
eines politischen Gemeinwesens zu ziehen sind,
sondern auch, was Toleranz eigentlich bedeutet und,
mehr noch, ob Toleranz im Lichte eines aufgeklarten Demokratieverstandnisses
uberhaupt âetwas Gutesá ist. /4/
Zwischen Kruzifix und Kopftuch
Einige Beispiele aus der politischen Gegenwart belegen
dies:
. Anlasslich der âKruzifix-Entscheidungá des Bundesverfassungsgerichts,
die im Sommer 1995 die Republik
bewegte, wurde und wird daruber gestritten, ob
es intolerant ist, Kruzifixe oder Kreuze per Gesetz in
offentlichen Schulen anzubringen, oder ob vielmehr
die Einwande gegen diese Praxis ein Zeichen der Intoleranz
sind.
. Im Zusammenhang mit den âKopftuchá-Konflikten
wird behauptet, es sei intolerant, einer Lehrerin muslimischen
Glaubens das Tragen eines Kopftuchs zu
untersagen, wahrend dagegen geltend gemacht wird,
genau dieses Kopftuch sei ein Symbol der Unfreiheit
und der Intoleranz.
. Wahrend die einen die Kritiker des Gesetzes zur
âeingetragenen Lebenspartnerschaftá fur gleichgeschlechtliche
Paare fur intolerant hielten, konterten
diese mit dem Motto âToleranz ja. .Ehe. nein.á Diese
Toleranz aber wird von den Befurwortern des Gesetzes
gerade abgelehnt.
Angesichts solcher Streitfalle, in denen die Parteien je
fur sich die Tugend der Toleranz reklamieren, mochte
ich von âkomplexená politischen Konflikten reden, und
zwar deshalb, weil hier nicht einfach ein politischer
Interessenkonflikt vorliegt, sondern eine Auseinandersetzung
um das richtige Verstandnis von Toleranz und
vor allem: von Demokratie selbst.
Ablehnung, Akzeptanz und
Zuruckweisung . oder die
Komplexitat der Toleranz
Wie also sollen wir vorgehen? Beginnen wir zunachst
mit einer Analyse des Begriffs der Toleranz. Meines
Erachtens zeigt sich hier bei klarer Betrachtung, dass es
nicht eine Mehrzahl von âToleranzbegriffená gibt, sondern
nur ein sinnvolles Toleranzkonzept. Dazu gehoren,
und ich beschranke mich auf das Wesentliche, drei
Komponenten:
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Lautstarker Protest vor dem Eingang des niedersachsischen Kulturministeriums:
Grundschulerinnen aus Soltau demonstrieren 1999 fur ihre muslimische Lehrerin,
die von der Kultusverwaltung darin gehindert werden sollte, mit Kopftuch zu unterrichten.
Irritation um Rede von Papst Benedikt XVI.: Der wissenschaftliche
Vortrag, den das Oberhaupt der katholischen Kirche im
September 2006 im Auditorium Maximum der Regensburger
Universitat hielt, loste in der islamischen Welt einen Sturm
der Entrustung aus. [siehe auch Buchtipp, âBeitrage zur Regensburger
Rede des Papstesá, Seite 108]
. Die erste ist die âAblehnungs-Komponenteá: Sie besagt,
dass die tolerierten Uberzeugungen oder Praktiken
als falsch angesehen oder als schlecht verurteilt
werden. Ohne diese Komponente lagen entweder
Indifferenz oder Bejahung vor, nicht aber Toleranz.
. Zweitens gehort zur Toleranz eine positive âAkzeptanz-
Komponenteá, die Grunde dafur nennt, wieso es
richtig oder gar geboten ist, die falschen oder schlechten
Uberzeugungen beziehungsweise Praktiken zu
tolerieren. Dabei werden die Ablehnungsgrunde freilich
nicht aufgehoben, sondern nur jeweils aufgewogen
und ubertrumpft.
. Schlieslich gehort eine âZuruckweisungs-Komponente
á hinzu, die Grunde fur die Bestimmung der
viel diskutierten Grenzen der Toleranz enthalt. Hier
uberwiegt eine eindeutig negative Bewertung, die ein
Ende der Toleranz und gegebenenfalls ein Eingreifen
fordert. Diese Bewertung muss besonders gut
begrundbar sein, wenn sie etwa Rechtsfolgen nach
sich zieht.
Fur die Ausubung der Toleranz ist es entscheidend, wie
die rechte Verknupfung dieser drei Grunde aussieht.
Festzuhalten ist, dass durch die bisherige Begriffsbestimmung
offengelassen wird, ob alle drei Grunde ein- und
derselben Art sind, also etwa religioser Natur, oder ob
sie unterschiedlicher Art sind, beispielsweise moralisch
oder strategisch.
Wiederum zeigt ein zweiter Blick die Komplexitat
der Sache. Denn die drei Komponenten der Ablehnung,
der Akzeptanz und der Zuruckweisung bergen je fur
sich eine Paradoxie. Die Ablehnungskomponente ist mit
der Paradoxie des toleranten Rassisten konfrontiert.
Demnach ware jemand, der andere Menschen aufgrund
ihrer âRasseá ablehnt, umso toleranter, je starker diese
Ablehnung ist, wenn er nur das Handeln, das aus solcher
Ablehnung folgen wurde, bremste . etwa aus strategischen
Grunden. Aber wollten wir so jemandem
wirklich die Tugend der Toleranz zuschreiben? Sollten
wir nicht vielmehr seine Ablehnungsgrunde selbst
zuruckweisen? Welches aber sind die Kriterien fur âvernunftige
á Ablehnungsgrunde? Bei der Akzeptanzkomponente
ergibt sich die Paradoxie moralischer Toleranz,
da es in dem Fall, in dem Ablehnung und Akzeptanz
moralisch begrundet werden, moralisch richtig oder gar
geboten scheint, das moralisch Schlechte zu tolerieren.
Kann diese Paradoxie durch eine Grunde-Differenzierung
aufgelost werden? Bei der Zuruckweisungskomponente
ergibt sich die Paradoxie der Grenzziehung. Denn
ein jeder Akt der Grenzziehung gegenuber denen, die
als intolerabel . und haufig: als intolerant . erscheinen,
wird aus deren Sicht als ein Akt der Intoleranz gesehen,
als willkurliche Grenzziehung. Kann diese Willkur vermieden
werden, oder verurteilt sie das Unternehmen,
die Grenzen der Toleranz auf begrundete Weise ziehen
zu wollen, zum Scheitern?
Erlaubnis zum Anderssein
oder Fortsetzung der Herrschaft
mit anderen Mitteln
Ausgehend von dem vorgestellten Kernkonzept der
Toleranz lassen sich verschiedene Vorstellungen oder
Konzeptionen von Toleranz unterscheiden, von denen
ich die zwei wichtigsten kurz skizziere, da sie fur eine
Analyse der erwahnten Konflikte in pluralistischen
Gesellschaften unmittelbar relevant sind. Das erste,
klassische Toleranzverstandnis nenne ich Erlaubnis-
Konzeption. Eine Autoritat gibt dabei einer oder mehreren
Minderheiten die Erlaubnis, ihren als âabweichend
á gekennzeichneten Uberzeugungen gemas zu
leben, solange sie nicht die Vorherrschaft der Autoritat
infrage stellen. Das Anderssein der Minderheiten soll
âPrivatsacheá bleiben, innerhalb eines eng umgrenzten
und klar definierten Rahmens, den die machthabende
Seite allein festlegt; die Toleranz wird gewahrt und kann
jederzeit zuruckgezogen werden, wenn die Minderheiten
bestimmte Bedingungen verletzen. Ablehnung,
Akzeptanz und Zuruckweisung liegen in der Hand der
Autoritat, die unter keinem prinzipiellen, institutionalisierten
Rechtfertigungszwang steht.
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16 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8
Kruzifix-Streit in
bayerischen Schulen:
Zwei Jahre
nach der Kruzifix-
Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts
muss sich der
Bayerische Verfassungsgerichtshof
1997 erneut mit
dem Thema befassen
und das neu
erlassene Gesetz
prufen, das weiter
Kreuze in Klassenzimmern
vorschreibt,
aber eine
Widerspruchsregelung
enthalt.
Karlsruhe hatte
die Vorschrift zur
Anbringung von
Kreuzen unter
Hinweis auf die
Religionsfreiheit
fur verfassungswidrig
erklart.
Nach dem ersten Eintrag einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft
in Hessen: Von Journalisten umringt feiert das
lesbische Paar im August 2001 vor dem Frankfurter Romer.
Der Landtag in Wiesbaden hatte kurz zuvor das Hessische Ausfuhrungsgesetz
zum Lebenspartnerschaftsgesetz beschlossen
und damit geregelt, dass die Kommunen selbst entscheiden,
bei welchem Amt die Lebenspartnerschaft begrundet wird.
chen Normen beruhen darf, die alle
Burger gleichermasen akzeptieren
konnen. Die âAutoritatá, Freiheiten
zu âverleihená, liegt nun nicht
mehr bei einem Machtzentrum
allein, sondern in einem Prozess
der Legitimation, der bestimmte
Grundrechte nicht verletzen darf
und in Grundsatzfragen ein besonderes
Rechtfertigungsniveau vorsieht.
Religionsfreiheit ist damit ein
Recht, das demokratische Burger
einander zugestehen, weil religiose
Zwangsausubung nicht wechselseitig
gerechtfertigt werden kann.
Aktuelle Beispiele:
Zwei Toleranz-Modelle
im (Wett-)Streit
Ein Blick auf unsere Gegenwart
zeigt freilich, dass es falsch ist zu
glauben, in modernen, demokratischen
Gesellschaften sei das zweite
Modell das dominierende und das
erste gehore einer vordemokratischen,
dunklen Vergangenheit an.
Diese vertikale Toleranzkonzeption findet sich in einer
ideengeschichtlichen Betrachtung bei sehr vielen
Autoren, und sie findet sich, wenn man die Perspektive
in einem genealogischen Sinne auf die Praktiken der
Toleranz erweitert, in den klassischen Toleranzgesetzgebungen,
etwa im Edikt von Nantes (1598). Dabei zeigt
sich die Ambivalenz dieser Art von Toleranz. Wahrend
sie einerseits verfolgten Minderheiten eine gewisse
Sicherheit und bestimmte Freiheiten gewahrt, ist sie
andererseits eine Fortsetzung der Herrschaft mit anderen
Mitteln. Denn die tolerierten Minderheiten mussen
ihre Freiheiten mit Gehorsam und Loyalitat gegenuber
der Autoritat bezahlen. So ergibt sich ein komplexes
Bild der Disziplinierung durch Freiheitsgewahrung: Die
Autoritat herrscht, indem sie erlaubt, nicht indem sie
verbietet. Diese Toleranz ist es, die in den Bemerkungen
von Kant, Mirabeau und Goethe attackiert wird.
Tolerierende und Tolerierte .
Die Burger und ihr Respekt voreinander
Es ware eine zu lange Geschichte, um sie hier zu erzahlen,
aus der hervorginge, wie sich im Zuge der revolutionaren
Veranderungen ab dem 16. Jahrhundert zunachst
in den Niederlanden, dann in England und
schlieslich in Amerika und Frankreich eine zweite,
nicht vertikale, sondern horizontale, demokratische
Toleranzvorstellung Bahn gebrochen hat, die ich Respekt-
Konzeption nenne. Dabei ist die Toleranz eine
Haltung der Burger zueinander: Sie sind zugleich Tolerierende
und Tolerierte, und zwar als dem Recht zugleich
Unterworfene und es Autorisierende. Obwohl sie
in ihren Vorstellungen uber das Gute und das Seligmachende
deutlich voneinander abweichen, erkennen sie
einander einen Status als gleichberechtigte Burger (und
historisch erst spat: Burgerinnen) zu, der besagt, dass
die allen gemeinsame Grundstruktur des politischen
und sozialen Lebens allein auf sol-
Denn die Erlaubnis-Konzeption hat sich bis in die
Gegenwart ihre starke Stellung bewahrt, indem sie sich
verandert hat: Nun wird die Erlaubnis gebende Seite als
demokratische Mehrheit aufgefasst, die Minderheiten
âduldetá. Und so finden wir in den genannten Konflikten
just jene zwei Toleranzverstandnisse als sich widerstreitende
vor, die auf unterschiedliche Vorstellungen
von Demokratie verweisen.
Zur Verdeutlichung: In der Kruzifix-Debatte /5/ fanden
es die Vertreter einer Erlaubnis-Konzeption geboten,
religiosen Minderheiten zwar die grundsatzliche
Freiheit von Gewissenszwang zuzugestehen, keinesfalls
aber eine rechtlich-politische Gleichheit in dem Sinne,
dass ihr Einspruch dazu fuhren durfte, die christliche
Mehrheit der Burger eines Staates daran zu hindern,
ihrer âpositiven Religionsfreiheitá dadurch Ausdruck zu
verleihen, dass ihre Symbole per Gesetz in Klassenzimmern
offentlicher Schulen anzubringen sind. Toleranz
gegenuber den âAndersdenkendená hies, sie nicht zu
âmissionierená, von diesen wiederum wurde eine ganz
andere Toleranz erwartet, namlich die Dominanz der
Mehrheit anzuerkennen. Das stellt aus der Perspektive
der Respekt-Konzeption die demokratische Funktion
der Religionsfreiheit auf den Kopf, denn diese gebietet
aus Grunden der Fairness gegenuber Minderheiten eine
religiose Neutralitat zentraler gesellschaftlicher Institutionen;
sie verbietet es, religiose und staatliche Symbolik
auf die besagte Weise zu vermischen.
Im Fall des Kopftuch-Streits /6/ erscheint es aus der
Perspektive der vertikalen Erlaubnistoleranz ausreichend,
einer Lehrerin muslimischen Glaubens die Erlaubnis
zur Ausubung ihrer Tatigkeit unter der Bedingung
zu erteilen, dass sie auf das Tragen eines âauffalligen
á religiosen Symbols verzichtet, dessen Wirkung
sich Schulkinder nicht entziehen konnen. Denn auch
ungeachtet der Motive der Lehrerin stecke darin eine
negative religiose Beeinflussung von Kindern, insbe-
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F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 17
Demo gegen den Bau einer Moschee in Ehrenfeld: Ein Plakat gegen Rechts halten
Kolner im Juni 2007 aus ihrer Wohnung, wahrend Anhanger der Aktion âPro Kolná
gegen den Bau einer reprasentativen Moschee demonstrieren.
schen Kontext zu rechtfertigen. Normen, die solche
Freiheiten gewahren oder beschranken, erheben den
Anspruch, wechselseitig forderbar und allgemein legitimiert
zu sein . ein Anspruch, der die Kriterien von Reziprozitat
und Allgemeinheit impliziert. Reziprozitat
heist dann, dass niemand seinem Gegenuber bestimmte
Forderungen verwehren darf, die er selbst erhebt
(Reziprozitat der Inhalte), und dass niemand anderen
die eigenen Wertvorstellungen und Interessen
einfach unterstellen darf . auch nicht im Ruckgriff auf
âhohere Wahrheitená, die ja gerade nicht geteilt sind
(Reziprozitat der Grunde). Allgemeinheit bedeutet
schlieslich, dass Grunde fur allgemein legitimierbare
Toleranz- und Freiheitsregelungen unter allen Betroffenen
grundsatzlich teilbar sein mussen. In diesem Sinne
ist die Toleranz eine diskursive Tugend der Gerechtigkeit,
da sie auf einem Prinzip der Rechtfertigung gerecht(
fertigt)er Normen beruht. Die Gerechtigkeit ist
damit die Ressource, die dem Begriff der Toleranz Substanz
verleiht.
Die Tugend der Toleranz, so verstanden, hat zwei
Komponenten, eine normative und eine erkenntnistheoretische.
Die normative besteht darin, das basale
Recht auf Rechtfertigung anderer in Kontexten der
Gerechtigkeit anzuerkennen, das eine Pflicht zu reziprok-
allgemeiner Rechtfertigung impliziert. /8/ Toleranz
zu uben heist dann, in dem Fall, in dem die eigenen
Grunde fur oder gegen eine bestimmte Regelung nicht
ausreichen, um die Kriterien von Reziprozitat und Allgemeinheit
zu erfullen, die eigenen Uberzeugungen
zwar nach wie vor als richtig betrachten zu konnen,
aber einzusehen, dass sie nicht hinreichend sind, um
eine allgemeine Verbindlichkeit zu rechtfertigen. Anders
gesagt heist dies zu sehen, dass die eigene ethische
Position auf andere Meinungen trifft, die man fur
falsch erachtet, die aber weder unvernunftig noch
unmoralisch sind, so dass man keine ausreichenden
Grunde der starken Zuruckweisung der anderen Uberzeugungen
oder Praktiken hat. In dieser Abwagung von
Grunden der Ablehnung, der Akzeptanz und der
Zuruckweisung steckt eine komplexe Form der Selbstuberwindung
und Selbstrelativierung bei Beibehaltung
der eigenen Position.
Selbstrelativierung und
die Endlichkeit der Vernunft
Dies weist schon auf die zweite Komponente hin, denn
diese Selbstrelativierung ist auch erkenntnistheoretisch
zu erklaren, und zwar mithilfe einer Einsicht in die
Endlichkeit der Vernunft. âVernunftigeá Personen erkennen
nicht nur ihre Pflicht zur Rechtfertigung an, sie
erkennen auch, dass es zu ethischen Konflikten zwischen
Positionen kommen kann, die zwar nicht widervernunftig
sind, die aber doch mit Mitteln der blosen
Vernunft weder verifizier- noch falsifizierbar sein mogen.
Diese Einsicht macht Toleranz moglich, da die eigene
Position nach wie vor fur richtig gehalten wird, dennoch
aber die Uberzeugung besteht, dass sie im Widerstreit
mit anderen, ebenfalls vernunftigerweise haltbaren
Positionen, keine ausreichenden Grunde bietet, um
eine allgemeinverbindliche Regelung zu rechtfertigen.
Dies ist der Kern der geforderten Selbstrelativierung,
und sie erfordert, was etwa religiose Uberzeugungen
betrifft, keinen Skeptizismus oder Relativismus, sondern
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18 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8
âAngst vor Auslandern
á schuren rechte
Parteien im hessischen
Landtagswahlkampf
im
Januar 2008: Auf
Wahlplakaten sprechen
sich die
rechtsextremen Republikaner
fur ein
âMinarett-Verbotá
aus, wahrend die
NPD, deren Verfassungskonformitat
immer wieder infrage
gestellt wird,
fur die Abschiebung
âkrimineller Auslander
á wirbt.
sondere von Madchen aus muslimischen Familien. Aus
der Perspektive der Respekt-Konzeption der Toleranz
wiederum ist es nicht gerechtfertigt, unabhangig vom
Einzelfall ein solches Pauschalurteil zu fallen. Vielmehr
bedeutet der gegenseitige Respekt unter Staatsburgern,
dass sie sich in ihren unterschiedlichen ethisch-kulturellen
Identitaten tolerieren und die geltenden Gesetze
und Verordnungen daraufhin uberprufen, ob sie dem
Anspruch gleichen Respekts gerecht werden oder ob
sie âfremdeá Lebensformen benachteiligen und unter
Generalverdacht stellen. Kulturell oder religios bedingte
Unterdruckung in der Familie oder anderen
gesellschaftlichen Bereichen muss gleichwohl aufgedeckt
und bekampft werden; dies jedoch nicht um den
Preis einer doppelten Stigmatisierung der Betroffenen.
Aus der Perspektive der Erlaubnistoleranz ist es ausreichend,
Lebensformen gleichgeschlechtlicher Partnerschaft
/7/ nicht zu verbieten oder offen zu diskriminieren;
eine Gleichstellung in so zentralen Institutionen
wie der Ehe jedoch wird wegen der Wertuberzeugungen
der uberwiegenden Mehrheit abgelehnt. Aus der
Perspektive der Respekt-Konzeption wiederum ist eine
rechtliche Gleichstellung geboten, sofern damit nicht die
Rechte anderer beeintrachtigt werden, was in solchen
Fallen nicht ersichtlich ist.
Wer Forderungen erhebt, muss sie
auch allen anderen gewahren
Um angesichts solcher Konflikte die rechte Toleranzbegrundung
zu finden, ist es notwendig, sich noch einmal
des Grundproblems der Toleranz zu vergewissern: der
Frage, welche Grunde ausreichend sind, um bestimmte
Freiheiten oder Freiheitsbeschrankungen im politi-
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F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 19
eine konsequente Unterscheidung zwischen Glauben
und Wissen [siehe auch âReligion, Glauben und Vernunft
á, Seite 20].
Diese Toleranzbegrundung, die der Respekt-Konzeption
entspricht, ist diejenige, die die Paradoxien der
Toleranz bestmoglich auflosen kann. Mit Bezug auf die
Paradoxie des toleranten Rassisten impliziert sie, dass
auch an Ablehnungen minimale normative Kriterien
und Rationalitatsstandards anzulegen sind, so dass in
Fallen von Rassismus die Forderung, der Rassist moge
doch tolerant sein, die falsche Forderung ist, da man
damit seine ablehnenden Vor-Urteile als im sozialen
Rahmen hinzunehmende Urteile ansehen wurde. Diese
aber stellen selbst das Problem dar: Ein Rassist sollte
seine rassistischen Ablehnungen uberwinden, nicht
âtolerantá sein. Dies zeigt: Nicht in jedem Fall ist Toleranz
die beste Antwort auf Intoleranz.
Die Paradoxie moralischer Toleranz ware daher so
aufzulosen, dass eine allgemeine Form des demokratischen
Respekts unter Burgern es erfordert, all die Uberzeugungen
und Praktiken zu tolerieren, die nicht gegen
diesen Respekt . oder das Rechtfertigungsprinzip . verstosen,
obwohl man sie ansonsten vollstandig oder teilweise
ablehnen mag und ethisch falsch findet. Die
Paradoxie der Grenzziehung ware vermieden, wenn die
Grunde, die die Grenzen der Toleranz markieren, sich
selbst am Prinzip des demokratischen Respekts orientierten
und die Grenze dort zogen, wo das Recht auf
Rechtfertigung oder grundlegende Burgerrechte verletzt
werden.
Muslim-Protest
gegen Mohammed-
Karikaturen:
Rund 2000 Muslime
protestieren
im Februar 2006
in Dusseldorf gegen
die Mohammed-
Karikaturen
in danischen Zeitungen.
Zwar kritisieren
auch die islamischen
Spitzenorganisationen
in Deutschland
die Darstellungen
als Provokation
und Entwurdigung.
Sie lehnen
jedoch gewaltsame
Reaktionen ab
und rufen zur Masigung
auf.
Prof. Dr. Rainer Forst, 43, befasst sich intensiv mit Grundfragen
der politischen Philosophie, insbesondere mit den
Begriffen Gerechtigkeit, Demokratie und Toleranz. Der Wissenschaftler
wird zur jungeren Generation der âFrankfurter
Schuleá gezahlt. 2003 habilitierte sich Forst mit der Arbeit
âToleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines
umstrittenen Begriffsá, die noch im selben Jahr im
Suhrkamp Verlag erschien. Darin verfolgt er verschiedenste
Toleranz-Begrundungen durch die Jahrhunderte, klopft sie
auf ihre aktuelle Relevanz ab, entwickelt eine eigene Konzeption
und stellt unter anderem dar, dass die Entwicklung
des Toleranz-Gedankens auch eine facettenreiche Geschichte
unserer selbst ist. Forst studierte Philosophie, Politikwissenschaft
und Amerikanistik in Frankfurt und New York sowie
an der Harvard University. Er promovierte im Jahr 1993 bei
dem Sozialphilosophen Prof. Dr. Jurgen Habermas. Seine
Promotionsarbeit befasste sich mit Theorien zu politischer
und sozialer Gerechtigkeit (Kontexte der Gerechtigkeit, Suhrkamp
Verlag, 1994). Anschliesend war er als wissenschaftlicher
Assistent am Otto-Suhr-Institut fur Politikwissenschaft
der Freien Universitat Berlin tatig, von 1996 bis 2002 am Institut
fur Philosophie der Goethe-Universitat als Assistent von
Prof. Dr. Axel Honneth. Zusatzlich erhielt er in den Jahren
1995/96 und 1999 Gastprofessuren an der Graduate Faculty
der New School for Social Research in New York. Nach Professurvertretungen
in Frankfurt und Giesen und einem Heisenberg-
Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft
nahm er 2004 den Ruf auf die Professur fur Politische Theorie
und Ideengeschichte an der Universitat Frankfurt an, beruhmter
Vorganger auf dieser Professur war ubrigens Prof. Dr.
Iring Fetscher. Im Studienjahr 2005/06 hatte Forst in New
York die Theodor-Heuss-Professur an der Graduate Faculty
der New School for Social Research ubernommen, einen Ruf
an die renommierte University of Chicago lehnte er 2007 ab.
Jungst hat ihm die Harvard University eine Gastprofessur fur
Philosophie angeboten. Prof. Dr. Forst gemeinsam mit Prof.
Dr. Klaus Gunther Sprecher des Exzellenz-Clusters âDie
Herausbildung normativer Ordnungená, das die Geistes- und
Sozialwissenschaftler im vergangenen Jahr fur die Universitat
Frankfurt eingeworben haben. 2007 ist bei Suhrkamp âDas
Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen
Theorie der Gerechtigkeitá erschienen [siehe auch Buchtipp,
Seite 107].
forst@em.uni-frankfurt.de
www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/rforst1
Der Autor
F o r s c h u n g i n t e n s i v
20 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8
Religion, Glaube und Vernunft
Tolerant zu sein heist, dass man die religiosen Uberzeugungen
und kulturellen Praktiken anderer, mit
denen man keinesfalls ubereinstimmt, duldet und
respektiert, sofern Klarheit daruber besteht, auf welcher
Basis und mit welchen Grenzen dies geschieht.
Wie aber ist solch eine Basis zu finden?
Die Religionen selbst bergen eine Reihe von Grunden
gegen Glaubenszwang. Das Christentum etwa im
Gebot der Liebe und der Duldsamkeit, im Gleichnis
vom Unkraut (demzufolge die Gefahr besteht, vor
der Zeit den âguten Samená mit zu vernichten [Matthaus
13, 24ff.]), in der Lehre von den zwei Reichen,
schlieslich in der Uberzeugung, dass sich das Gewissen
nicht zwingen lasst oder dass man es nicht zwingen
darf, da der Glaube ein freiwillig zu empfangendes
Geschenk Gottes ist und dieser keine geheuchelte Verehrung
wollen kann. Andere religios-humanistische
Argumente betonen die tieferen Gemeinsamkeiten
zwischen den Religionen. Oder man geht im Sinne
von Lessings Ringparabel davon aus, dass sich erst am
Ende des ethisch-religiosen Wettstreits auf Erden zeigen
wird, wer den echten Ring im Besitz hatte.
Die Sache so zu betrachten, kann allerdings zu
Fehlern fuhren. Der erste ist zu glauben, die Toleranz
sei ein ureigener Besitz des Christentums. Denn nicht
nur findet sich eine Vielzahl von Toleranzargumenten
auch in anderen Religionen . etwa im Koran 2/256:
âEs gibt keinen Zwang in der Religion.á Unsere Geschichte
zeigt vielmehr, dass sich solche Argumente
nur muhsam unter vielen und schweren Kampfen
Bahn gebrochen haben gegen ebenso viele Gegenargumente,
die der christliche Glaube birgt, etwa die
Pflicht, den Verirrten zu helfen, deren Seelenheil auf
dem Spiel steht, wozu oft das Gleichnis vom âZwang
zum Eintretená zum bereiteten Mahl [Lukas 14, 16ff.]
herangezogen wurde . etwa in den beruhmten Schriften
des Augustinus oder bei Thomas von Aquin. Zur
Erinnerung: Erst in der Erklarung âDe libertate religiosa
á des Zweiten Vatikanischen Konzils (1965)
machte die katholische Kirche ihren Frieden mit dem
subjektiven Recht auf Religionsfreiheit. Die Toleranz,
so sollte man festhalten, war eher eine Errungenschaft
derer, die als âKetzerá galten, als eine âdes Christentums
á.
Wichtiger aber noch ist der Fehler anzunehmen,
dass religiose Toleranzbegrundungen, so notwendig
sie . besonders im globalen interkulturellen Dialog .
auch sind, ausreichen. Denn sie konnen im interreligiosen
Dialog nicht als Grundlage eines normativen
Gebots wechselseitiger Toleranz dienen, da die jeweiligen
Grunde nicht auf die Andersdenkenden ubertragbar
sind, seien sie Anhanger anderer Religionen,
Agnostiker oder Atheisten. Dann bleibt Toleranz eine
einseitige Leistung, was Hochmut ebenso mit sich
bringen kann wie Demut.
So greift man denn auf âsakulareá Toleranzargumente
zuruck, etwa das eines Pluralismus von objektiven
Werten oder das skeptische Argument, das religiose
Absolutheitsanspruche grundsatzlich anzweifelt.
Diese Argumente aber sind selbst vernunftigerweise
bestreitbar, und sie bergen auch wieder eigene Gefahren
zu enger Grenzziehungen und der Intoleranz denen
gegenuber, die eben keine Pluralisten oder Skeptiker
sind. Daher bedarf es einer Toleranzbegrundung,
die im Streit zwischen Skeptizismus und Religion neutral
bleibt und zugleich wechselseitig bindende Grundsatze
enthalt. Dabei kommt es darauf an, die Endlichkeit
der menschlichen Vernunft in Fragen âletzterá
Wahrheiten auf eine Weise zu verstehen, die die eigene
Wahrheitsauffassung nur soweit relativiert, dass
man die Uberzeugungen der anderen zwar nicht als
ebenfalls oder gleichermasen wahr, aber auch als
nicht unvernunftig ansieht.
Dann ist die Toleranz eine Haltung und Praxis der
Vernunft, im praktischen wie im theoretischen Sinne.
Ihre normative Komponente besteht im Respekt gegenuber
anderen als Freien und Gleichen, denen man
wechselseitig zu rechtfertigende Grunde fur die Normen
schuldet, denen alle unterworfen sind. Und die
Toleranz setzt die Akzeptanz dieses Grundsatzes ebenso
voraus wie das Vermogen, in Bezug auf rechtfertigende
Grunde zwischen solchen zu unterscheiden, die
ich fur richtig halte, weil sie etwa meinem Glauben
entsprechen, und solchen, von denen ich uberzeugt
sein kann, dass auch diejenigen, die meinen Glauben
nicht teilen, sie akzeptieren konnen. Der eigene Glaube
kann nur dann als vernunftig gelten, wenn er
weis, dass er ein Glaube ist . und sich von Aussagen
der Wissenschaft zu unterscheiden weis sowie sich
positiv zu moralischen Grundsatzen verhalt, die unabhangig,
fur alle moralisch verantwortlichen Personen
gleichermasen gelten. Ÿ
Der uberzeugendste Toleranzdenker
der fruhen
Aufklarung: der Hugenotte
Pierre Bayle
(1647 . 1706): Er entwickelte
nicht nur eine
Konzeption der autonomen
praktischen Vernunft,
sondern auch eine
zukunftsweisende
Unterscheidung von
Glauben und Wissen:
Demnach ist der Glaube
nicht irrational, sondern
in Bezug auf letzte metaphysische
Wahrheiten,
die die endliche
Vernunft weder widerlegen
noch eindeutig bestatigen konnte, âubervernunftigá. Der
vernunftige Glaube stellt sich als toleranter Glaube nicht
selbst infrage, weis aber, dass er ein Glaube ist und sieht
ein, dass die menschliche Vernunft an ihm festhalt, ihn aber
nicht als letztlich wahr beweisen kann.
P o l i t i s c h e T h e o r i e Protest gegen neuen Abdruck von Mohammed-Karikaturen in Pakistan: Als Reaktion auf ein Mordkomplott gegen den Karikaturisten Kurt Westergaard (73) veroffentlichen danische Zeitungen im Februar 2008 erneut jene Zeichnungen, die bereits vor zwei Jahren eine beispiellose Protestwelle in der islamischen Welt auslosten. Westergaard hatte den Propheten als finsteren, vollbartigen Mann mit einer Bombe samt brennender Zundschnur im Turban portratiert. /1/ Immanuel Kant, Was ist Aufklarung?, in Kants gesammelte Schriften VIII, hrsg. von der Konglich Preusischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1912/23, ND Berlin: de Gruyter, 1968, S. 40. /2/ Honore Gabriel Mirabeau, Rede vom 22.August 1789, in H. Guggisberg (Hrsg.), Religiose Toleranz. Dokumente zur Geschichte einer Forderung, Stuttgart- Bad Cannstadt: Frommann- Holzboog, 1984, S.289f. /3/ Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen, in Werke, Bd.6, Frankfurt/ Main: Insel, 1981, S.507. /4/ Die folgenden kurzen Erorterungen beruhen auf meiner historischsystematischen Studie Toleranz im Konflikt, in der die hier angesprochenen Fragen, auch die folgenden Beispiele, umfassend diskutiert werden. Rainer Forst, Toleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs, Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2003. /5/ Siehe dazu insbesondere den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 16.Mai 1995 (1BvR1087/ 91) und die dort referierten Positionen; ausfuhrlicher dazu Forst, Toleranz im Konflikt, ˜38. /6/ Vgl. dazu insbesondere das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 24.September 2003 (2BvR1436/ 02). /7/ Vgl. dazu das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur âeingetragenen Lebenspartnerschaft á vom 17. Juli 2002 (1BvF1/01). /8/ Vgl. dazu Rainer Forst, Das Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007. Anmerkungen Die hohe Kunst der Toleranz Die Toleranz ist eine hohe Kunst, setzt sie doch voraus, dasjenige zu dulden, mit dem man nicht ubereinstimmt, auch aus tief empfundenen Grunden heraus. Toleranz heist nicht, diese Differenz und Ablehnung wegzudrucken, es heist aber, dass man sie so ausdruckt, dass die anderen respektierte Gleiche bleiben . auf Augenhohe, aber nicht ohne wechselseitige Kritik. Keine Gesellschaft hat diesen Lernprozess der Ausbalancierung von Gleichheit und Differenz je abgeschlossen. Society of Saint Pius X: SUPERIOR GENERAL’S LETTER TO FRIENDS AND BENEFACTORS #72
www.dici.org/actualite_read.php?id=1214&loc=us [...] The fundamental principle that dictates our action is the safeguard of the faith, without which no one can be saved, no one can receive grace, no one can be pleasing to God, as the First Vatican Council states. The liturgical question is not paramount; it only becomes such inasmuch as it is the manifestation of an alteration of the faith and, consequently, of the worship due to God.
A notable change of orientation took place at Vatican II with regard to the Church’s outlook, especially on the world, other religions, the State, and even itself. These changes have been acknowledged by all, yet not all judged them in the same way. Until now, they were presented as being very profound, even revolutionary. One cardinal at the Council could even speak of “the 1789 Revolution in the Church.” While still a cardinal, Benedict XVI phrased it thus: “The challenge of the sixties was to assimilate the best values expressed in two centuries of ‘liberal’ culture. These are values which, even if they originate outside the Church, can find a place, once purified and corrected, in her vision of the world. This is what was done.” In the name of this assimilation, a new vision of the world and its components was imposed: a fundamentally positive vision, which dictated not only a new liturgical rite, but also a new mode of presence of the Church in the world: much more horizontal, and more concerned about social and temporal problems than those of a supernatural and eternal character... At the same time, the Church’s relationship with the other religions underwent a transformation. Since Vatican II, Rome has avoided any negative or depreciatory observations about other religions. For example, the classic term of “false religions” has completely disappeared from ecclesiastical vocabulary. The words “heretic” and “schismatic,” which used to designate the religions closer to the Catholic Church, have also disappeared [....]. The new approach is called ecumenism, and contrary to what everyone used to think, it does not mean a return to Catholic unity, but rather the establishment of a new kind of unity that no longer requires conversion. [...] The dogma “outside the Church there is no salvation,” recalled in the document Dominus Jesus, underwent a reinterpretation for the sake of the new vision of things. They could not keep this dogma without broadening the limits of the Church, and this was accomplished by the new definition of the Church given in Lumen Gentium. The Church of Christ is no longer the Catholic Church, it subsists in her. They may say that it subsists only in her, but the fact remains that they claim that the Holy Ghost and this “Church of Christ” act outside the Catholic Church. The other religions are not without elements of salvation... The “Orthodox Churches” become authentic particular churches in which “the Church of Christ” is built. Obviously, these new views completely disrupted the Church’s relations with the other religions. It is impossible to speak of a superficial change; for what they want to impose on the Church of our Lord Jesus Christ is a new and very profound mutation. John Paul II consequently was able to speak of a “new ecclesiology,” admitting an essential change in the part of the theology that treats of the Church. We simply cannot understand how they can claim that this new understanding of the Church is still in harmony with the traditional definition of the Church. It is new; it is radically different and obliges the Catholic to observe a fundamentally different behavior towards the heretics and schismatics, who have tragically abandoned the Church and scorned the faith of their baptism. From now on they are no longer “separated brethren,” but brothers who “are not in full communion”... and we are “deeply united” by baptism in Christ in an “inamissible” union. The Congregation for the Doctrine of the Faith’s latest clarification of the word “subsistit” is very revealing on this point. Even as it states that the Church cannot teach novelty, it confirms the novelty introduced at the Council... All the changes introduced at the Council and in the post-conciliar reforms, which we denounce precisely because the Church had already condemned them, have been upheld. The only difference is that now they claim at the same time that the Church does not change... which amounts to saying that these changes are perfectly in line with Catholic Tradition. This confusion of terminology combined with the assertion that the Church must remain faithful to her Tradition might well be troubling to more than a few. [...] (Source URL: http://www.dici.org/actualite_read.php?id=1214&loc=us) Monday · October 8, 2007
On Christopher Hitchens's God Is Not Great by Hannes Stein · [This review of the German edition of Christopher Hitchens's God Is Not Great appeared in Die Welt. Translated by Russell Berman.] There is always something edifying about attending an execution, especially if it's not a human but an idea that is being dispatched from life to death. In God Is Not Great by Christopher Hitchens—for weeks on the bestseller list in the US and the UK—religion is devastated. One has to give it to Hitchens who, as executioner, does a thorough job. First he slips the noose of natural-scientific reason around the neck of piety. Then he lets it quarter itself on its own contradictions, before boiling the pieces in the oil of his righteous anger. Finally he shoots it through with the bullets of logic and, just in case, he lets the guillotine of irony fly down on its neck. Do recall that this is not about religious fundamentalism or fanaticism but rather religion as such. All, truly all, are meant and are buried alive: Catholics, Protestants, Muslims—whether Shiite or Sunni—Hindus, Buddhists, Osho-faithful and, last but not least, Jews as well, to whom Hitchens, with his Jewish mother, belongs at least in the sense of descent. He is probably the smartest thinker of his generation of baby-boomers in the English-speaking world. He grew up in England, but left early for America where he has enjoyed a brilliant career as a journalist. For many years a Trotskyist, he was a star of the radical Left, fighting against Evil in the incarnations of Henry Kissinger and Mother Teresa, until September 11, 2001, when he was forced to recognize that "forces of reaction" had attacked the US. Suddenly he found himself close to George W. Bush, at least as far as the "War on Terror" went. His erstwhile comrades have never forgiven him this betrayal, but he doesn't seem to care. Basically Hitchens directs four accusations at religious faith: it misrepresents the origins of man and the universe, it therefore combines a maximum of subservience with a maximum of egotism, it is the source of a dangerous sexual repression, and it is based ultimately on wishful thinking. Of course, Hitchens concedes that there have been a handful of admirable believers—Dietrich Bonhoeffer or Martin Luther King, for example—but they have been admirable primarily due to their humanism not their religion. According to Hitchens, religion is "violent, irrational, intolerant, allied to racism and tribalism and bigotry, invested in ignorance and hostile to free inquiry, contemptuous of women and coercive toward children." [1] According to Hitchens, the Old Testament, the Hebrew Bible, is one long nightmare, in which a cranky god thrones over a chosen people that he incites to genocide. The New Testament may even be worse, since the allegedly so mild-mannered Jesus preaches the punishments of Hell. He regards the Koran as a plagiarism, and that's the best that can be said about it. Eastern redemption religions are hardly as peaceful as their supporters claim—just consider the bloody chaos in Sri Lanka or the Dalai Lama's reign of terror in Tibet. But was it not precisely the atheists of the twentieth century who persecuted millions? After all the Gulag was a project of godless Communism; and Hitler was hardly in love with the Tables of the Law from Sinai, with their eternal commandments and prohibitions. But according to Hitchens, religion is to blame in these instances as well. According to him, Communism—with its rigid hierarchy and infallibility illusion—simply imitated the priestly kingdoms of antiquity. Every totalitarian state is—for Hitchens—basically a theocracy. And the Catholic Church stood shoulder to shoulder with fascists, be it in Austria, Hungary, or Slovakia, where a Nazi puppet regime was even led by a cleric (Josef Tiso). To be sure, the Church did have some reservations about the Nazis; but this did not prevent it from signing a concordat with the Hitler regime in 1933. Moral furor traces glowing paths on the spiritual horizon of this book, for example when Hitchens grows irate over child abuse in the name of religion; but his ferocious indignation does not turn him into a fanatic of atheism. It is quite enough for him to have the faithful burn down each other's churches, mosques, and synagogues. Even though he respects religious customs—taking his shoes off before entering a mosque, etc.—he insists: religion poisons everything. Case is closed. Operation successful. God is dead. But it is in the nature of the theme that after this intellectual execution, a resurrection follows, as unexpected as unavoidable. Because Hitchens is basically wrong, if not in every detail then certainly in the main question. My first objection to his thesis that piety poisons everything may seem weak. If religion is truly an evil, why could it motivate so many to great artistic accomplishments? Somewhere Hitchens mentions in passing that he loves Mozart's music (which speaks for him). But what about Mozart's requiem: only a cold-hearted fool could not be gripped by the profound religious seriousness that resounds there. And the spectacular mosques built by Muslims in India? The opening of Bach's Saint Matthew's Passion? His Chaconne in D minor? And finally: what about that anthology of Hebrew writings, marketed for centuries with the Greek name "Bible"? The Joseph story that Thomas Mann retells expansively in his best novel? What about the grandiose and shattering Book of Job, the dark wisdoms of Solomon, the anti-racism of the prophet Amos, the sermon of justice of the most unhappy prophet, the seer Jeremias? Hitchens finds in the Bible only a good phrase or some nice verse, here and there, but nothing more. In general, he finds nothing of quality in it. Given his evident literary sensibilities, it is difficult to believe him on this point. And this leads to Hitchens's weakest argument. He claims that atheists—in contrast to believers—don't have to stare into the Torah to find edification; instead he and his ilk have works of literature, since Shakespeare, Tolstoy, Schiller, Dostoevsky, and George Eliot treat complex ethical themes better than mythical moral stories of the sacred texts—so he asserts. And with that, he shoots himself in the foot. Since all the writers he cites as examples depend deeply on the Bible. To be compelling, Hitchens's argument would have to be purged of any Judeo-Christian influence. It would run something like this: "Homer, Ovid, Horace, and Virgil treat complex ethical conflicts better than the Old and New Testament." Hardly however a tenable claim (Homer's Iliad or Ovid's Ars Amatoria as moral guides?) There is an even stronger rebuttal to this book. Hitchens constructs an absolute opposition between religion on the one side and scientific thinking on the other. He spends many pages pummeling creationism and "intelligent design" with the hammer of healthy skepticism. Yet if religious faith is the natural enemy of science, how come so many natural scientists were religious? The monk Johannes Kepler, the deeply pious Isaac Newton, the monk Gregor Mendel, who discovered laws of heredity when crossing peas in the cloister garden? What about the Abbé Georges Edouard Lemaître, the originator of the Big Bang theory, to which some physicists initially objected because it seemed too theological ("Let there be light!")? Hitchens might objects that all these scientists ceased to be religious faithful at the moment when they began to work scientifically. This claim might be just barely tenable in a philosophical sense—but it contradicts all psychological experience. No one, not even a schizophrenic, falls neatly into two logical parts. On this point, a basic weakness of Hitchens's book becomes visible. This clever thinker cannot understand that Jewish monotheism is something unique and ultimately paradoxical: a religion that is critical of religion. The Hebrew Bible begins with a blasphemy. God created the original chaos, in contrast to the pagan gods who emerged from it. And on the fourth day, He set sun, moon, and stars in the heaven, as a sign for times, days, and years. In other words, the planets and stars, which in the rest of the Middle East were worshiped as deities, were nothing more than lamps and clocks. This was an act of enlightenment. In its wake, man could face creation freely. He was no longer compelled to appeal to it with magical (and often bloody) rituals; he was not forced to fall prostrate in front of every tree nymph or river god. His head was clear enough to marvel at creation—an admiration we find everywhere in the Psalms—and to study its laws with the art of astronomy. Hitchens's obstinate misunderstanding of the story of Abraham and Isaac is particularly irritating. He repeatedly refers to the monstrosity that according to the Hebrew Bible a father was prepared to sacrifice his son to the glory of God. Hitchens claims that by piling the wood and binding his son, Abraham proved he was familiar with the process, even before he took the knife in his hand to slaughter him like an animal. For Hitchens, this is an atrocity; but for all his outrage, he nearly forgets the point of the story, that in the end Abraham did not kill his son. Hitchens just does not get it: far from grounding the practice of human sacrifice, the story terminates it drastically. This might all sound like the book is all wrong and superfluous. That is not true. In the end, every believer on the planet would have to concede in a moment of honesty to have felt the tug of doubt. At the same time, there is probably no atheist (be it a Protestant, Catholic, Jewish, or Hindu atheist) who has never wondered about whether there is more beyond us. Or even just a question mark. Philosophical discussions between believers and unbelievers have never been more necessary than now when religion is being used so terribly as a pretext (or cause?) for violence. Hitchens's book reminds us that for such discussions to take place, there has to be some disarmament on both sides. The members of the religious camp have to cease treating secularists as less moral than themselves—the atheists have to stop thinking that believers are less intelligent. Notes 1. Christopher Hitchens, God Is Not Great: How Religion Poisons Everything (New York: Twelve Books, 2007), p. 56. The German edition is Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet, trans. Anne Emmert (Munich: Blessing Verlag, 2007). Comments Chris Hedges: The Dangerous Atheism of Christopher Hitchens and Sam Harris
www.alternet.org/rights/80449/?page=entire »I Don't Believe in Atheists is a call to reject simplistic and utopian visions. It is a call to accept the severe limitations of being human. It is a call to face reality, a reality which in the coming decades is going to be bleak and difficult. Those who are blinded by utopian visions inevitably turn to force to make their impossible dreams and their noble ideals real. They believe the ends, no matter how barbaric, justify the means. Utopian ideologues, armed with the technology and mechanisms of industrial slaughter, have killed tens of millions of people over the last century. They ask us to inflict suffering and death in the name of virtue and truth. The New Atheists, in the end, offer us a new version of an old and dangerous faith. It is one we have seen before. It is one we must fight.« »The New Atheists embrace a belief system as intolerant, chauvinistic and bigoted as that of religious fundamentalists. They propose a route to collective salvation and the moral advancement of the human species through science and reason. The utopian dream of a perfect society and a perfect human being, the idea that we are moving towards collective salvation, is one of the most dangerous legacies of the Christian faith and the Enlightenment. Those who believe in the possibility of this perfection often call for the silencing or eradication of human beings who are impediments to human progress. They turn their particular good into a universal good. They are blind to their own corruption and capacity for evil. They soon commit evil, not for evil's sake but to make a better world.« »There is nothing in human nature or human history to support the idea that we are morally advancing as a species or that we will overcome the flaws of human nature. We progress technologically and scientifically, but not morally. We use the newest instruments of technological and scientific progress to create more efficient forms of killing, repression and economic exploitation, and to accelerate environmental degradation. There is a good and a bad side to human progress. We are not moving towards a glorious utopia. We are not moving anywhere.« Sam Harris' »facile attack on a form of religious belief I detest, his childish simplicity and ignorance of world affairs, as well as his demonization of Muslims, made« his book The End of Faith »tedious, at its best, and often idiotic and racist. His assertion that the war in the former Yugoslavia, for example, was caused by religion was ridiculous. I was in the former Yugoslavia, including in the Bosnian capital Sarajevo when it was under siege, as the Balkan bureau chief for the New York Times. While religious institutions and their leaders enthusiastically signed on for the slaughter directed by ethnic nationalist leaders in Zagreb, Belgrade and Sarajevo, religion had nothing to do with the war. The war had far more to do with the economic collapse of Yugoslavia than religion or ancient ethnic hatreds. His assertion that Muslim parents welcome the death of children who die as suicide bombers -- or that suicide bombers are the logical result of a belief in Islam -- could have been written only by someone who never sat in the home of a grieving mother and father in Gaza who has just lost their child.« »The religious figures I knew, and the ones I sought to emulate when I was a seminarian at Harvard Divinity School, included Dr. Martin Luther King, Dorothy Day, the Rev. William Sloan Coffin, the Salvadoran Archbishop Oscar Romero and Father Daniel Berrigan. It was possible to admire these men and women and what they stood for, and hold in little regard institutional religion. It was possible to find in the Christian faith meaning and purpose while acknowledging the flaws in the Christian system and rejecting the morally indefensible passages in the Bible.The institutional church has often used its power and religious authority to sanctify cruelty and exclusion. The self-righteous smugness and suffocating piety of religious leaders, along with the habit of speaking on behalf of people they never meet, are characteristic of many liberal and conservative churches.« »The liberal church is a largely middle class, bourgeoisie phenomenon, filled with many people who have profited from industrialization, the American empire and global capitalism. They often seem to think that if we can be nice and inclusive everything will work out.« »Religious institutions, however, should be separated from the religious values imparted to me by religious figures, including my father. Most of these men and women frequently ran afoul of their own religious authorities. Religion, real religion, was about fighting for justice, standing up for the voiceless and the weak, reaching out in acts of kindness and compassion to the stranger and the outcast, living a life of simplicity, finding empathy and defying the powerful. It was about caring for the other. Spirituality was not defined by "how it is with me," but the tougher spirituality of resistance, the spirituality born of struggle, of the fight with the world's evils. This spirituality, vastly different from the narcissism of modern spirituality movements, was eloquently articulated by Dr. King and the Lutheran minister Dietrich Bonhoeffer, who was imprisoned and put to death by the Nazis. Many of these atheists, like the Christian fundamentalists, support the imperialist projects and preemptive wars of the United States as a necessity in the battle against terrorism and irrational religion. They divide the world into superior and inferior races, those who are enlightened by reason and knowledge and those who are governed by irrational and dangerous religious beliefs. Hitchens and Harris describe the Muslim world, where I spent seven years, most of them as the Middle East bureau chief for the New York Times, in language that is as racist, crude and intolerant as that used by Pat Robertson or the late Jerry Falwell. They are a secular version of the religious right. They misuse Darwin and evolutionary biology, just as the Christian fundamentalists misuse the Bible, by trying to argue that we can evolve morally -- something Darwin never asserted. They are as anti-intellectual as the Christian Right. They believe, like the Christian Right, that we are moving forward to a paradise, a state of human perfection made possible by science and reason. They argue, like these Christian radicals, that some human beings, maybe many human beings, have to be eradicated to achieve this better world. Harris, echoing the blood lust of Hitchens, calls, in his book The End of Faith, for a nuclear first strike against the Islamic world. [...] Harris reduces a fifth of the world's population to a vast, primitive enemy. He blithely accepts that we may have to murder "tens of millions of people in a single day." His bigotry, and the bigotry of all who dehumanize others, sets the stage for indiscriminate slaughter and atrocity. The people to be killed, we are told, are not really distinct individuals. They do not have hopes and aspirations. They only appear human. They must be destroyed because of what they represent, what lurks beneath the surface of their human form. This dehumanization, especially by those who live in a society with the technological capacity to carry out acts of massive industrial slaughter, is terrifying. The new atheists see only one truth -- their truth. Human beings must become like them, think like them and adopt their values, which they insist are universal, or be banished from civilized society. All other values, which they never investigate or examine, are dismissed as inferior.« Die Juden und das römisch-katholische Karfreitagsgebet
www.heute.de/ZDFheute/inhalt/12/0,3672,7183756,00.... Die jüdische Gemeinde in Deutschland macht eine Wiederaufnahme des Dialogs mit der katholischen Kirche von der Rücknahme einer als diskriminierend empfundenen Karfreitagsfürbitte abhängig. Das erklärte die Zentralsvorsitzende Knobloch. Die
Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sagte am
Freitag gegenüber Reuters, durch die von Papst Benedikt XVI. wieder
zugelassene Fassung der Fürbitte habe der Dialog zwischen den
Religionen einen enormen Rückschlag erlitten. Solange die katholische
Kirche nicht auf die Fassung von 1970 zurückkomme, werde es keinen
Dialog geben. Knobloch kritisierte zugleich scharf den Papst.
"Gerade diesem deutschen Papst ... hätte ich zugemutet, dass er
aufgrund seines Alters das Diskriminieren des Judentums, die
Ausgrenzung des Judentums kennengelernt hat." Sie habe sich nicht
vorstellen können, "dass genau dieser deutsche Papst jetzt solche
Formulierungen seiner Kirche aufdrängt". Die umstrittene Passage der
Fürbitte mit dem Titel "Für die Bekehrung der Juden" lautet: "Lasst uns
auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen
erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen
erkennen." Jüdische Verbände weltweit sehen darin einen indirekten
Aufruf zur Judenmissionierung. "Die Karfreitagsfürbitte impliziert eine subtile Aufforderung zur
Judenmission, die ich als brüskierend, überheblich und als deutlichen
Rückschritt im christlich-jüdischen Dialog bezeichnen muss", erklärte
Knobloch auf Anfrage am Donnerstag in München. Papst Benedikt XVI.
hatte eine Karfreitags-Fürbitte für die alte lateinische Messe wieder
erlaubt und damit für eine Abkühlung im ohnehin sensiblen Verhältnis
zwischen Juden und katholischer Kirche gesorgt. "Von Rückschritt spreche ich auch deshalb, weil diese Fürbitte weit
hinter die respektvolle Formulierung aus dem Jahre 1970 zurückfällt",
erklärte Knobloch. Papst Paul VI. habe damals eine Formulierung
gewählt, die eine aufrichtige Wertschätzung des Judentums zum Ausdruck
gebracht habe. "Heute wird stattdessen einer Geringschätzung der jüdischen Religion
das Wort geredet, wie sie einer toleranten Theologie nicht angemessen
und deshalb gefährlich ist", betonte Knobloch. "In welcher Zeit leben
wir eigentlich, wenn die katholische Kirche heute wieder meint, um das
Seelenheil des jüdischen Volkes besorgt sein zu müssen?" Als Konsequenz aus der päpstlichen Entscheidung für die alte Fürbittenversion sagten der Direktor des Berliner Abraham Geiger Kollegs zur Rabbinerausbildung, Walter Homolka, ebenso wie der prominente jüdische Publizist Micha Brumlik, ehemals Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag, ihre Teilnahme am kommenden Katholikentag in Osnabrück im Mai ab. Es war "Zeit, ein Zeichen zu setzen", meint Brumlik: "Eine antijudaistische Position ist da bekräftigt worden." Rabbiner
Homolka als Vertreter des liberalen Judentums fühlt sich vom
katholischen Mess-Text "intellektuell verwundert und emotional
verwundet". Der Papst habe wohl die belastende Geschichte schlicht
ausgeblendet, "aber keine theologische Reflexion ist richtig ohne
Geschichtlichkeit", formulierte er seine "Fassungslosigkeit". Homolka
sagte "Spiegel Online": "Die Katholische Kirche hat ihre
antisemitischen Tendenzen nicht im Griff." Schlicht "reaktionär" nannte der Vorsitzende der eher liberalen Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Henry G. Brandt, gegenüber dpa die vom Papst abgesegnete Formulierung. Dies sei mit Blick auf die lange Geschichte christlichen Judenhasses "ein sehr bedauernswerter und potenziell gefährlicher Rückschritt", meinte Brandt, der sonst als durchweg konziliant im Umgang mit Christen gilt. Allerdings dürfe dies nicht die Fortschritte der christlich- jüdischen Annäherung infrage stellen. Kölns
Rabbiner Netanel Teitelbaum, der noch 2005 Papst Benedikt in seiner
Synagoge mit Bruderkuss empfangen hatte, meinte als Sprecher der
orthodoxen Rabbiner, er hoffe, die befürchtete Aufforderung zur Mission
"falsch verstanden" zu haben. Für eine Versachlichung der Debatte um die von Papst Benedikt XVI. neu formulierte lateinische Karfreitagsbitte wirbt der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper. Die Fürbitte für die Juden sagt nach seinen Worten "nichts Neues, sondern spricht nur aus, was schon bisher als selbstverständlich vorausgesetzt, aber offenbar nicht hinreichend thematisiert wurde", schreibt Kasper in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der neue Text weise ausdrücklicher als der des "ordentlichen Ritus" von 1970 auf den grundlegenden Unterschied zwischen Juden und Christen hin, so der Kardinal. Dieser Unterschied bestehe im Glauben an Jesus Christus als dem Erlöser aller Menschen. Kasper ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Die eigentlich kontroverse Frage laute, ob Christen für die Bekehrung der Juden beten sollten und ob es eine Judenmission geben könne, schreibt der Kardinal. Zur Beantwortung dieser Frage erinnerte er daran, dass die katholische Kirche anders als evangelikale Gruppen keine organisierte Judenmission kenne.
Reactions in Jerusalem to the Good Friday prayer for the conversion of the Jews
www.dici.org/actualite_read.php?id=1191&loc=us Johannes Reissner: Vom Umgang mit Islam und Muslimen
www.swp-berlin.org/en/common/get_document.php?asse... Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik. (PDF-File, eingeschränkte Rechte) Labels:
Islam, Muslime 1.2. Theologisches
Lutherisch? - Was ist lutherisch?Wissenswertes für InteressierteWas ist eigentlich "lutherisch"? Und was ist das besondere Profil einer lutherischen Kirche? Unter dem Titel "Was ist lutherisch? Wissenswertes für Interessierte" hat jetzt die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) eine Publikation aufgelegt. Das 72-seitige Heft sei "aus dem Bemühen entstanden, lutherischen Christinnen und Christen ihr Bekenntnis lebendig zu erhalten und allen anderen zu vermitteln, wer wir sind und was wir glauben", schreibt der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Johannes Friedrich (München), in seinem Geleitwort. Download des Textes hier [420 KB]
. Forschungsbericht: Was mir wichtig ist im LebenForschungsbericht „Was mir wichtig ist im Leben“ – Auffassungen Jugendlicher und Junger Erwachsener zu Alltagsethik, Moral, Religion und Kirche Eine Umfrage unter 8.000 Christen, Nicht-Christen und Muslimen im Religions- und Politikunterricht an Berufsbildenden Schulen in Deutschland Andreas Feige, Carsten Gennerich in Zusammenarbeit mit Nils Friedrichs, Michael Köllmann, Wolfgang Lukatis; Forschungsprojekt des Instituts für Sozialwissenschaften (ISW) der TU Braunschweig in Zusammenarbeit mit dem Verband Katholischer ReligionslehrerInnen in Deutschland (VKR ) und dem Verband Evangelischer ReligionslehrerInnen in Niedersachsen (VER) Die umfangreichen Text- und Datenbände zu dieser Studie finden Sie als pdf-Dateien im Open-Access-Bereich des Comenius-Instituts: http://ci-muenster.de/biblioinfothek/open_access.php Verfürth, H.: Die Arroganz der ElitenWas ist los mit Deutschlands Eliten? Sie agieren planlos und ohne gesellschaftliche Nachhaltigkeit, untereinander sind sie nicht kooperativ. Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit, Überheblichkeit und Eigennutz sind ihre herausragenden Eigenschaften. Mit Recht nehmen heute Zweifel an der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Eliten zu, ein großes Führungsdefizit ist offenbar: Es mangelt an Autorität und Kompetenz, Verantwortung und Vorbild, vor allem an Moral. Was bedeutet das für die politische Kultur des Landes und welche Gefahr birgt das für die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft? Heinz Verfürth nimmt Deutschlands Eliten kritisch in den Blick: Seine scharfsichtige Analyse entlarvt das Versagen der Eliten als den eigentlichen Kern von Stagnation und Resignation und zeigt Wege aus der Krise. Den deutschen Eliten auf die Finger geschaut Eine kritische Analyse der Ursachen von Stagnation und Resignation Eine Streitschrift wider Überheblichkeit und Kompetenzmangel in deutschen Führungsetagen Heinz Verfürth Die Arroganz der Eliten 1. Auflage 2008 256 S. Geb. m. SU Format: 13,5 cm x 21,5 cm EUR 19,95 [D] / EUR 20,60 [A] / SFr 34,90 ISBN 978-3-579-06978-4
1.3 Islam
Qantara.de - "Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien"
de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=469&wc_... Ramadan: Es gibt Verse im Koran, die ausdrücklich besagen, dass wenn es eine direkte Erbfolge gibt, Frauen die Hälfte des männlichen Anteils erhalten. Diese Regelung hat mit dem islamischen Ideal von Familie zu tun, wonach alle Muslime streben sollten – ein Ideal, das auf Stabilität und Gerechtigkeit in der Familie ausgerichtet ist. Die Realität sieht in den Familien heute jedoch oftmals ganz anders aus. Es gibt viele allein erziehende Frauen. Wir können die Koranverse nicht tilgen, aber wenn man sie mit dem Ideal der Gerechtigkeit verbinden will, dann ist es heute eine kollektive Aufgabe, solche Frauen zu entschädigen und ihre finanzielle Selbständigkeit zu unterstützen.
Das sollte deshalb geschehen, um das Ideal der Gerechtigkeit nicht aufzugeben, anstatt die Verse wortwörtlich auszulegen, um scheinbar dem Islam treu zu bleiben, de facto aber Ungerechtigkeit zu schaffen.
Ramadan: Die Scharia ist für mich mehr, als das, was die fuqaha, d.h. die islamischen Rechtsgelehrten und Juristen nur als islamisches Gesetz definiert haben. Die Scharia weist den Weg zur Glaubwürdigkeit ("faithfulness"). Wir müssen die Gesetze im Lichte dieses Weges sehen. Die Scharia gibt die Vision vor, nach der wir streben wollen. Wenn beispielsweise ein deutsches Gesetz regelt, dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit beziehen sollen, dann ist das ist das insofern Scharia für mich, da ich diese Gleichheit vor dem Gesetz will. Daher habe ich ein Problem mit jenen Gelehrten, die den Koran wortwörtlich verstehen und meinen, die Scharia und das säkulare Rechtssystem seien zwei gegensätzliche Systeme. Ich finde das vollkommen falsch. Auf unserem Weg zur Glaubwürdigkeit beleuchten wir das Erbrecht, die Gerechtigkeit, soziale Fragen und die Wissenschaften. Es gibt Gesetze von Nicht-Muslimen, die in ihrem Geist islamischer sind als Gesetze in islamischen Ländern. Ich ziehe Gesetze vor, die im Westen erdacht wurden.
Sieht der Islam ein bestimmtes politisches System vor?
Ramadan: Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien. Wie in Christentum, Judentum und Buddhismus gibt es im Islam auch Werte für das Leben, für Gemeinschaft und Gesellschaft und danach kann man auch ein System finden. Ich benutze das Konzept des islamischen Staates nicht, aber wir müssen Prinzipien wie Bürgerrechte, das allgemeine Wahlrecht – im Sinne von Mehrheitsentscheidung – Rechtssicherheit, Rechenschaftspflicht und die Trennung der Gewalten fördern.
Ich rufe die Muslime dazu auf, mehr Kreativität zu entwickeln, damit wir ein gesellschaftliches System finden, das islamische Prinzipien respektiert, aber weder den Westen imitiert noch das, was derzeit in muslimischen Ländern passiert.
Oft wird zum Erweis der Friedfertigkeit des Islam Sura 5,31 zitiert:
»…wenn jemand einen Menschen tötet … [ist es], als hätte er die
ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben
erhält, [ist es] …, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben
erhalten.«
Jihad Watch: Blogging the Qur’an: Sura 2, “The Cow,” verses 222-286
www.jihadwatch.org/archives/017392.php the famous statement that “there is no compulsion in religion” (v. 256). Islamic spokesmen in the West frequently quote it to disprove the contention that Islam spread by the sword, or even to claim that Islam is a religion of peace. According to an early Muslim, Mujahid ibn Jabr, this verse was abrogated by Qur’an 9:29, in which the Muslims are commanded to fight against the People of the Book. Others, however, according to the Islamic historian Tabari, say that 2:256 was never abrogated, but was revealed precisely in reference to the People of the Book. They are not to be forced to accept Islam, but may practice their religions as long as they pay the jizya (poll-tax) and “feel themselves subdued” (9:29). Many see v. 256 as contradicting the Islamic imperative to wage jihad against unbelievers, but actually there is no contradiction because the aim of jihad is not the forced conversion of non-Muslims, but their subjugation within the Islamic social order. Says Asad: “All Islamic jurists (fuqahd’), without any exception, hold that forcible conversion is under all circumstances null and void, and that any attempt at coercing a non-believer to accept the faith of Islam is a grievous sin: a verdict which disposes of the widespread fallacy that Islam places before the unbelievers the alternative of ‘conversion or the sword.’” Quite so: the choice, as laid out by Muhammad himself, is conversion, subjugation as dhimmis, or the sword. Qutb accordingly denies that v. 256 contradicts the imperative to fight until “religion is for Allah” (v. 193), saying that “Islam has not used force to impose its beliefs.” Rather, jihad’s “main objective has been the establishment of a stable society in which all citizens, including followers of other religious creeds, may live in peace and security” – although not with equality of rights before the law, as 9:29 emphasizes. For Qutb, that “stable society” is the “Islamic social order,” the establishment of which is a chief objective of jihad. In this light verses 256 and 193 go together without any trouble. Muslims must fight until “religion is for Allah,” but they don’t force anyone to accept Allah’s religion. They enforce subservience upon those who refuse to convert, such that many of them subsequently convert to Islam so as to escape the humiliating and discriminatory regulations of dhimmitude — but when they convert, they do so freely. Only at the end of the world will Jesus, the Prophet of Islam, return and Islamize the world, abolishing Christianity and thus the need for the jizya that is paid by the dhimmis. Then religion will be “for Allah,” and there will be no further need for jihad. CRCC: Center For Muslim-Jewish Engagement: Resources: Religious Texts
www.usc.edu/schools/college/crcc/engagement/resour... 002.256
YUSUFALI: Let there be no compulsion in religion: Truth stands out clear from Error: whoever rejects evil and believes in Allah hath grasped the most trustworthy hand-hold, that never breaks. And Allah heareth and knoweth all things. PICKTHAL: There is no compulsion in religion. The right direction is henceforth distinct from error. And he who rejecteth false deities and believeth in Allah hath grasped a firm handhold which will never break. Allah is Hearer, Knower. SHAKIR: There is no compulsion in religion; truly the right way has become clearly distinct from error; therefore, whoever disbelieves in the Shaitan and believes in Allah he indeed has laid hold on the firmest handle, which shall not break off, and Allah is Hearing, Knowing. CRCC: Center For Muslim-Jewish Engagement: Resources: Religious Texts
www.usc.edu/schools/college/crcc/engagement/resour... 002.193
YUSUFALI: And fight them on until there is no more Tumult or oppression, and there prevail justice and faith in Allah; but if they cease, Let there be no hostility except to those who practise oppression. PICKTHAL: And fight them until persecution is no more, and religion is for Allah. But if they desist, then let there be no hostility except against wrong-doers. SHAKIR: And fight with them until there is no persecution, and religion should be only for Allah, but if they desist, then there should be no hostility except against the oppressors. IMAM NAWAWI'S COMMENTARY
ON THE HADITH: "ACTIONS ARE ACCORDING TO INTENTIONS" Bismillah al-Rahman al-Raheem was-salaat was-salaam `alaa Rasul-illah wa 'alaa alihi wa sahbihi wa sallam [1]
It is related from the Commander of the Believers Abu Hafs `Umar
ibn al-Khattab -- may God be well pleased with him -- that he
said: "I heard God's Messenger say If it is asked: which is best, to worship with fear or to worship
with hope? It is answered: Ghazali said -- may God have mercy on
him: "To worship with hope is better because hope gives rise to
love, while fear gives rise to despair."
1.4. Goethes Verhältnis zum Islam
Goethe, Johann Wolfgang/Briefe/1832 - Zeno.org
www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/B... An Marianne von WillemerNun aber zu einem Entgegengesetzten, welches Ihnen durch den Zeitungsklatsch zwar schon wird bekannt geworden seyn. Das asiatische Ungeheuer schlecht und drückt sich und immer näher; es soll in Merseburg sich eingefunden haben, etwa 12 Stunden von hier; freylich liegen wir schon um so vielen höher, so daß es sich noch immer eine Weile zu unsern Füßen herumdrücken kann. Mehr sag ich nicht. Hier am [232] Orte und im Lande ist man sehr gefaßt, indem man es abzuwehren für unmöglich hält. Alle dergleichen Anstalten sind aufgehoben. Besieht man es genauer, so haben sich die Menschen, um sich von der furchtbaren Angst zu befeyen, durch einen heilsamen Leichtsinn in den Islam geworfen und vertrauen Gottes unerforschlichen Rathschlüssen.Weimar den 9. Februar 1832. Goethe, Johann Wolfgang/Briefe/1831 - Zeno.org
www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/B... An Adele SchopenhauerHab ich Sie nun einen Augenblick in das mittelländischste Mittland gerufen, so besuche ich Sie nunmehr in Gedanken am hellen Rhein, wo Sie gewiß mit [87] einigem Zwiespalt in sich selbst sind: ob es wohl räthlich sey gegen Nordosten zu ziehen? wo die asiatische Hyäne[*] uns täglich näher die gräßlichen Zähne weis't. Hier kann niemand dem andern rathen; beschließe was zuthun ist jeder sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Muth machen. Weimar den 19. September 1831. [*] die Cholera Unkorrigiertes Skript des Vortrags von Pfarrer Dr.Dieter Koch „Gottes ist der Orient-
209.85.129.132/search?q=cache:X0AedUVltyAJ:www.ev-... Gerade die Nachdrücklichkeit, mit welcher der Prophet Mohammed die Einheit Gottes verkündet
hat, wurde von Goethe stets als dessen besonderes Verdienst angesehen. So schrieb er in
den Noten und Abhandlungen zum West-östlichen Divan…:’Der Glaube an den einigen Gott
wirkt immer geisterhebend, indem er den Menschen auf die Einheit seines eignen Innern
zurückverweist’. In allem das Eine zu erblicken, das Göttliche, entsprach des Dichters eigener
Religiosität.“(Mommsen, 38). Diese Überzeugung grundiert den Divan. Ein paar Kostproben:
„Abraham, den Herrn der Sterne, hat er sich zum Ahn erlesen; Moses ist, in wüster Ferne,
durch den Einen groß geworden. David auch, durch viel Gebrechen, ja, Verbrechen durch
gewandelt, wusste doch sich los zu sprechen: Einem hab ich recht gehandelt.’ Jesus fühlte
rein und dachte nur den Einen Gott im stillen… und so muss das Rechte scheinen, was auch
Mahomet gelungen; Nur durch den Begriff des Einen hat er alle Welt bezwungen“ Dieser
klare Monotheismus möge man im Zusammenhang dessen hören, was Goethe andernorts
formuliert, in der Kunst sei er Polytheist, in der Naturforschung Pantheist, dort aber, wo es um
die sittliche Person geht, Monotheist. Goethes Kritik an der islamischen KulturEr tut dies auch und gerade der islamischen Orthodoxie gegenüber. Ihrem Traditionsprinzip
stellt er die Vernunft entgegen: „Glaubst du denn: von Mund zu Ohr sei ein redlicher
Gewinst? Überliefrung, o du Tor, ist auch wohl ein Hirngespinst! Nun geht erst das Urteil an;
dich vermag aus Glaubensketten der Verstand allein zu retten, dem du schon Verzicht getan“
(aus dem Buch des Unmuts). Es liegt dem west-östlichen Divan wie Goethes Begegnung mit
dem Islam überhaupt eine Wertschätzung der Grundoffenbarung an Mohammed
zugrunde wie eine entschiedene Ablehnung der Sunna. Er benennt in den Noten und
Abhandlungen scharf den orientalischen Despotismus, redet von der düsteren Religionshülle,
die Mohammed über sein Volk gebracht hat und kritisiert im Divan die Zurücksetzung der
Frau in der islamischen Kultur, ist sie doch der liebste von allen Gottes-Gedanken. Goethes
innere Affinität zu bestimmten islamischen Grundsätzen zeigt eine erstaunliche Nähe zu der
Einstellung der später als Ketzer verfolgten Mutazeliten, „eine theologische Richtung, die
in der ersten Hälfte des 9.Jahrhunderts von beherrschendem Einfluß war. Sie vertraten den
Grundsatz: Gott entspricht den Postulaten der Vernunft, wobei sie die Einheit und
Unvergleichlichkeit Gottes zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bestimmten. Im
Gegensatz zu den Anhängern von Sunna und Hadith nahmen sie … die Anthropomorphismen
des Koran nicht wörtlich, sondern sahen darin nur Gleichnisse, und folgerichtig verwarfen sie
die Vorstellung eines persönlich verstandenen Gottes. ‚Gleichermaßen wichtig aber war die
Forderung, dass Gott gerecht sein müsse’… In unserem Zusammenhang ist nun
bemerkenswert, dass der Dichter des Divan im zweiten seiner Talismane ein Gedicht schuf,
das mit seiner Lobpreisung Gottes als des einzig Gerechten wie ein mutazeltisches Credo
anmutet: „Er der einzig Gerechte, will für jedermann das Rechte. Sei, von hundert Namen,
dieser hochgelobet! Amen.““(Mommsen, 188f) Goethes islamisch getönte ReligiositätEs sind also 3 Dinge, die den aufgeklärten Christen und Bürger am Islam beeindrucken:
Aufruhend auf der Überzeugung, dass Gott wirkt und sich dem Menschen in Natur, Vernunft
und Liebe mitteilt, sieht Goethe 3 wesentliche Dimensionen hier aufstrahlen und zu eigener
sittlich-religiöser Läuterung dienend: Vorsehungsglaube, Ergebung und Wohltätigkeit. Die
unbedingte Ergebung in den Willen Gottes wird Goethe zu einem zentralen geistigen Wert.
Sie ist das Leitmotiv überhaupt seiner Alterswerke, nicht nur im Divan, und sie ist ihm
Trostwort in eigenen Schicksalsnötigungen. Neben zahlreichen ähnlichen Äußerungen stehe hier nur sein Rat, an die Rat suchende Freundin Adele Schopenhauer im Jahr 1831, als die
Cholera um sich gegriffen hatte: „Hier kann niemand dem anderen raten; beschließe was zu
tun ist jeder bei sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Mut machen.
Wenn Goethe positiv vom Islam redet meint er das Bemühen, „im amor dei intellectualis ein
inneres Gleichgewicht zu bewahren, das durch Schicksalsschläge nicht zu erschüttern
ist“(Mommsen,105), eine Schicksalsergebenheit, die aber nicht ablässt, in großer Liebe dem
Leben zugetan zu sein, ja vielmehr für den Dichter und Denker Goethe die Basis bildet für
eine wirkliche lebensfrohe, weltfromm-heitere Einstellung: „Freude des Daseins ist groß,
größer die Freude am Dasein“, lesen wir im Buch Suleika, dazu im Buch der Sprüche. „Gutes
tu rein aus des Guten Liebe! Das überliefere deinem Blut; und wenn’s den Kindern nicht
verbliebe, den Enkeln kommt es doch zugut“.(Man darf diese Worte sowohl lesen im Horizont
aufgeklärter Ethik wie im Lichte der zweiten Sure, aus der der junge Goethe schon die für ihn
wegweisenden Worte entnahm: Sura 2,Vers 106: ‚Gewiss! Wer sein Angesicht zu Gott völlig
wendet, und dabei Gutes tut, der wird seinen Lohn haben bei Gott seinem Herrn und über
solche wird keine Furcht kommen noch betrübet werden’ und Vers 172: ‚Darin besteht eben
nicht die Gerechtigkeit, dass ihre eure Angesichter richtet gegen Morgen oder gegen Abend,
sondern darin ist die Gerechtigkeit: wer recht glaubt an Gott und an den jüngsten Tag…wer
ferner von seinem Vermögen gibt um der Liebe Gottes willen…, wer auch das Gebet
beständig verrichtet, sein Bündnis hält, wo er Treue versprochen, und der sich geduldig
erweist in Widerwärtigkeiten und Unglücksfällen… solche sind die wahrhaftig sind und Gott
fürchten“(zit. nach Mommsen,54f aus der Megerlinschen Koranübertragung)
Wie führt Goethe in eben diesem Buch der Sprüche aus: „Was machst du an der Welt? Sie ist
schon gemacht, der Herr der Schöpfung hat alles bedacht. Dein Los ist gefallen, verfolge die
Weise, der Weg ist begonnen, vollende die Reise: Denn Sorgen und Kummer verändern es
nicht, sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.“ [...]
Noch aber haben wir nicht die eigentliche Tiefe des West-östlichen Divan erreicht. Was ich
ihnen bisher ausgeführt habe, ist ein knapper und sehr vorläufiger Blick da hinein, wie Goethe
grundsätzlich positiv dem Islam begegnet und wie er ihm zur Klärung eigener, christlich
bestimmter Einstellungen dient. Was den Divan so besonders macht, ist dass er in der
Begegnung mit Hafis, dem persischen Dichter, zu einer letzten Reife gelangt, indem er in
diesem ihm wahlverwandten Geist eine Einstellung findet, die gläubige Gottergebenheit mit
skeptischer Beweglichkeit und innerer Heiterkeit verbindet. Der deutsche Dichterfürst
begegnete einem freisinnigen Muslim, mit dem er eine Weltfrömmigkeit teilte, die er selten
sonst wo wieder fand. So schreibt er am 11.5.1820[...] an seinen Freund Zelter: „Indessen sammeln sich wieder neue Gedichte zum
Divan…Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick
des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe,
Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale, geläutert, sich symbolisch
auflösend. Was will der Großpapa Weiter?“(Divan,134) [...]Goethe bewunderte Hafis, sein Freisein, seine innere Lauterkeit und zugleich seine Distanz zum kruden Frömmlertum: „Du bist der Freuden echte Dichterquelle, und ungezählt entfließt dir Well auf Welle… Und
mag die ganze Welt versinken! Hafis, mit dir allein will ich wetteifern! Lust und Pein sei uns
den Zwillingen gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben
sein“. Endlich war ihm einer begegnet, für den Lebensfreude und Gottesliebe
untrennbar zusammengehörten, einer, der nicht aufrechnete zwischen der Liebe zu Gott,
der Liebe zur Natur, der Liebe zur Frau, der Liebe zur Liebe an sich. [...] Der Divan ist ein Preislied auf die
Liebe in allen ihren Formen [...] Im Nachlaß fanden sich die
Zeilen: Sollt’ ich nicht ein Gleichnis brauchen, wie es mir beliebt? Da uns Gott des Lebens
Gleichnis in der Mücke gibt. Sollt’ ich nicht ein Gleichnis brauchen, wie es mir beliebt? Da
mir Gott in Liebchens Augen sich im Gleichnis gibt. Wer sich selbst und andre kennt, wird
auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.
1.5. Religiöser Wahn
1.5.1. Magdalena Kade (1835-1905)
Basilika minor der Jungfrau Maria – Helferin der Christen - Jiříkov-Filipov
de.poutni-mista-sluknovsko.cz/basilika-minor-der-j... Das jüngste Marienheiligtum in der Leitmeritzer Diözese erfuhr schon seit seinem Anfang im Jahre 1866 eine große Hochachtung der Gläubigen. Im Laufe der Jahre wurde es zum meistbesuchtesten Wallfahrtsort in der Diözese. Im Hause Nr. 63 in Philippsdorf lebte die schwerkranke Weberin Magdalena Kade (5. 6. 1835-10. 12. 1905). Am 13. 1. 1866 um 4 Uhr morgens erschien ihr beim Gebet die Jungfrau Maria und versprach ihr Heilung. Die bisher unheilbare Magdalena war am nächsten Tag völlig gesund und konnte wieder ihre Arbeit ausführen. Zum „Gnadenhaus“, dem Ort der Marienerscheinung und der Wundertat begannen allmählich Menschenmengen zu wandern.
Am Wunderort kam es, dank der Initiative des Kaplans P. Franz Storch, zuerst in den Jahren 1870 bis 1873 zum Bau einer Gnadenkapelle.
[...] Magdalena Kade verstarb im Alter von 70 Jahren und ihre Beisetzung in eine besondere Gruft auf dem Georgswalder Friedhof wurde zu einem großen Marienfest. Im Jahre 1925 wurden ihre sterblichen Überreste auf den Friedhof nach Philippsdorf und schließlich im Jahre 1994 in die Philippsdorfer Basilika überführt. Im Jahre 1926 (60. Jahrestag der Erscheinung) wurde die Kirche vom Papst Pius XI. zur Basilika minor erhoben. Noch als päpstlicher Nuntius Ambrogio Ratti besuchte er im Jahre 1920 persönlich Philippsdorf. Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zählte die Basilika zu den besuchtesten Wallfahrtsstätten Mitteleuropas. Dank der sich wiederholenden Nachrichten über Wunderheilungen von Kranken auf die Fürsprache der Mutter Gottes wurde Filipov (Philippsdorf) als „Nordböhmisches Lourdes“ bezeichnet. Alljährlich nehmen an Heiligen Messen zum Erscheinungstag mehrere Priester, meistens auch einige Bischöfe aus der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland teil. bazilika-minor-filipov-mozaika.jpg (JPEG-Grafik, 900x589 Pixel)
www.poutni-mista-sluknovsko.cz/obrazky/bazilika-mi... ![]() Magdalena Kade verstarb im Alter von 70 Jahren und ihre Beisetzung in eine besondere Gruft auf dem Georgswalder Friedhof wurde zu einem großen Marienfest. Im Jahre 1925 wurden ihre sterblichen Überreste auf den Friedhof nach Philippsdorf und schließlich im Jahre 1994 in die Philippsdorfer Basilika überführt. Im Jahre 1926 (60. Jahrestag der Erscheinung) wurde die Kirche vom Papst Pius XI. zur Basilika minor erhoben. Noch als päpstlicher Nuntius Ambrogio Ratti besuchte er im Jahre 1920 persönlich Philippsdorf. Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zählte die Basilika zu den besuchtesten Wallfahrtsstätten Mitteleuropas. Dank der sich wiederholenden Nachrichten über Wunderheilungen von Kranken auf die Fürsprache der Mutter Gottes wurde Filipov (Philippsdorf) als „Nordböhmisches Lourdes“ bezeichnet. Alljährlich nehmen an Heiligen Messen zum Erscheinungstag mehrere Priester, meistens auch einige Bischöfe aus der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland teil.
Am 13. Januar 1866, morgens
um vier Uhr, erlebte Magdalena Kade eine Vision. Die Muttergottes erscheint
ihr und spricht: "Kind, von jetzt an heilt's." Die Todkranke,
noch mit eiternassen Verbänden bedeckt, war gesundet. Sie starb erst
1905, nachdem sie, bescheiden und zurückgezogen lebend, Alten und Kranken
gedient hatte. Noch im gleichen Jahre 1866
wurde eine bischöfliche Untersuchungskommission eingesetzt, die positiv
entschied. Schon 1870 wurde mit dem Bau der heutigen großen Kirche
begonnen, die 1885 zu Ehren Mariens, der "Hilfe der Christen",
eingeweiht wurde. 1926 wurde sie durch Papst Pius XI. in den Rang einer
Basilika erhoben.
MARIES AKTE
Die 1965 in Bremen geborene Journalistin Kerstin Schneider ist seit 1999 Redakteurin beim Wochenmagazin Stern. Ihr Beruf, der den nötigen Mut und eine große Portion Neugierde voraussetzt, fließt in ihren Adern und ließ sie über ihre Familie recherchieren. Was sich zunächst als langweilige Familienchronik anhört, erweist sich schnell als ein kritisches Gesellschaftsbild. Spannend, nüchtern und äußerst eloquent blättert K. Schneider das Geheimnis ihrer Familie auf und zeigt wie Menschen, auf Grund der jeweilig erlassenen Gesetze und deren Ausführungen durch politische Macht manipuliert werden. Was einst für Böse und Unrecht gehalten wurde, wird später für Gut und Richtig empfunden und umgekehrt. Jede Familie hat mehr oder weniger ihre Geheimnisse, die seltsamerweise in einer Tabuzone aufbewahrt werden und das Areal des Verdrängens bietet somit einen Nährboden für Spekulation, Neugierde und führt zu einem Aufdeckungswunsch. Gerade weil sie tabu sind, geraten diese Geheimnisse in die Schublade des Unverdauten und werden mit dem Stempel des Unvergesslichen gebrandmarkt. Wir wollen festhalten, dass es zunächst die Scheu und die Neugierde eines Kindes und das spätere Know-how und Nichtlockerlassen eines Erwachsenen ist, welches ihn zu einem Getriebenen machen, dem Getriebenen nämlich, dem wir letztendlich immer wieder Aufklärung verdanken. Maries Akte ist also ein mit so einem Kennzeichen versehenes Geheimnis. Dabei handelt es sich aus heutiger Sicht um eine schlichte Krankengeschichte der Urgroßtante der Autorin, Lina Marie Schneider, geboren 1900 in Neugersdorf, gestorben 1942 in Großschweidnitz. Mit 28 Jahren an Schizophrenie erkrankt, mit 42 Jahren durch Euthanasie im Dritten Reich als „unwertes Leben“ bezeichnet und der Hitlermaschinerie ausgesetzt, zum Tode verurteilt, zunächst durch Verhungern, dann durch Vergiftung, um anschließend in einem fußballfeldgroßem Massengrab mit tausend anderen psychiatrischen Fällen ihren letzten Weg zu finden. Zur Erinnerung sei festgehalten, es herrschte Krieg, es herrschte Arbeitslosigkeit, es herrschte Hungersnot. Der Leser wird sich dennoch um die Besonderheit dieser Akte fragen, weiß man doch um die Kriminalität des Dritten Reichs nicht nur dem jüdischen Volk und anders Denkenden gegenüber, von den Vernichtungslagern etc… auch über die Euthanasie gegenüber Kranken und Behinderten, die als „unwertes Leben“ bezeichnet wurden. Schon mehrfach wurde darüber berichtet, Filme und Dokumentationen gedreht. Doch K. Schneider genügt die Aufarbeitung und Entdeckung der NS-Zeit, denen so viele Menschen hilflos ausgesetzt waren, nicht. Nein, sie geht weiter und sucht einen gesellschaftspolitischen Vergleich. Eine Ururgroßtante, Maria Magdalena Kade, in Philippsdorf 1835 geboren und 1905 gestorben, ermöglicht ihr, diesen Wahnsinnsvergleich im wahrsten Sinne des Wortes, zu ziehen. Maria Magdalena ereilte die Schizophrenie mit 19 Jahren. Ihr erschien nach langer medizinisch unnachvollziehbarer und unheilbarer Hauterkrankung mit knapp 30 Jahren die Mutter Gottes. Im Gegensatz zu ihrer Urgroßnichte Lena Marie, die sich im Übrigen für Jesus hielt, durfte Maria Magdalena ihre Leben nicht nur würdig, sondern als anerkanntes Mitglied der Gesellschaft, ja fast als Heilige weiterleben und eines natürlichen Todes sterben. Sie sanierte sogar durch ihre Marienerscheinung unbewusst das einstige verarmte Weberdorf zu einem reichen Wallfahrtsort. Behilflich dabei war ihr der ortsansässige Pfarrer, der engagiert im Spendeneintreiben eine Kathedrale zu Ehren der Mutter Gottes erbauen ließ. Sie thront über dem einstigen Krankenbett der Maria Magdalena Kade, von wo ihr Maria im grellen Licht die erlösenden Worte zusprach: „Ab jetzt, soll’s heilen.“ Hierbei geht es nicht um den Vergleich, wie ging man in der Jahrhundertwende, wie in der NS-Zeit und wie in der heutigen Zeit mit geistigen Abnormalitäten, wie der Schizophrenie, um. Vielmehr geht es um die Manipulation, der wir alle ausgesetzt sind und die wir scheinbar alle ignorieren. Kerstin Schneiders Familiengeschichte wirft unweigerlich Fragen auf. Es sei klargestellt, dass Maria Magdalena genauso der Teufel hätte erscheinen können und ihr Leben wäre Ende des 19. Jahrhunderts ganz anders verlaufen. Der Exorzismus erfreut sich unserer Tage einer neuen Beliebtheit. Die Autorin jedoch bleibt bei ihrer Geschichte und erzählt minutiös über ihre Recherchen und Entdeckungen. Sie bleibt sachlich, beinahe distanziert gegenüber ihrer eigenen Familiengeschichte. Sie selbst zieht keine Schlüsse, stellt keine Forderungen. Es ist der Leser, der, unmittelbar konfrontiert mit diesen Wundern und Gräueltaten, zu begreifen beginnt, wie einfach es ist, je nach wirtschaftlicher Lage und politischer Gesinnung, Menschen in die eine oder andere Richtung zu lenken. „Lass die Toten ruhen“ ist der besorgte Rat der Großmutter der Autorin an ihre Enkelin. Hierbei geht es um die immer wieder kehrende Angst, etwas aufgedeckt zu bekommen, was die Familie unter gewissen politischen Strukturen schwer zu büßen hätte. Wer kann das schon wissen? Familie Kade lebte noch in der einstigen Österreichisch-Ungarischen Monarchie in der katholischen Stadt namens Philippsdorf. Das heutige Filipov gehört nun zur Stadt Jirikov, liegt in Tschechien und ist seit dem Ereignis der Marienerscheinung unter der Bezeichnung „Nordböhmisches Lourdes“ bekannt. Während die dazu geheiratete Familie Schneider aus dem Nachbarort Neugersdorf, einer sächsischen evangelischen Stadt, stammte, lebte diese durch die Kriegsgeschehnisse plötzlich in der einstigen DDR. Neugersdorf und Großschweidnitz gehören zu Sachsen und liegen unmittelbar an der tschechischen Grenze mit Blick auf Filipov. Angesichts dieser geographischen Lage mit diesen politischen Wirren, wer könnte dieser alten Dame ihre Ängste nehmen, tragen wir doch diese Angst selbst gewissenhaft mit. Wer kann schon vorhersehen, welches Geschehen über Makel oder Vollkommenheit einer Familie entscheidet? Wer, wenn wir nicht selbst und unsere Kinder und Enkelkinder sollten über unsere Zukunft bestimmen? Eben wie Kerstin Schneider als Enkelin ihren Beitrag dazu leistete, indem sie die Toten sprechen ließ und uns allen damit einen großen Dienst erwies. Es geht nicht darum Angst zu nehmen, sondern sich ihr zu stellen. Spannend, trotz sachlichem Schreibstil schafft es die Autorin durch die Geheimnisse ihrer Familie uns gegen Manipulationen zu sensibilisieren. Deshalb sei dieses Buch jedem - Alten und Jungen, Gläubigen oder Ungläubigen, Links- oder Rechtsgesinnten - wärmstens empfohlen. Libri.de - Kerstin Schneider: Maries Akte (Buch)
www.libri.de/shop/action/productDetails/7380418/ke... Warum wird in der Familie getuschelt, wenn die Sprache auf Marie kommt? Wer war sie denn wirklich, die Großtante? Und wer war Magdalena?
Kerstin Schneider will es wissen - und stößt auf ein sorgfältig gehütetes Geheimnis. Auf die Geschichte zweier Frauen, die beide als "verrückt" galten, über deren Schicksal der Zeitgeist aber unterschiedlich richtete. Magdalena Kade glaubte 1866, die Mutter Gottes zu sehen, und ihre Großnichte Marie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Doch während Magdalena, von vielen katholischen Gläubigen noch heute als "böhmische Bernadette" verehrt wird, wurde Marie von den Nazis als "lebensunwertes Leben" ermordet. Beide, Magdalena und Marie, hatten eine Krankheit - sie waren schizophren und "erblich belastet". Doch während Magdalena heute in einer Gruft einer Basilika aufgebahrt liegt, ist Maries Grab unbekannt. Kerstin Schneider führt uns mitten hinein in zwei aufregende Frauenschicksale aus einer Familie - und erzählt von Marie, Magdalena und deren Welten, und bringt im Buche zwei Frauen zusammen, deren Wege sich vor Gott und auf Erden nicht kreuzen konnten. Deutschlandradio Kultur - Kritik - Das böhmische Wunder von Lourdes
www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/866492/ Das böhmische Wunder von LourdesKerstin Schneider: "Maries Akte. Das Geheimnis einer Familie", Weissbooks, 288 Seiten1835 wurde Magdalena Kade im katholischen Böhmen geboren. 1900 kam ihre Großnichte Marie zur Welt. Wiederum 65 Jahre später wurde Kerstin Schneider in Bremen geboren. Die Journalistin hat ein Buch über die beiden Frauen geschrieben, die krank wurden, körperlich und psychisch. Zwar sind Dramaturgie und Erzählhaltung nicht ganz stimmig, aber dennoch sind die Familienschicksale beeindruckend zu lesen. Kerstin Schneider ist mit Magdalena und Marie verwandt, Magdalena war die Tante, Marie die Tochter ihrer Urgroßmutter. Über Marie wurde in der Familie wenig gesprochen und über Magdalena gar nicht. Ihre dramatischen Geschichten waren zu regelrechten Familiengeheim-nissen geworden. Kerstin Schneider hat sie ergründet. 2. Religionsunterricht
2.1. Berlin: "Pro Reli"
Humanistische Union: Pro Ethik: Hintergründe: Ethikunterricht in Berlin
http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/ethik/ An der rechtlichen Stellung des Religions- und Weltanschau-ungsunterrichts in Berlin hat sich durch die Einführung des allgemeinen Faches Ethik nichts geändert. Wie bisher verfügen die Berliner Schülerinnen und Schüler über die doppelte Wahlfreiheit, das freiwillige Zusatzangebot der verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wahrzunehmen – oder sich gegen einen glaubensgebundenen Unterricht zu entscheiden. Amtliche Information zum Volksentscheid über die Einführung des Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion
www.pdfdownload.org/pdf2html/pdf2html.php?url=http... Argumente von Pro Reli e.V. [...] Werte kann man nicht beweisen wie mathematische Gesetze oder lernen wie Vokabeln. Bei der Frage, was unser Leben ausmacht, spielen Glauben, persönliche Vorstellungen und eigene Erfah- rungen eine Rolle. Dies zu respektieren ist wich- tig. Das ist die Freiheit, um die es uns geht. [...] Argumente des Abgeordnetenhauses [...] In Berlin leben Menschen aus über 150 Nationen mit unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Glaubens-
richtung und Weltanschauung. Schule hat die
Aufgabe, Kinder zu einem friedlichen, demo-
kratischen Zusammenleben in gegenseitigem
Respekt zu erziehen. Deshalb gibt es seit 2006
den gemeinsamen Ethikunterricht für alle Schü-
lerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse. Er sen-
sibilisiert für Gemeinsames und für Unterschiede,
für Verständigung und Toleranz. Das kann er
nur, weil er als Pflichtfach konzipiert ist, an dem
alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam teil-
nehmen nicht getrennt nach ethnischer, welt-
anschaulicher oder religiöser Herkunft. Auch
deshalb ist Ethik nicht abwählbar. Denn das
Besondere an diesem Fach ist das Verbindende.
Das Bundesverfassungsgericht würdigt dies in
seinem Beschluss vom März 2007. Dort wird
ausdrücklich festgestellt, dass ein gemeinsamer
Pflichtunterricht in Ethik die Integrationsziele
der Berliner Schule besser erfüllen könne als
eine Separierung nach Glaubensrichtungen
oder eine Aufspaltung auf verschiedene Fächer. [...] Berliner Ethikunterricht: Sechs häufige Kritiken
Gerd Eggers http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/detail/back/ethikunterricht-in-berlin/article/berliner-ethikunterricht-sechs-haeufige-kritiken-1/ In den zurückliegenden Jahren gab es in Berlin von den Kirchen, CDU und FDP verschiedene Vorwürfe und Kritik zu einem Ethikfach für alle. Bei gründlicher Betrachtung und Analyse wird jedoch deutlich, dass sie aus jeweils verschiedenen Gründen gegenstandslos sind. In der öffentlichen Debatte gibt es immer wiederkehrende Kritik und Vorwürfe am neuen Berliner Ethikunterricht, auf die wir im Folgenden eingehen: 1. Das Fach biete keine verlässliche Werteorientierung und vertrete eine Wertebeliebigkeit wie ein "Potpourri von Werten". Richtig ist: Das Fach Ethik stützt sich in seiner Wertorientierung auf die Landesverfassung, das Grundgesetz und die universellen Menschenrechte, die für das friedliche Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Weltanschauungen verbindlich und unabdingbar notwendig sind. Zudem sollen sich Schülerinnen und Schüler im Ethikunterricht über Regeln, Normen und Werte in verschiedenen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen austauschen und sich einen ethischen Minimalkonsens für das Zusammenleben erarbeiten. Das Fach leistet damit einen besonderen Beitrag zur Integration von Schülern unterschiedlicher Herkunft in Schule und Gesellschaft. 2. Dem Staat sei es untersagt, Ethik als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler einzuführen. Das ist falsch, wie ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1998 zum Ethikunterricht belegt (siehe dazu Punkt 5). Nach dem Berliner Schulgesetz sind im Übrigen alle allgemeinbildenden Fächer verpflichtet, grundlegende Werte der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft allen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln. Bundesländer können außerdem ein spezielles Pflichtfach für die Wertevermittlung einrichten. Die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können in Berlin in ihren bekenntnisgebundenen Fächern darüber hinaus wie bisher den daran interessierten Schülerinnen und Schülern ihre besonderen Wertvorstellungen, Weltsichten und Traditionen vermitteln. 3. Ein Pflichtfach Ethik verletze die Freiheit der Wahl zwischen verschiedenen wertorientierenden Fächern wie z.B. zwischen Religions- und Weltanschauungsunterricht. Diese Freiheit sei nur in einem Wahlpflichtbereich gegeben. Hier wird der wesentliche Unterschied zwischen allgemeinbildenden Fächern und bekenntnisgebundener Spezialbildung verkannt. "Ein bekenntnisgebundener Religions- und Weltanschauungsunterricht kann ein allgemeinbildenes Fach nicht ersetzen."[1] "Der Staat ist souverän und auch berechtigt, neue Unterrichtsfächer einzuführen, wenn er dies bildungspolitisch und/oder pädagogisch für erforderlich hält."[2] Schülerinnen und Schüler, die darüber hinaus einen Bekenntnisunterricht wünschen, haben auch weiterhin in Berlin die freie Wahl zwischen den Angeboten unterschiedlicher Konfessionen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.[3] Im Übrigen käme niemand auf die Idee, von den allgemeinbildenden Fächern Sozialkunde bzw. Politische Bildung eine Abmeldemöglichkeit für den Besuch spezieller Unterrichtsangebote von politischen Parteien einzuräumen. 4. Der Religions- und Weltanschauungsunterricht werde durch das Fach Ethik aus den Schulen verdrängt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich auch dieser Vorwurf als nicht stichhaltig. Wie schon in Punkt 3 deutlich wurde, bleibt die Wahlmöglichkeit unter den Angeboten der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften neben dem Ethikunterricht erhalten. Außerdem wird das neue Fach Ethik erst ab der 7. Klasse eingeführt. In den Grundschulen wird überhaupt nichts an den Bedingungen des Religions- und Weltanschauungsunterrichts geändert, der dort von 75 Prozent der Berliner Schülerinnen und Schüler besucht wird. Darüber hinaus wurde durch das Schulgesetz den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften die Möglichkeit eröffnet, in Kooperationsprojekten mit dem Ethikunterricht alle Schülerinnen und Schüler themenbezogen mit ihren Wertvorstellungen, Weltsichten und Traditionen bekannt zu machen. 5. Ein Ethikfach für alle Schüler sei verfassungswidrig. Dieser Vorwurf hat sich spätestens durch die Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde von mehreren Eltern und Schülern, vertreten durch die Rechtsanwälte Reymar und Hasso von Wedel durch das Bundesverfassungsgericht (Aktenzeichen 1 BvR 1017/06) als nicht relevant erwiesen. Das Gericht empfahl den Beschwerdeführern, bei der Schulbehörde eine individuelle Befreiung zu beantragen bzw. ihre Kinder auf eine konfessionelle Privatschule zu schicken. Bereits 1998 hatte das Bundesverwaltungsgericht klargestellt: "Der Landesgesetzgeber wäre nicht gehindert, einen Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler vorzusehen und in Kauf zu nehmen, dass die am Religionsunterricht teilnehmenden Schüler im Verhältnis zu den anderen Schülern zusätzliche Schulstunden haben." (BVerwG 6 C 11.97, S. 15 – aus Anlass einer Klage aus Baden-Württemberg) 6. Religionskunde könnten nur Religionslehrkräfte kompetent erteilen. Diese Behauptung verkennt den grundlegenden Unterschied zwischen einem bekenntnisgebundenen Religionsunterricht und einer allgemeinbildenden Religionskunde. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1987 ist es der Gegenstand des konfessionellen Religionsunterrichts, in bestimmte Glaubensüberzeugungen einzuführen. "Diese als bestehende Wahrheiten zu vermitteln, ist seine Aufgabe." ( BVerfGE Bd. 74, S. 244) Das bedeutet zugleich, dass im Bekenntnisunterricht andere Religionen und Weltanschauungen von den je eigenen konfessionellen Wahrheitsansprüchen aus betrachtet und beurteilt werden. Dem gegenüber ist es die Aufgabe des Ethikunterrichts, ein Grundwissen und eine Gesprächsfähigkeit über die wichtigsten Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln, ohne bekenntnisgebundene Bewertungen damit zu verbinden. Negative Erscheinungen wie religiöser und weltanschaulicher Fundamentalismus werden jedoch als solche kritisch nach dem Maßstab von Grundgesetz und Menschenrechten beurteilt. Aus dem Arbeitspapier "Ethikunterricht für alle" des Forums für ein gemeinsames Wertefach Anmerkungen: [1] Bildungspolitischer Beschluss der Berliner SPD vom 9.4. 2005 [2] Landesdelegiertenversammlung der GEW, 25./26.5. 2005, Beschluss Nr. 6 [3] Gegenwärtig wird durch das Land Berlin trotz seiner Haushaltsnotlage der Bekenntnisunterricht zu 90 Prozent bezuschusst (Personalkosten). Das betrifft folgende Angebote: Evangelischer Religionsunterricht, Humanistische Lebenskunde, katholischer Religionsunterricht, islamischer (sunnitischer und alevitischer) Religionsunterricht, jüdischer Religionsunterricht, buddhistischer Religionsunterricht und griechisch-orthodoxer Religionsunterricht. Warum kann Religionsunterricht nicht Ethikunterricht ersetzen?
Andrea Härtel http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/religions_weltanschauungsunterricht/deutschland/back/religions-weltanschauungsunterricht/article/warum-kann-religionsunterricht-nicht-ethikunterricht-ersetzen/ Unterschiede zwischen bekenntnisgebundenem und religionskundlichen Unterricht Nach dem Grundgesetz wird der Religionsunterricht „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft“ erteilt (Art. 7 Abs. 3 Satz 2 GG), was ihn vom allgemeinbildenen religionskundlichen Unterricht abgrenzt. Dieses Übereinstimmungsgebot hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Beschluss vom 25. Februar 1987 so ausgelegt, dass der Religionsunterricht „in 'konfessioneller Positivität und Gebundenheit'“ zu erteilen ist: „Er [der Religionsunterricht] ist keine überkonfessionelle vergleichende Betrachtung religiöser Lehren, nicht bloße Morallehre, Sittenunterricht, historisierende und relativierende Religionskunde, Religions- oder Bibelgeschichte. Sein Gegenstand ist vielmehr der Bekenntnisinhalt, nämlich die Glaubenssätze der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Diese als bestehende Wahrheiten zu vermitteln, ist seine Aufgabe“ (BVerfG, 1 BvR 47/84 vom 25. Februar 1987, S. 244f.; eig. Hervorh.). Während der Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes sich also als bekenntnisgebundener Unterricht inhaltlich auf eine konkrete Religion bezieht und somit den „besonderen Wahrheitsanspruch religiösen Glaubens“ mit einschließt, erfolgt im religionskundlichen Unterricht die „bekenntnismäßig neutrale Vermittlung von Informationen über eine oder mehrere Religionen“ (Classen 2006: 193). http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/religions_weltanschauungsunterricht/deutschland/back/religions-weltanschauungsunterricht/article/warum-kann-religionsunterricht-nicht-ethikunterricht-ersetzen/ Argumente von „Pro Reli“ auf dem Prüfstandhttp://proethik.humanistische-union.de/start/detail/back/startseite/article/argumente-von-pro-reli-auf-dem-pruefstand/ Im Folgenden gehen wir auf die Behauptungen der Initiative "Pro Reli" ein. 1. Behauptung: "Ethik/Religion schafft Wahlfreiheit" Was auf den ersten Blick plausibel erscheint, ist es bei näherer Betrachtung nicht. Ein Wahlzwang zwischen dem konfessionellen Religionsunterricht und dem allgemeinbildenden Fach Ethik ist so wenig sinnvoll wie eine Wahl zwischen Religion und Biologie oder Sport. In dem entscheidenden Punkt der Glaubensfreiheit würde die Einführung eines Wahlpflichtfaches Ethik/Religion die gegenwärtig bestehende Wahlfreiheit gerade beschränken. Alle Schüler und Schülerinnen können sich gegenwärtig für oder gegen einen Bekenntnisunterricht entscheiden, ohne dass eine Entscheidung gegen den Bekenntnisunterricht für sie negative Folgen hätte. Wer einen Bekenntnisunterricht wünscht, kann zudem zwischen den Angeboten unterschiedlicher Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften auswählen. Bei einem Wahlpflichtfach Religion müsste Schüler und Schülerinnen, die sich gegen eines der bestehenden religiös bzw. weltanschaulich gebundenen Angebote entscheiden, ersatzweise das Fach Ethik belegen. Eine wirklich freie Entscheidung gegen den Religionsunterricht wäre also nicht möglich. Berlin ist auch rechtlich nicht gehalten, Schülern und Schülerinnen die Wahl zwischen Ethik und Religion zu ermöglichen. Dem Berliner Landesgesetzgeber steht es vielmehr zu, im Rahmen seines staatlichen Erziehungsauftrages nach Art. 7 Abs. 1 Grundgesetz einen Ethikunterricht für alle Schüler und Schülerinnen als allgemeinbildendes ordentliches Lehrfach einzuführen. Verboten ist dem Staat lediglich, die Schüler und Schülerinnen selbst in einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu unterrichten. Der Ethikunterricht ist aber gerade religiös und weltanschaulich neutral angelegt. Das hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Beschluss über eine Verfassungsbeschwerde gegen den Berliner Ethik-Unterricht festgestellt (BVerfG, Nichtannahmebeschluss v. 15.03.2007, 1 BvR 2780/06). Schüler und Schülerinnen sind grundsätzlich im Rahmen ihrer Schulpflicht zum Besuch der ordentlichen Lehrfächer verpflichtet. Eine Möglichkeit zur Abmeldung kann nur ausnahmsweise in besonders begründeten Fällen bestehen. Etwas anderes kann auch nicht für das Fach "Ethik" gelten. 2. Behauptung: "Ethik/Religion nimmt den unterschiedlichen Erfahrungshorizont der Schüler ernst" Das ist sehr zu hoffen, ist aber kein stichhaltiges Argument gegen den gemeinsamen Ethikunterricht, der zur Neutralität und Fairness gegenüber unterschiedlichen Bekenntnissen verpflichtet ist. Wie der an ein Bekenntnis gebundene Religionsunterricht andere Religionen oder weltliche Orientierungen behandelt, bleibt ihm dagegen selbst überlassen. Darum sollte dieser Unterricht uneingeschränkt freiwillig bleiben. Eine Allgemeinbildung über die Weltreligionen im gemeinsamen kann er nicht ersetzen. Auch Konfessionslose sollen etwas über das Christentum erfahren, auch Muslime etwas über das Judentum - und zwar nicht nur aus der Perspektive von Lehrerinnen und Lehrern, die gesetzlich an ein bestimmtes Bekenntnis gebunden sind. Zwar sind sicherlich auch die meisten Religionslehrerinnen und -lehrer bemüht, auch andere Auffassungen angemessen zu behandeln, eine Garantie gibt es dafür aber nicht. Das betrifft übrigens keinesfalls nur den Islam. Auch z.B. die evangelische Kirche gab mit ihrer Kampagne "Keine Werte ohne Gott" zumindest Anlass zum Zweifel, ob sie säkulare Wertorientierungen immer ernst nimmt. Das muss sie auch nicht tun, aber für einen staatlichen Unterricht scheint uns dies keine geeignete Leitlinie zu sein. Der Wert der Menschenrechte ist universell. Sie können unterschiedlich begründet werden und sie gelten unabhängig davon, ob jemand an Gott glaubt. Um noch besser zu gewährleisten, dass Ethiklehrerinnen und -lehrer die unterschiedlichen Wertorientierungen ernst nehmen, fordert die Humanistische Union eine Verbesserung ihrer Ausbildung. 3. Behauptung "Ethik/Religion fördert Toleranz" "Pro Reli" behauptet, dass das Wahlpflichtfach Religion Toleranz fördere, weil Schüler und Schülerinnen den Wert von Grundüberzeugungen an sich zu schätzen lernen würden. In der Diskussion über Toleranz ist umstritten, ob jemand nur dann tolerant sein kann, wenn er oder sie einen festen Standpunkt hat, von dem aus andere Ansichten und Überzeugungen geduldet werden können. Ebenso gut lässt sich vertreten, dass es eines solchen festen Standpunktes gerade nicht bedarf, er vielmehr hinderlich sein kann (so wohl die Annahme in der Ringparabel in Lessings "Nathan der Weise"). Im gegenwärtigen Berliner Modell wird Toleranz gefördert, indem alle Schüler und Schülerinnen über die Vielfalt an Meinungen und Auffassungen im religiösen und weltanschaulichen Spektrum informiert werden, ohne einen festen Standpunkt zu vermitteln (was dem Land Berlin im Übrigen auch verwehrt wäre). Alle, die darüber hinaus standpunktgebundene Unterweisung wünschen, können Religionsunterricht oder weltanschauliche Lebenskunde wählen. 4. Behauptung: "Ethik/Religion bietet authentische Lehrer" Das mag zutreffen, Gleiches gilt aber auch für das bestehende Modell. Auch Lehrerinnen und Lehrer des gemeinsamen Ethikunterrichts können (und sollen) Theorie und Praxis miteinander verbinden und an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler anknüpfen. Ihre Neutralitätspflicht bezieht sich nur darauf, dass sie nicht für eine bestimmte Religion oder Weltanschauung Partei ergreifen dürfen. Selbstverständlich dürfen sie aber für die Werte eintreten (und sie möglichst vorleben), die sich aus der Verfassung oder dem Bildungsauftrag der Schule ergeben. Sofern mit "Authentizität" die Gebundenheit an ein bestimmtes Bekenntnis gemeint ist, besteht in Berlin die Möglichkeit, am freiwilligen Religions- oder Lebenskunde teilzunehmen. Zudem können (und sollen) authentische Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften in den Ethikunterricht eingeladen werden. 5. Behauptung: "Ethik/Religion löst das momentane Dilemma des Pflichtfachs Ethik" "Pro Reli" argumentiert, ein nicht abwählbares Fach Ethik stehe vor dem Dilemma, einerseits Werte vermitteln zu sollen, andererseits weltanschaulich neutral sein zu müssen. Bei den Werten, die im Ethikunterricht "vermittelt" werden sollen, handelt es sich aber gerade nicht um religiös oder weltanschaulich gebundene, sondern um solche, die auch völlig unabhängig vom Bekenntnis Geltung beanspruchen können, wie z.B. die Menschenrechte oder die Beachtung von Regeln der Toleranz, der Fairness und der Gleichberechtigung. Wertebildung findet zudem nicht einfach durch die Übernahme dessen statt, was vorgegeben wird, sondern durch Austausch, Reflektion und die Auseinandersetzung mit Unterschieden. Dazu bietet ein gemeinsamer Unterricht bessere Möglichkeiten als ein jeweils nach unterschiedlichen Überzeugungen getrennter. Neutralität ist auch in anderen Fächern sicher eine Herausforderung für die Lehrenden, aber kein unauflösbares Dilemma. Auch wer Politik unterrichtet, ist zur Neutralität verpflichtet, kann aber Wissen vermitteln und Diskussionen moderieren. Niemand käme jedenfalls auf die Idee, die gebotene Neutralität sei nur zu gewährleisten, indem die Schülerinnen und Schüler zwischen christdemokratischem oder sozialdemokratischem Politikunterricht oder einem Fach für den Rest wählen müssten. 6. Behauptung: "Ethik/Religion sichert staatliche Neutralität" "Pro Reli" argumentiert, dass Wertevermittlung weltanschaulich nie neutral sei. Mit dem Fach Ethik mische sich der Staat in Weltanschauungsfragen ein und verletze damit seine Neutralitätspflicht. Allerdings wird der Staat durch das Grundgesetz nicht zu absoluter Wertneutralität verpflichtet. Ihm ist lediglich untersagt, sich zu einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu bekennen. Die staatliche Schule muss sich aber zu den Werten des Grundgesetzes bekennen und diese im Unterricht vermitteln. Insoweit darf der staatliche Unterricht gerade nicht neutral sein. Werte wie Menschenrechte, Gleichberechtigung, Pluralismus und demokratische Verfahren, auf denen unser Grundgesetz aufbaut, können und sollen im ordentlichen Unterricht vermittelt werden. Die gebotene Neutralität des Staates in Glaubensangelegenheiten wird dagegen durch die von "Pro Reli" vorgeschlagene Regelung in Frage gestellt. Ihr Gesetzentwurf sieht u.a. gemeinsame Unterrichtseinheiten von Religions- und Ethikunterricht vor. Das würde bedeuten, dass auch Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht wünschen, sich religiöser Unterweisung nicht entziehen könnten. Das ist mit der Religionsfreiheit nicht vereinbar. Zudem stellt sich die Frage, mit welchem Religionsunterricht gemeinsame Phasen stattfinden sollen. Eine Privilegierung bestimmter Religionen bzw. Konfessionen würde gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen. 7. Behauptung: "Ethik/Religion vermindert die Fundamentalismusgefahr" "Pro Reli" legt nahe, nur in einem Wahlpflichtbereich mit Religion als ordentlichem Fach könnten Schülerinnen und Schüler lernen, dass Religion und Verfassungstreue keine Gegensätze sind. Aber auch im derzeitigen freiwilligen Religionsunterricht in Berlin darf keine verfassungswidrige Propaganda verbreitet werden. Umgekehrt schließt auch ein Wahlpflichtbereich nicht aus, dass dort Gemeinschaften ihren Platz beanspruchen, die als fundamentalistisch bezeichnet werden könnten. Das Recht auf Erteilung von Religions- oder Weltanschauungsunterricht steht allen Bekenntnisgemeinschaften zu. Wer das Risiko des Fundamentalismus ganz ausschließen will, müsste Religionsunterricht deshalb in jeder Form aus der Schule heraushalten. Der wesentliche Unterschied zwischen dem von "Pro Reli" geforderten Wahlpflichtfach und dem bestehenden Berliner Modell ist die Rolle des Ethikunterrichts. Nur wenn dieser - wie bisher - ein Fach für alle Schülerinnen und Schüler ist, ist gewährleistet, dass alle etwas über das Verhältnis von Religionen und Verfassung lernen. Für ein tolerantes, weltoffenes Berlin!Im weltoffenen Berlin treffen sich viele Menschen unterschiedlichster Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Angesichts dieser nicht immer konfliktfreien Vielfalt ist es wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler Toleranz und Respekt füreinander lernen. Dies geschieht erfolgreich durch das neue Schulfach „Ethik“, das wir unterstützen. Die kirchennahe Initiative „Pro Reli“ will jetzt den gemeinsamen Ethikunterricht abschaffen. Die Humanistische Union setzt sich für den gemeinsamen Ethikunterricht ein, denn:
Aus diesem Grund beteiligt sich die Humanistische Union an der gemeinsamen Initiative "Pro Ethik" und unterstützt den Aufruf für den Erhalt des gemeinsamen Ethikfaches. Auf den folgenden Seiten können Sie sich über die Entstehungsgeschichte des Ethikunterrichts informieren, finden Hintergrundinformationen Religionsunterricht in Berlin und dem rechtlichen/finanziellen Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Humanistische Union: Irrtümer und Missverständnisse zum Volksbegehren
www.humanistische-union.de/aktuelles/aktuelles_det... 1. Unsinnig ist die Behauptung, dass das geltende Recht die freie Wahl zwischen Ethik und Religion verhindert. Ethik ist nicht Ersatz für Religion und Religion ist nicht Ersatz für Ethik. Wer für sich persönlich oder seine Kinder den Glauben für bedeutsam hält, kann derzeit noch Religionsunterricht in der Schule frei wählen – neben dem Ethikunterricht. Nach dem Willen von „Pro Reli“ soll das nicht mehr möglich sein. 2. Unwahr ist es zu behaupten, dass nur die Abwahl des Ethikunterrichts und die Wahl des getrennten Religionsunterrichts den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bietet, ihre eigenen religiösen Wurzeln kennen zu lernen. Niemandem wird zugemutet, in der Schule auf seine Religion zu verzichten. Richtig ist vielmehr: Die am Religionsunterricht teilnehmenden Schülerinnen und Schüler erhalten die Chance, darüber hinaus im Ethikunterricht auch fremde religiöse und kulturelle Wurzeln kennen zu lernen und sich mit Andersgläubigen auseinander zu setzen. 3. Diffamiert wird das Fach Ethik als „Zwangsfach“. Alle ordentlichen Unterrichtsfächer in der Schule sind im Rahmen der Schulpflicht verpflichtend. Für das Fach Ethik gilt nichts anderes. Mit Religionsfreiheit hat das Fach nichts zu tun, weil es in diesem um Kenntnisse und gerade nicht um das eigene Bekenntnis zu einer bestimmten Weltanschauung geht. Eine Abmeldung vom Ethikunterricht lässt sich nicht religiös begründen. 4. Unbewiesen ist die Unterstellung, im Ethikunterricht würden Schülerinnen und Schüler staatlich indoktriniert oder zu Atheisten erzogen. Die religiöse und weltanschauliche Neutralität des Unterrichts ist ausdrücklich vorgeschrieben. Die Glaubensgemeinschaften waren und sind aufgerufen, an den Lehrplänen für den Ethikunterricht mitzuwirken, sie können den Unterricht in einzelnen Kooperationsphasen sogar mitgestalten. 5. Unehrlich sind die Kirchen, wenn sie in Berlin die Freiheit der Wahl zwischen Religionsunterricht und dem angeblichen „Zwangsfach“ Ethik fordern. Nicht nur, dass sich die Freiheit der Wahl beim näheren Betrachten als Zwang zur Entscheidung zwischen Ethik oder Religion entpuppt; in anderen Bundesländern bestehen gerade die Kirchen darauf, dass Ersatzfächer wie Ethik, Philosophie oder Werte und Normen für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend sind, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. In einem Ersatzfach Ethik für Religionsverweigerer sehen Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutschland offenbar keine „Bevormundung“, in einem normalen Schulfach hingegen schon. Haben die beiden christlichen Kirchen keine Hemmungen, anders- oder nichtgläubigen Kindern jenes „Zwangsfach“ aufzuerlegen, dass sie für die eigenen Glaubensanhänger unbedingt verhindern wollen? 6. Beschämend ist es, den Befürwortern der geltenden Rechtslage Religionsfeindlichkeit zu unterstellen. Das Gegenteil ist der Fall: Allen Bürgern der Stadt soll weiterhin die Freiheit bleiben, sich zu ihrer Weltanschauung oder ihrer Religion zu bekennen und sie auch öffentlich auszuüben. Zur Religionsfreiheit gehört aber auch die Freiheit, sich von Religionen abzuwenden oder ihnen fern zu bleiben. Die Befürworter der geltenden Sach- und Rechtslage wollen die vielfältigen religiösen Wurzeln unserer Kultur weder verleugnen noch bekämpfen, die kulturellen Leistungen der Religion sind wesentlicher Bestandteil unserer Geschichte. Vermieden werden soll allein ein Sonderunterricht in Religion und die damit verbundene konfessionelle Aufteilung der Schülerschaft. 7. Bagatellisiert wird von „Pro Reli“ die durchaus nicht selbstverständliche Tatsache, dass an den Schulen der Stadt seit langem Religionsunterricht stattfindet, namentlich auch für die evangelischen und katholischen Christen, einer deutlichen Minderheit der Stadtbevölkerung. Für diesen Bekenntnisunterricht zahlt das Land Berlin jährlich rund 50 Mio. Euro, die von allen steuerzahlenden Bürgerinnen und Bürgern der Stadt aufgebracht werden, unabhängig von ihrer Konfession. 8. Unterschlagen wird von den Befürwortern des Volksbegehrens, dass die verfassungsrechtliche Zulässigkeit des Ethikunterrichts längst geklärt ist. Bereits im März 2007 hat das Bundesverfassungsgericht über eine Klage gegen den Ethikunterricht im Berliner Schulgesetz entschieden. Das eindeutige Urteil: Der Ethikunterricht verstößt nicht gegen unsere Verfassung. Die Richter berücksichtigten sowohl die besondere Situation Berlins und prüften sorgfältig jene Argumente gegen das Ethikfach, die von „Pro Reli“ weiterhin öffentlich verbreitet werden. 9. Irreführend ist die Forderung von „Pro Reli“, das Grundrecht auf Teilnahme am Religionsunterricht als ordentlichem Lehrfach nach Artikel 7 Abs. 3 Grundgesetz müsse auch in Berlin gelten. Abgesehen davon, dass es umstritten ist, ob Artikel 7 Grundgesetz in den anderen Bundesländern überhaupt als Grundrecht anzusehen ist, wird hier verschwiegen, dass das Grundgesetz selbst die Geltung von Artikel 7 in Berlin ausdrücklich suspendiert (Artikel 141 Grundgesetz). Es wäre deshalb Aufgabe des Senats, prüfen zu lassen, ob das Grundgesetz überhaupt eine Regelung zuließe, die Religionsunterricht in Berlin als ordentliches Lehrfach vorsieht. 10. Unterschätzt werden die Chancen, die das Fach Ethik gerade in einer Stadt wie Berlin bietet, die so viele unterschiedliche Kulturen, Ethnien, Glaubensgemeinschaften und Lebensstile umfasst. Wo kann Integration vorbereitet, geübt und gelebt werden, wenn nicht in der Schule? Wo kann dies besser geschehen als in einem gemeinsamen Fach, in dem religiöse, ethische und existenzielle Fragen gestellt und erörtert werden, die unser aller Zusammenleben berühren? Der gemeinsame Unterricht aller Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 bis 10 im Fach Ethik und die Möglichkeit, darüber hinaus Religionsunterricht zu wählen, bieten ein Höchstmaß an Freiheit und Integration.
Humanistische Union: Publikationen: Mitteilungen
www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilun... Argumente – FehlanzeigeDass in dieser religionskämpferischen Atmosphäre manchmal die Übersicht verloren ging, ist nicht verwunderlich. „Pro Reli“ war von vornherein auf Finten angelegt: So warb die Initiative mit dem Slogan „Wahlfreiheit“, obwohl sie gerade die freie (Ab-)Wahl des Religionsunterrichts durch einen Entscheidungszwang ersetzen wollte. Die Kampagne bediente das Klischee einer religionsfeindlichen linken Landesregierung, die angeblich den Religionsunterricht bedrohe. Dabei war es eben jene Regierung, die 2006 den Berliner Staatskirchenvertrag unterzeichnete und damit kirchliche Privilegien verankerte. An der Finanzierung und den Rahmenbedingungen des Religionsunterrichts hatte sich seit der Einführung des Ethikfaches nichts geändert. Eben jener Ethikunterricht, gegen den „Pro Reli“ so fleißig agitierte, sollte nach dem Gesetzentwurf nicht mehr wie bisher ab dem 7. Schuljahr, sondern für alle „Nichtgläubigen“ bereits ab der 1. Klasse verpflichtend werden. Zwischenruf : Die gottlose Hauptstadt - Politik - Extra - STERN.DE
www.stern.de/politik/deutschland/zwischenruf/:Zwis... Zwischenruf:Die gottlose Hauptstadt![]() Klaus Wowereit hat die Sozialdemokraten zum
ersten Mal in einen Kampf gegen die Kirchen geführt - und mit
einer großen Traditionslinie seiner Partei gebrochen. Es ist ein schaler Triumph. "Nach wie vor", sagt Klaus Wowereit, "nach wie vor" sei der rot-rote Senat an einer "konstruktiven Zusammenarbeit mit den Kirchen" interessiert. Eine Selbstverständlichkeit, als generöses Angebot des Siegers im Kirchenkampf formuliert. Vielleicht ahnt er ja nun zumindest, welchen Einschnitt es für die Kultur der Hauptstadt bedeutet, dass er den Volksentscheid für die Wahlfreiheit zwischen Ethik- und Religionsunterricht an den traditionell miserablen Schulen Berlins zum Scheitern gebracht hat. Dass er die Stadt aufs Neue gespalten hat zwischen dem (noch) religiös geprägten Westen und dem überwältigend atheistischen Osten, umerzogen in der DDR. Dass er schließlich sich und seine Partei, die SPD, in eine verhängnisvolle Rolle manövriert hat. Geschichtslos, machtvergessen, kirchenfeindlich. Und isoliert, auf der Insel der heidnischen Hauptstadt, in der nur noch 40 Prozent einer Religion angehören - in München, zum Vergleich, sind es 95 Prozent. ![]()
© Alfred Steffen
Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges
Das hat nicht nur kulturelle, es hat auch politische Folgen.
Für Wowereit, den ehedem katholisch Getauften und nun
säkular Konvertierten, zuallererst. Wer kann ihn sich jetzt
noch vorstellen als Kanzlerkandidaten einer Partei, die siegen
will, überall? Wer sein Kind am Nachmittag, nach der Schule,
zum Ballettunterricht bringe, könne es ja wohl auch zum
freiwilligen Religionsunterricht gehen lassen, hat er gesagt.
Und gar nicht begriffen, was es bedeutet, Ballett und Religion
auf eine Ebene zu stellen, auf das Niveau eines Hobbys - in
einer Zeit, in der landauf, landab über Werte und die Unabdingbarkeit
ihrer Vermittlung geredet wird. Man dürfe den
Gegnern "keine Vorlagen" liefern, warnte er seine Partei,
hämmerte sie zum monolithischen Block in der Gewissensfrage.
Und begriff gar nicht, dass solcher Ton an den Kirchenkampf
der DDR erinnern könnte - fortgeführt voll Inbrunst
vom Koalitionspartner, der Linkspartei. "Pro Reli"
Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat,
ertrug das nicht und unterschrieb
"pro Reli" - wie auch Wolfgang Thierse
und die Linke Andrea Nahles. Sie brachen
das feige Stillhalteabkommen der Bundes-SPD mit Wowereit, nahmen seinen Zorn
auf sich. Das darf man Steinmeier - und
den beiden anderen - nicht vergessen.
Denn Klaus Wowereit hat einen symbolmächtigen
Bruch vollzogen mit der Geschichte
der SPD. Zum ersten Mal hat er
sie, geschlossen und ohne erkennbaren internen
Widerspruch, in einen Wahlkampf
geführt gegen alle großen Religionsgemeinschaften:
Protestanten, Katholiken, Juden,
Muslime. Jene SPD, die nie einen evangelischen
Arbeitskreis brauchte, weil die
gesamte Partei dieser Arbeitskreis war.
"Sprach die Kirche mit staatlichen oder
parteipolitischen Vertretern, so traf sie immer
wieder auf ihre eigenen Leute", sagte
einst Jürgen Schmude, Bildungs-, Justizund
Innenminister in den besseren Zeiten
der Sozialdemokraten. "Christliche Tradition als prägender Kulturfaktor"
Von 1985 bis 2003 war Schmude Präses
der Synode der Evangelischen Kirche in
Deutschland. Er stand in großer Tradition.
Gustav Heinemann, Sozialdemokrat und
späterer Bundespräsident, war der erste
Präses nach dem Krieg. Beide verzahnten EKD und Partei.
"Dass die Kirche heute schwächer ist, als mancher sie sich
wünscht, kann ja wohl kein vernünftiger Grund sein, ihrer
weiteren Schwächung auch noch Vorschub zu leisten", sagte
Schmude 1998 und beschwor "das Gewicht der christlichen
Tradition als prägender Kulturfaktor". Nun hat Wowereit -
ausgerechnet in der Hauptstadt, der Herzkammer der Wiedervereinigung
- mehr als nur Vorschub geleistet, die Kirchen
an den Rand der Gesellschaft zu drängen.
Ohne die
evangelische
Kirche wären
Ethos, Richtung
und Erfolge
der SPD
undenkbar
Darunter die evangelische Kirche, ohne die Ethos, Richtung und Erfolge der Sozialdemokratie undenkbar wären. 1961 wandten sich evangelische Wissenschaftler, darunter Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg, im "Tübinger Memorandum" gegen eine nukleare Aufrüstung. 1965 bereitete die EKD mit ihrer Ost-Denkschrift, die den Verzicht auf die deutschen Ostgebiete forderte, die Friedenspolitik Willy Brandts vor. 1966, zum 60. Geburtstag Herbert Wehners, schrieb Bischof Hermann Kunst auf Einladung Brandts einen offiziellen Glückwunschartikel in der Parteizeitung "Vorwärts". In den 80er Jahren standen die Protestanten an der Seite der Friedensbewegung. 1989 wäre der Sieg der friedlichen Revolution in der DDR ohne Schutz und Rückhalt der evangelischen Kirche nicht möglich gewesen. Perdu in Berlin, im Jahr des 20. Jubiläums. Übrigens: Ich gehöre keiner Kirche an, habe aber "pro Reli" votiert. Meine beiden Töchter, inzwischen erwachsen, wurden nicht getauft. Ich habe sie dennoch in den Religionsunterricht geschickt, weil ich die christliche Werteerziehung für unverzichtbar halte - und weil sie die Gottesfrage selbst beantworten sollten. Die eine hat sich taufen und konfirmieren lassen, die andere nicht. Das ist die Freiheit, die ich meine.
stern-Artikel aus Heft 19/2009
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