Religion und Theologie, Mythos und Mythologie
Last edited May 22, 2009
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 Schnuppen und Fitzel aus dem Web-All
1. Religion

1.0.

Benjamin Hederich: Gründliches mythologisches Lexikon (1770)
www.textlog.de/lexikon-mythologie.html
Ausgrabungen: Im alten Israel wurde ein weiblicher Gott verehrt | Wissen | Nachrichten auf ZEIT
www.zeit.de/2008/13/A-Religion?page=1
Ausgrabungen zeigen, dass im alten Israel lange Zeit auch eine weibliche Form des Allerhöchsten verehrt wurde

[...]

Genesis 1,27: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie.« Wenn also die Kopien Männer und Frauen sind, moniert Keel, wie kann da das Original ausschließlich männlich dargestellt werden?
[...]

Galt die Bibel früher als Wort Gottes und damit auch in den historischen Passagen als wahr, hat die kritische Bibelwissenschaft längst gezeigt, dass weder Gott dem Moses die fünf Bücher offenbarte noch König David die Psalmen dichtete oder Salomo das Hohelied. Vielmehr ist die Bibel das Werk einer kleinen Elite von Schriftgelehrten, die vor gut 2.600 Jahren in drei, vier Generationen eine Vielzahl von mythischen Erzählungen und neuen Texten zu jenem Korpus zusammenstellten, das die Juden heute als Tanach und die Christen als Altes Testament verehren. Damals war Israel ein Spielball der angrenzenden Großmächte. Erst wurde es von Ägyptern und Assyrern verheert, dann eroberte 587 vor Christus der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem, steckte den Tempel in Brand und verschleppte einen Großteil der Bevölkerung ins Exil. Als die Israeliten ein halbes Jahrhundert später von Kyros, dem Begründer des Perserreichs, die Erlaubnis erhielten, zurückzukehren, war ihr Land nur noch eine persische Provinz.

Wie konnte das geschehen? Hatte Israels Gott Jahwe versagt? Nein, das durfte nicht sein. Deshalb machten sich »Deuteronomisten« ans biblische Werk (sie werden nach dem 5. Buch Mose so genannt, weil das am deutlichsten ihrer streng monotheistischen Intention entsprach). Ihre Absicht war es, zu zeigen, dass die militärischen Katastrophen die Strafe Gottes für Israels Ungehorsam und Vielgötterei waren. Nur das Abschwören von allen Götzen, die alleinige Verpflichtung auf Jahwe werde das gepeinigte Volk einer besseren Zukunft entgegenführen.

[...]

Das Alte Testament ist zum Teil politische Tendenzliteratur

Der Zürcher Theologieprofessor Konrad Schmid, der gerade eine Literaturgeschichte des Alten Testaments vorgelegt hat, stuft die biblischen Texte deshalb als »Tendenzliteratur« ein, die mit einem starken »politisch-theologischen Interesse« geschrieben wurde.

Das macht deutlich, wie wichtig es ist, zur Erklärung der biblischen Welt andere Zeugnisse heranzuziehen. Und die ergeben oft ein ganz anderes Bild.

[...]

Das archäologische Material aus dem 2. Jahrtausend vor Christus zeigt, dass Göttinnen ihren männlichen Partnern im Orient lange gleichwertig gegenüberstanden. Doch schon am Ende des Jahrtausends wurden sie in immer reduzierterer Form abgebildet und auf immer billigerem Material. »Schwer zu sagen, warum das passierte«, sagt Schroer. »Es waren kriegerische Zeiten, die Bedeutung von Gewalt und Militär nahm zu, und wir haben es mit patriarchalen Gesellschaften zu tun.« Leicht hatten es die Deuteronomisten mit ihrer Jahwe-allein-Politik nicht. Das Volk protestierte. »Was das Wort betrifft, das du im Namen des Herrn zu uns gesprochen hast, so hören wir nicht auf dich«, sagte man dem Propheten Jeremia ins Gesicht. Die Menschen wollten der »Himmelskönigin«, die vermutlich mit der Aschera identisch war, weiter opfern. Seit man damit aufgehört habe, fehle es an allem, »und wir kommen durch Schwert und Hunger um«. Das Volk lässt sich seine Religion nicht einfach verbieten.

Um Jahwe als einzigen Gott zu installieren, mussten alle Erinnerungen daran getilgt werden, dass er früher nur ein Gott unter vielen war. Das fängt mit dem Namen an. »Jahwe ist ein Eigenname«, erklärt Othmar Keel. Er kann mit »Er weht« oder »Er ist da« übersetzt werden. Aber ein Eigenname ist nur dort nötig, wo es viele Exemplare einer Gattung gibt. Wenn es nur einen Gott gibt, reicht »Gott«. Keine Verwechslungsgefahr. Tatsächlich nannten die Deuteronomisten Jahwe fortan »Gott«, »Herr«, »Allherr«, »der Name« oder »der Ort«. Dabei scherten sich die Bibelredakteure wenig um den Willen Gottes: Der hatte Moses einst verkündet, Jahwe sei sein Name »für immer«.

Nie wurde von Jahwe behauptet, er besitze einen Phallus

Vollendet wurde die chauvinistische Namenspolitik dann von den griechischen Übersetzern der hebräischen Bibel. Im 2. Jahrhundert vor Christus setzten sie ganz auf kyrios, den »Herrn«. Das hatte eine fatale Engführung zur Folge. »Gott erlebte eine Art Persönlichkeitsveränderung«, erklärt Keel. Dabei sagt nicht erst heute jeder Theologe, dass Gott über den Geschlechtern stehe. »Ich bin Gott, nicht Mann«, heißt es schon beim Propheten Hosea. Neben seinen Rollen als König, Richter oder Hirte hatte Jahwe auch die einer Mutter oder Hebamme inne. Und im Gegensatz zu seinem kanaanäischen Götterkollegen El hieß es von Jahwe nie, er besitze einen Phallus.

Das penetrante Herr, Herr, Herr zeigte mit der Zeit immer mehr Wirkung. Für den christlichen Kirchenvater Augustinus war es um das Jahr 400 nach Christus noch akzeptabel, sich Gott als Vater und Mutter vorzustellen: Vater, »weil er begründet, weil er ruft, weil er befiehlt, weil er herrscht«. Mutter, »weil sie wärmt, weil sie nährt, weil sie stillt, weil sie umschließt«.

[...]

In Maria lebt also das Göttlich-Weibliche fort, davon sind die Ausstellungsmacher überzeugt. Deshalb stellen sie der christlichen Gottesmutter auch ihre antiken Vorgängerinnen gegenüber und zeigen so, wie viele Motive der altorientalischen Göttinnen-Ikonografie fortlebten: Die rund ums Mittelmeer verehrte ägyptische Isis etwa ist Vorbild als stillende Mutter, Gebärerin des künftigen Gottkönigs und Himmelskönigin. Selbst die erotische Komponente der Aschera, das Präsentieren der Brüste, lebt in den Bildern von Maria mit dem Jesuskind fort; sehr zum Missfallen der männlichen Reformatoren des 16. Jahrhunderts.
[...]
»Wir wollten zeigen, dass die Erfahrungen Israels mit dem Göttlichen nicht ausschließlich männlichen Charakters waren«, sagt Bibelforscher Keel. Und dass es patriarchale und klerikale Mächte waren, die das Weibliche über die Jahrtausende hinweg in den Hintergrund drängten. Solange aber der Herr mit dem Rauschebart unsere Vorstellungen des Göttlichen beherrscht, ist es kein Wunder, wenn sich die Männer anmaßen, die Gottheit auf Erden allein zu vertreten.


1.1. Interreligiöser Dialog, Religionssoziologie, Theopolitik

Rainer Forst: Die Ambivalenz der Toleranz Vom schwierigen Balanceakt zwischen Gleichheit und
www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/dok/2008/...
F o r s c h u n g i n t e n s i v 14 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 Die Ambivalenz der Toleranz Vom schwierigen Balanceakt zwischen Gleichheit und Differenz von Rainer Forst Immer wieder sieht man sich . einer Zeitreise gleich . heutzutage ruckversetzt in die truben Zeiten religioser Konfrontationen, denkt man an die Diskussionen uber Plane zum Bau von Moscheen, die Regensburger Rede des Papstes, Karikaturen in danischen Zeitungen oder Kopftucher von Lehrerinnen. Und so ist es ganz folgerichtig, dass der ehrwurdige Begriff der Toleranz allerorten bemuht wird, um konfliktentscharfend zu wirken. Gleichwohl fallt auf, dass haufig jede der streitenden Parteien ihn fur sich reklamiert. Was also heist âToleranzá genau? Gewohnlich verwenden wir die Begriffe Demokratie, Rechtsstaat und Toleranz in einem Atemzug; alle drei gelten als zentrale neuzeitliche Errungenschaften. In geschichtlicher Perspektive denken wir dabei insbesondere an das Ende des 17. Jahrhunderts . die Zeit, in der John Locke seine beruhmten Traktate uber Toleranz und Demokratie schrieb und die Glorious Revolution und der Toleration Act die neue Politik in England bestimmten. Doch auf den zweiten Blick stellt sich die Sache anders dar. Denn hundert Jahre spater, just in dem Moment, in dem in der Amerikanischen und Franzosischen Revolution die sozialen und politischen Verhaltnisse grundlegend umgestaltet werden, horen wir Kant 1784 . in seiner Beantwortung der Frage âWas ist Aufklarung?á . vom âhochmuthigen Namen der Toleranzá sprechen./1/ Und Prozess um Kopftuchverbot: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt im Sommer 2004 uber die Klage einer muslimischen Lehrerin aus Baden-Wurttemberg. Im Laufe der vergangenen Jahre waren immer wieder Gerichte . auch das Bundesverfassungsgericht . mit der Frage befasst, ob Padagoginnen, die aus religioser Uberzeugung ein Kopftuch tragen, mit der Kopfbedeckung unterrichten durfen. als die Nationalversammlung im August 1789 die âErklarung der Menschen- und Burgerrechteá berat, nennt Mirabeau das Wort Toleranz âtyrannischá, da es die Macht enthalte, Religionsfreiheit zu geben oder auch vorzuenthalten. /2/ Goethe wird diese Kritik der Toleranz schlieslich aufnehmen und von der politischen auf die zwischenmenschliche Ebene heben: âToleranz sollte nur eine vorubergehende Gesinnung sein: sie mus zur Anerkennung fuhren. Dulden heist beleidigen. á /3/ So findet sich die Toleranz unversehens im Konflikt mit der Demokratie; sie scheint einer vordemokratischen, absolutistischen Zeit anzugehoren. Umgekehrt aber zeigen die zahlreichen politisch-religiosen Auseinandersetzungen, die von der Neuzeit bis in unsere Gegenwart reichen, dass eine pluralistische Demokratie, in der unterschiedliche Vorstellungen des Guten und des Gerechten aufeinandertreffen, auf die Toleranz nicht verzichten kann. Diese tiefe Ambivalenz der Toleranz, so meine These, ist kein Zufall: Sie kennzeichnet vielmehr den Begriff der Toleranz. Denn nach wie vor umstritten ist nicht nur, wo die Grenzen der Toleranz innerhalb eines politischen Gemeinwesens zu ziehen sind, sondern auch, was Toleranz eigentlich bedeutet und, mehr noch, ob Toleranz im Lichte eines aufgeklarten Demokratieverstandnisses uberhaupt âetwas Gutesá ist. /4/ Zwischen Kruzifix und Kopftuch Einige Beispiele aus der politischen Gegenwart belegen dies: . Anlasslich der âKruzifix-Entscheidungá des Bundesverfassungsgerichts, die im Sommer 1995 die Republik bewegte, wurde und wird daruber gestritten, ob es intolerant ist, Kruzifixe oder Kreuze per Gesetz in offentlichen Schulen anzubringen, oder ob vielmehr die Einwande gegen diese Praxis ein Zeichen der Intoleranz sind. . Im Zusammenhang mit den âKopftuchá-Konflikten wird behauptet, es sei intolerant, einer Lehrerin muslimischen Glaubens das Tragen eines Kopftuchs zu untersagen, wahrend dagegen geltend gemacht wird, genau dieses Kopftuch sei ein Symbol der Unfreiheit und der Intoleranz. . Wahrend die einen die Kritiker des Gesetzes zur âeingetragenen Lebenspartnerschaftá fur gleichgeschlechtliche Paare fur intolerant hielten, konterten diese mit dem Motto âToleranz ja. .Ehe. nein.á Diese Toleranz aber wird von den Befurwortern des Gesetzes gerade abgelehnt. Angesichts solcher Streitfalle, in denen die Parteien je fur sich die Tugend der Toleranz reklamieren, mochte ich von âkomplexená politischen Konflikten reden, und zwar deshalb, weil hier nicht einfach ein politischer Interessenkonflikt vorliegt, sondern eine Auseinandersetzung um das richtige Verstandnis von Toleranz und vor allem: von Demokratie selbst. Ablehnung, Akzeptanz und Zuruckweisung . oder die Komplexitat der Toleranz Wie also sollen wir vorgehen? Beginnen wir zunachst mit einer Analyse des Begriffs der Toleranz. Meines Erachtens zeigt sich hier bei klarer Betrachtung, dass es nicht eine Mehrzahl von âToleranzbegriffená gibt, sondern nur ein sinnvolles Toleranzkonzept. Dazu gehoren, und ich beschranke mich auf das Wesentliche, drei Komponenten: P o l i t i s c h e T h e o r i e F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 15 Lautstarker Protest vor dem Eingang des niedersachsischen Kulturministeriums: Grundschulerinnen aus Soltau demonstrieren 1999 fur ihre muslimische Lehrerin, die von der Kultusverwaltung darin gehindert werden sollte, mit Kopftuch zu unterrichten. Irritation um Rede von Papst Benedikt XVI.: Der wissenschaftliche Vortrag, den das Oberhaupt der katholischen Kirche im September 2006 im Auditorium Maximum der Regensburger Universitat hielt, loste in der islamischen Welt einen Sturm der Entrustung aus. [siehe auch Buchtipp, âBeitrage zur Regensburger Rede des Papstesá, Seite 108] . Die erste ist die âAblehnungs-Komponenteá: Sie besagt, dass die tolerierten Uberzeugungen oder Praktiken als falsch angesehen oder als schlecht verurteilt werden. Ohne diese Komponente lagen entweder Indifferenz oder Bejahung vor, nicht aber Toleranz. . Zweitens gehort zur Toleranz eine positive âAkzeptanz- Komponenteá, die Grunde dafur nennt, wieso es richtig oder gar geboten ist, die falschen oder schlechten Uberzeugungen beziehungsweise Praktiken zu tolerieren. Dabei werden die Ablehnungsgrunde freilich nicht aufgehoben, sondern nur jeweils aufgewogen und ubertrumpft. . Schlieslich gehort eine âZuruckweisungs-Komponente á hinzu, die Grunde fur die Bestimmung der viel diskutierten Grenzen der Toleranz enthalt. Hier uberwiegt eine eindeutig negative Bewertung, die ein Ende der Toleranz und gegebenenfalls ein Eingreifen fordert. Diese Bewertung muss besonders gut begrundbar sein, wenn sie etwa Rechtsfolgen nach sich zieht. Fur die Ausubung der Toleranz ist es entscheidend, wie die rechte Verknupfung dieser drei Grunde aussieht. Festzuhalten ist, dass durch die bisherige Begriffsbestimmung offengelassen wird, ob alle drei Grunde ein- und derselben Art sind, also etwa religioser Natur, oder ob sie unterschiedlicher Art sind, beispielsweise moralisch oder strategisch. Wiederum zeigt ein zweiter Blick die Komplexitat der Sache. Denn die drei Komponenten der Ablehnung, der Akzeptanz und der Zuruckweisung bergen je fur sich eine Paradoxie. Die Ablehnungskomponente ist mit der Paradoxie des toleranten Rassisten konfrontiert. Demnach ware jemand, der andere Menschen aufgrund ihrer âRasseá ablehnt, umso toleranter, je starker diese Ablehnung ist, wenn er nur das Handeln, das aus solcher Ablehnung folgen wurde, bremste . etwa aus strategischen Grunden. Aber wollten wir so jemandem wirklich die Tugend der Toleranz zuschreiben? Sollten wir nicht vielmehr seine Ablehnungsgrunde selbst zuruckweisen? Welches aber sind die Kriterien fur âvernunftige á Ablehnungsgrunde? Bei der Akzeptanzkomponente ergibt sich die Paradoxie moralischer Toleranz, da es in dem Fall, in dem Ablehnung und Akzeptanz moralisch begrundet werden, moralisch richtig oder gar geboten scheint, das moralisch Schlechte zu tolerieren. Kann diese Paradoxie durch eine Grunde-Differenzierung aufgelost werden? Bei der Zuruckweisungskomponente ergibt sich die Paradoxie der Grenzziehung. Denn ein jeder Akt der Grenzziehung gegenuber denen, die als intolerabel . und haufig: als intolerant . erscheinen, wird aus deren Sicht als ein Akt der Intoleranz gesehen, als willkurliche Grenzziehung. Kann diese Willkur vermieden werden, oder verurteilt sie das Unternehmen, die Grenzen der Toleranz auf begrundete Weise ziehen zu wollen, zum Scheitern? Erlaubnis zum Anderssein oder Fortsetzung der Herrschaft mit anderen Mitteln Ausgehend von dem vorgestellten Kernkonzept der Toleranz lassen sich verschiedene Vorstellungen oder Konzeptionen von Toleranz unterscheiden, von denen ich die zwei wichtigsten kurz skizziere, da sie fur eine Analyse der erwahnten Konflikte in pluralistischen Gesellschaften unmittelbar relevant sind. Das erste, klassische Toleranzverstandnis nenne ich Erlaubnis- Konzeption. Eine Autoritat gibt dabei einer oder mehreren Minderheiten die Erlaubnis, ihren als âabweichend á gekennzeichneten Uberzeugungen gemas zu leben, solange sie nicht die Vorherrschaft der Autoritat infrage stellen. Das Anderssein der Minderheiten soll âPrivatsacheá bleiben, innerhalb eines eng umgrenzten und klar definierten Rahmens, den die machthabende Seite allein festlegt; die Toleranz wird gewahrt und kann jederzeit zuruckgezogen werden, wenn die Minderheiten bestimmte Bedingungen verletzen. Ablehnung, Akzeptanz und Zuruckweisung liegen in der Hand der Autoritat, die unter keinem prinzipiellen, institutionalisierten Rechtfertigungszwang steht. F o r s c h u n g i n t e n s i v 16 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 Kruzifix-Streit in bayerischen Schulen: Zwei Jahre nach der Kruzifix- Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts muss sich der Bayerische Verfassungsgerichtshof 1997 erneut mit dem Thema befassen und das neu erlassene Gesetz prufen, das weiter Kreuze in Klassenzimmern vorschreibt, aber eine Widerspruchsregelung enthalt. Karlsruhe hatte die Vorschrift zur Anbringung von Kreuzen unter Hinweis auf die Religionsfreiheit fur verfassungswidrig erklart. Nach dem ersten Eintrag einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft in Hessen: Von Journalisten umringt feiert das lesbische Paar im August 2001 vor dem Frankfurter Romer. Der Landtag in Wiesbaden hatte kurz zuvor das Hessische Ausfuhrungsgesetz zum Lebenspartnerschaftsgesetz beschlossen und damit geregelt, dass die Kommunen selbst entscheiden, bei welchem Amt die Lebenspartnerschaft begrundet wird. chen Normen beruhen darf, die alle Burger gleichermasen akzeptieren konnen. Die âAutoritatá, Freiheiten zu âverleihená, liegt nun nicht mehr bei einem Machtzentrum allein, sondern in einem Prozess der Legitimation, der bestimmte Grundrechte nicht verletzen darf und in Grundsatzfragen ein besonderes Rechtfertigungsniveau vorsieht. Religionsfreiheit ist damit ein Recht, das demokratische Burger einander zugestehen, weil religiose Zwangsausubung nicht wechselseitig gerechtfertigt werden kann. Aktuelle Beispiele: Zwei Toleranz-Modelle im (Wett-)Streit Ein Blick auf unsere Gegenwart zeigt freilich, dass es falsch ist zu glauben, in modernen, demokratischen Gesellschaften sei das zweite Modell das dominierende und das erste gehore einer vordemokratischen, dunklen Vergangenheit an. Diese vertikale Toleranzkonzeption findet sich in einer ideengeschichtlichen Betrachtung bei sehr vielen Autoren, und sie findet sich, wenn man die Perspektive in einem genealogischen Sinne auf die Praktiken der Toleranz erweitert, in den klassischen Toleranzgesetzgebungen, etwa im Edikt von Nantes (1598). Dabei zeigt sich die Ambivalenz dieser Art von Toleranz. Wahrend sie einerseits verfolgten Minderheiten eine gewisse Sicherheit und bestimmte Freiheiten gewahrt, ist sie andererseits eine Fortsetzung der Herrschaft mit anderen Mitteln. Denn die tolerierten Minderheiten mussen ihre Freiheiten mit Gehorsam und Loyalitat gegenuber der Autoritat bezahlen. So ergibt sich ein komplexes Bild der Disziplinierung durch Freiheitsgewahrung: Die Autoritat herrscht, indem sie erlaubt, nicht indem sie verbietet. Diese Toleranz ist es, die in den Bemerkungen von Kant, Mirabeau und Goethe attackiert wird. Tolerierende und Tolerierte . Die Burger und ihr Respekt voreinander Es ware eine zu lange Geschichte, um sie hier zu erzahlen, aus der hervorginge, wie sich im Zuge der revolutionaren Veranderungen ab dem 16. Jahrhundert zunachst in den Niederlanden, dann in England und schlieslich in Amerika und Frankreich eine zweite, nicht vertikale, sondern horizontale, demokratische Toleranzvorstellung Bahn gebrochen hat, die ich Respekt- Konzeption nenne. Dabei ist die Toleranz eine Haltung der Burger zueinander: Sie sind zugleich Tolerierende und Tolerierte, und zwar als dem Recht zugleich Unterworfene und es Autorisierende. Obwohl sie in ihren Vorstellungen uber das Gute und das Seligmachende deutlich voneinander abweichen, erkennen sie einander einen Status als gleichberechtigte Burger (und historisch erst spat: Burgerinnen) zu, der besagt, dass die allen gemeinsame Grundstruktur des politischen und sozialen Lebens allein auf sol- Denn die Erlaubnis-Konzeption hat sich bis in die Gegenwart ihre starke Stellung bewahrt, indem sie sich verandert hat: Nun wird die Erlaubnis gebende Seite als demokratische Mehrheit aufgefasst, die Minderheiten âduldetá. Und so finden wir in den genannten Konflikten just jene zwei Toleranzverstandnisse als sich widerstreitende vor, die auf unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie verweisen. Zur Verdeutlichung: In der Kruzifix-Debatte /5/ fanden es die Vertreter einer Erlaubnis-Konzeption geboten, religiosen Minderheiten zwar die grundsatzliche Freiheit von Gewissenszwang zuzugestehen, keinesfalls aber eine rechtlich-politische Gleichheit in dem Sinne, dass ihr Einspruch dazu fuhren durfte, die christliche Mehrheit der Burger eines Staates daran zu hindern, ihrer âpositiven Religionsfreiheitá dadurch Ausdruck zu verleihen, dass ihre Symbole per Gesetz in Klassenzimmern offentlicher Schulen anzubringen sind. Toleranz gegenuber den âAndersdenkendená hies, sie nicht zu âmissionierená, von diesen wiederum wurde eine ganz andere Toleranz erwartet, namlich die Dominanz der Mehrheit anzuerkennen. Das stellt aus der Perspektive der Respekt-Konzeption die demokratische Funktion der Religionsfreiheit auf den Kopf, denn diese gebietet aus Grunden der Fairness gegenuber Minderheiten eine religiose Neutralitat zentraler gesellschaftlicher Institutionen; sie verbietet es, religiose und staatliche Symbolik auf die besagte Weise zu vermischen. Im Fall des Kopftuch-Streits /6/ erscheint es aus der Perspektive der vertikalen Erlaubnistoleranz ausreichend, einer Lehrerin muslimischen Glaubens die Erlaubnis zur Ausubung ihrer Tatigkeit unter der Bedingung zu erteilen, dass sie auf das Tragen eines âauffalligen á religiosen Symbols verzichtet, dessen Wirkung sich Schulkinder nicht entziehen konnen. Denn auch ungeachtet der Motive der Lehrerin stecke darin eine negative religiose Beeinflussung von Kindern, insbe- P o l i t i s c h e T h e o r i e F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 17 Demo gegen den Bau einer Moschee in Ehrenfeld: Ein Plakat gegen Rechts halten Kolner im Juni 2007 aus ihrer Wohnung, wahrend Anhanger der Aktion âPro Kolná gegen den Bau einer reprasentativen Moschee demonstrieren. schen Kontext zu rechtfertigen. Normen, die solche Freiheiten gewahren oder beschranken, erheben den Anspruch, wechselseitig forderbar und allgemein legitimiert zu sein . ein Anspruch, der die Kriterien von Reziprozitat und Allgemeinheit impliziert. Reziprozitat heist dann, dass niemand seinem Gegenuber bestimmte Forderungen verwehren darf, die er selbst erhebt (Reziprozitat der Inhalte), und dass niemand anderen die eigenen Wertvorstellungen und Interessen einfach unterstellen darf . auch nicht im Ruckgriff auf âhohere Wahrheitená, die ja gerade nicht geteilt sind (Reziprozitat der Grunde). Allgemeinheit bedeutet schlieslich, dass Grunde fur allgemein legitimierbare Toleranz- und Freiheitsregelungen unter allen Betroffenen grundsatzlich teilbar sein mussen. In diesem Sinne ist die Toleranz eine diskursive Tugend der Gerechtigkeit, da sie auf einem Prinzip der Rechtfertigung gerecht( fertigt)er Normen beruht. Die Gerechtigkeit ist damit die Ressource, die dem Begriff der Toleranz Substanz verleiht. Die Tugend der Toleranz, so verstanden, hat zwei Komponenten, eine normative und eine erkenntnistheoretische. Die normative besteht darin, das basale Recht auf Rechtfertigung anderer in Kontexten der Gerechtigkeit anzuerkennen, das eine Pflicht zu reziprok- allgemeiner Rechtfertigung impliziert. /8/ Toleranz zu uben heist dann, in dem Fall, in dem die eigenen Grunde fur oder gegen eine bestimmte Regelung nicht ausreichen, um die Kriterien von Reziprozitat und Allgemeinheit zu erfullen, die eigenen Uberzeugungen zwar nach wie vor als richtig betrachten zu konnen, aber einzusehen, dass sie nicht hinreichend sind, um eine allgemeine Verbindlichkeit zu rechtfertigen. Anders gesagt heist dies zu sehen, dass die eigene ethische Position auf andere Meinungen trifft, die man fur falsch erachtet, die aber weder unvernunftig noch unmoralisch sind, so dass man keine ausreichenden Grunde der starken Zuruckweisung der anderen Uberzeugungen oder Praktiken hat. In dieser Abwagung von Grunden der Ablehnung, der Akzeptanz und der Zuruckweisung steckt eine komplexe Form der Selbstuberwindung und Selbstrelativierung bei Beibehaltung der eigenen Position. Selbstrelativierung und die Endlichkeit der Vernunft Dies weist schon auf die zweite Komponente hin, denn diese Selbstrelativierung ist auch erkenntnistheoretisch zu erklaren, und zwar mithilfe einer Einsicht in die Endlichkeit der Vernunft. âVernunftigeá Personen erkennen nicht nur ihre Pflicht zur Rechtfertigung an, sie erkennen auch, dass es zu ethischen Konflikten zwischen Positionen kommen kann, die zwar nicht widervernunftig sind, die aber doch mit Mitteln der blosen Vernunft weder verifizier- noch falsifizierbar sein mogen. Diese Einsicht macht Toleranz moglich, da die eigene Position nach wie vor fur richtig gehalten wird, dennoch aber die Uberzeugung besteht, dass sie im Widerstreit mit anderen, ebenfalls vernunftigerweise haltbaren Positionen, keine ausreichenden Grunde bietet, um eine allgemeinverbindliche Regelung zu rechtfertigen. Dies ist der Kern der geforderten Selbstrelativierung, und sie erfordert, was etwa religiose Uberzeugungen betrifft, keinen Skeptizismus oder Relativismus, sondern F o r s c h u n g i n t e n s i v 18 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 âAngst vor Auslandern á schuren rechte Parteien im hessischen Landtagswahlkampf im Januar 2008: Auf Wahlplakaten sprechen sich die rechtsextremen Republikaner fur ein âMinarett-Verbotá aus, wahrend die NPD, deren Verfassungskonformitat immer wieder infrage gestellt wird, fur die Abschiebung âkrimineller Auslander á wirbt. sondere von Madchen aus muslimischen Familien. Aus der Perspektive der Respekt-Konzeption der Toleranz wiederum ist es nicht gerechtfertigt, unabhangig vom Einzelfall ein solches Pauschalurteil zu fallen. Vielmehr bedeutet der gegenseitige Respekt unter Staatsburgern, dass sie sich in ihren unterschiedlichen ethisch-kulturellen Identitaten tolerieren und die geltenden Gesetze und Verordnungen daraufhin uberprufen, ob sie dem Anspruch gleichen Respekts gerecht werden oder ob sie âfremdeá Lebensformen benachteiligen und unter Generalverdacht stellen. Kulturell oder religios bedingte Unterdruckung in der Familie oder anderen gesellschaftlichen Bereichen muss gleichwohl aufgedeckt und bekampft werden; dies jedoch nicht um den Preis einer doppelten Stigmatisierung der Betroffenen. Aus der Perspektive der Erlaubnistoleranz ist es ausreichend, Lebensformen gleichgeschlechtlicher Partnerschaft /7/ nicht zu verbieten oder offen zu diskriminieren; eine Gleichstellung in so zentralen Institutionen wie der Ehe jedoch wird wegen der Wertuberzeugungen der uberwiegenden Mehrheit abgelehnt. Aus der Perspektive der Respekt-Konzeption wiederum ist eine rechtliche Gleichstellung geboten, sofern damit nicht die Rechte anderer beeintrachtigt werden, was in solchen Fallen nicht ersichtlich ist. Wer Forderungen erhebt, muss sie auch allen anderen gewahren Um angesichts solcher Konflikte die rechte Toleranzbegrundung zu finden, ist es notwendig, sich noch einmal des Grundproblems der Toleranz zu vergewissern: der Frage, welche Grunde ausreichend sind, um bestimmte Freiheiten oder Freiheitsbeschrankungen im politi- P o l i t i s c h e T h e o r i e F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 19 eine konsequente Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen [siehe auch âReligion, Glauben und Vernunft á, Seite 20]. Diese Toleranzbegrundung, die der Respekt-Konzeption entspricht, ist diejenige, die die Paradoxien der Toleranz bestmoglich auflosen kann. Mit Bezug auf die Paradoxie des toleranten Rassisten impliziert sie, dass auch an Ablehnungen minimale normative Kriterien und Rationalitatsstandards anzulegen sind, so dass in Fallen von Rassismus die Forderung, der Rassist moge doch tolerant sein, die falsche Forderung ist, da man damit seine ablehnenden Vor-Urteile als im sozialen Rahmen hinzunehmende Urteile ansehen wurde. Diese aber stellen selbst das Problem dar: Ein Rassist sollte seine rassistischen Ablehnungen uberwinden, nicht âtolerantá sein. Dies zeigt: Nicht in jedem Fall ist Toleranz die beste Antwort auf Intoleranz. Die Paradoxie moralischer Toleranz ware daher so aufzulosen, dass eine allgemeine Form des demokratischen Respekts unter Burgern es erfordert, all die Uberzeugungen und Praktiken zu tolerieren, die nicht gegen diesen Respekt . oder das Rechtfertigungsprinzip . verstosen, obwohl man sie ansonsten vollstandig oder teilweise ablehnen mag und ethisch falsch findet. Die Paradoxie der Grenzziehung ware vermieden, wenn die Grunde, die die Grenzen der Toleranz markieren, sich selbst am Prinzip des demokratischen Respekts orientierten und die Grenze dort zogen, wo das Recht auf Rechtfertigung oder grundlegende Burgerrechte verletzt werden. Muslim-Protest gegen Mohammed- Karikaturen: Rund 2000 Muslime protestieren im Februar 2006 in Dusseldorf gegen die Mohammed- Karikaturen in danischen Zeitungen. Zwar kritisieren auch die islamischen Spitzenorganisationen in Deutschland die Darstellungen als Provokation und Entwurdigung. Sie lehnen jedoch gewaltsame Reaktionen ab und rufen zur Masigung auf. Prof. Dr. Rainer Forst, 43, befasst sich intensiv mit Grundfragen der politischen Philosophie, insbesondere mit den Begriffen Gerechtigkeit, Demokratie und Toleranz. Der Wissenschaftler wird zur jungeren Generation der âFrankfurter Schuleá gezahlt. 2003 habilitierte sich Forst mit der Arbeit âToleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffsá, die noch im selben Jahr im Suhrkamp Verlag erschien. Darin verfolgt er verschiedenste Toleranz-Begrundungen durch die Jahrhunderte, klopft sie auf ihre aktuelle Relevanz ab, entwickelt eine eigene Konzeption und stellt unter anderem dar, dass die Entwicklung des Toleranz-Gedankens auch eine facettenreiche Geschichte unserer selbst ist. Forst studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Amerikanistik in Frankfurt und New York sowie an der Harvard University. Er promovierte im Jahr 1993 bei dem Sozialphilosophen Prof. Dr. Jurgen Habermas. Seine Promotionsarbeit befasste sich mit Theorien zu politischer und sozialer Gerechtigkeit (Kontexte der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag, 1994). Anschliesend war er als wissenschaftlicher Assistent am Otto-Suhr-Institut fur Politikwissenschaft der Freien Universitat Berlin tatig, von 1996 bis 2002 am Institut fur Philosophie der Goethe-Universitat als Assistent von Prof. Dr. Axel Honneth. Zusatzlich erhielt er in den Jahren 1995/96 und 1999 Gastprofessuren an der Graduate Faculty der New School for Social Research in New York. Nach Professurvertretungen in Frankfurt und Giesen und einem Heisenberg- Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft nahm er 2004 den Ruf auf die Professur fur Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universitat Frankfurt an, beruhmter Vorganger auf dieser Professur war ubrigens Prof. Dr. Iring Fetscher. Im Studienjahr 2005/06 hatte Forst in New York die Theodor-Heuss-Professur an der Graduate Faculty der New School for Social Research ubernommen, einen Ruf an die renommierte University of Chicago lehnte er 2007 ab. Jungst hat ihm die Harvard University eine Gastprofessur fur Philosophie angeboten. Prof. Dr. Forst gemeinsam mit Prof. Dr. Klaus Gunther Sprecher des Exzellenz-Clusters âDie Herausbildung normativer Ordnungená, das die Geistes- und Sozialwissenschaftler im vergangenen Jahr fur die Universitat Frankfurt eingeworben haben. 2007 ist bei Suhrkamp âDas Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeitá erschienen [siehe auch Buchtipp, Seite 107]. forst@em.uni-frankfurt.de www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/rforst1 Der Autor F o r s c h u n g i n t e n s i v 20 F o r s c h u n g F r a n k f u r t 1 / 2 0 0 8 Religion, Glaube und Vernunft Tolerant zu sein heist, dass man die religiosen Uberzeugungen und kulturellen Praktiken anderer, mit denen man keinesfalls ubereinstimmt, duldet und respektiert, sofern Klarheit daruber besteht, auf welcher Basis und mit welchen Grenzen dies geschieht. Wie aber ist solch eine Basis zu finden? Die Religionen selbst bergen eine Reihe von Grunden gegen Glaubenszwang. Das Christentum etwa im Gebot der Liebe und der Duldsamkeit, im Gleichnis vom Unkraut (demzufolge die Gefahr besteht, vor der Zeit den âguten Samená mit zu vernichten [Matthaus 13, 24ff.]), in der Lehre von den zwei Reichen, schlieslich in der Uberzeugung, dass sich das Gewissen nicht zwingen lasst oder dass man es nicht zwingen darf, da der Glaube ein freiwillig zu empfangendes Geschenk Gottes ist und dieser keine geheuchelte Verehrung wollen kann. Andere religios-humanistische Argumente betonen die tieferen Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen. Oder man geht im Sinne von Lessings Ringparabel davon aus, dass sich erst am Ende des ethisch-religiosen Wettstreits auf Erden zeigen wird, wer den echten Ring im Besitz hatte. Die Sache so zu betrachten, kann allerdings zu Fehlern fuhren. Der erste ist zu glauben, die Toleranz sei ein ureigener Besitz des Christentums. Denn nicht nur findet sich eine Vielzahl von Toleranzargumenten auch in anderen Religionen . etwa im Koran 2/256: âEs gibt keinen Zwang in der Religion.á Unsere Geschichte zeigt vielmehr, dass sich solche Argumente nur muhsam unter vielen und schweren Kampfen Bahn gebrochen haben gegen ebenso viele Gegenargumente, die der christliche Glaube birgt, etwa die Pflicht, den Verirrten zu helfen, deren Seelenheil auf dem Spiel steht, wozu oft das Gleichnis vom âZwang zum Eintretená zum bereiteten Mahl [Lukas 14, 16ff.] herangezogen wurde . etwa in den beruhmten Schriften des Augustinus oder bei Thomas von Aquin. Zur Erinnerung: Erst in der Erklarung âDe libertate religiosa á des Zweiten Vatikanischen Konzils (1965) machte die katholische Kirche ihren Frieden mit dem subjektiven Recht auf Religionsfreiheit. Die Toleranz, so sollte man festhalten, war eher eine Errungenschaft derer, die als âKetzerá galten, als eine âdes Christentums á. Wichtiger aber noch ist der Fehler anzunehmen, dass religiose Toleranzbegrundungen, so notwendig sie . besonders im globalen interkulturellen Dialog . auch sind, ausreichen. Denn sie konnen im interreligiosen Dialog nicht als Grundlage eines normativen Gebots wechselseitiger Toleranz dienen, da die jeweiligen Grunde nicht auf die Andersdenkenden ubertragbar sind, seien sie Anhanger anderer Religionen, Agnostiker oder Atheisten. Dann bleibt Toleranz eine einseitige Leistung, was Hochmut ebenso mit sich bringen kann wie Demut. So greift man denn auf âsakulareá Toleranzargumente zuruck, etwa das eines Pluralismus von objektiven Werten oder das skeptische Argument, das religiose Absolutheitsanspruche grundsatzlich anzweifelt. Diese Argumente aber sind selbst vernunftigerweise bestreitbar, und sie bergen auch wieder eigene Gefahren zu enger Grenzziehungen und der Intoleranz denen gegenuber, die eben keine Pluralisten oder Skeptiker sind. Daher bedarf es einer Toleranzbegrundung, die im Streit zwischen Skeptizismus und Religion neutral bleibt und zugleich wechselseitig bindende Grundsatze enthalt. Dabei kommt es darauf an, die Endlichkeit der menschlichen Vernunft in Fragen âletzterá Wahrheiten auf eine Weise zu verstehen, die die eigene Wahrheitsauffassung nur soweit relativiert, dass man die Uberzeugungen der anderen zwar nicht als ebenfalls oder gleichermasen wahr, aber auch als nicht unvernunftig ansieht. Dann ist die Toleranz eine Haltung und Praxis der Vernunft, im praktischen wie im theoretischen Sinne. Ihre normative Komponente besteht im Respekt gegenuber anderen als Freien und Gleichen, denen man wechselseitig zu rechtfertigende Grunde fur die Normen schuldet, denen alle unterworfen sind. Und die Toleranz setzt die Akzeptanz dieses Grundsatzes ebenso voraus wie das Vermogen, in Bezug auf rechtfertigende Grunde zwischen solchen zu unterscheiden, die ich fur richtig halte, weil sie etwa meinem Glauben entsprechen, und solchen, von denen ich uberzeugt sein kann, dass auch diejenigen, die meinen Glauben nicht teilen, sie akzeptieren konnen. Der eigene Glaube kann nur dann als vernunftig gelten, wenn er weis, dass er ein Glaube ist . und sich von Aussagen der Wissenschaft zu unterscheiden weis sowie sich positiv zu moralischen Grundsatzen verhalt, die unabhangig, fur alle moralisch verantwortlichen Personen gleichermasen gelten. Ÿ Der uberzeugendste Toleranzdenker der fruhen Aufklarung: der Hugenotte Pierre Bayle (1647 . 1706): Er entwickelte nicht nur eine Konzeption der autonomen praktischen Vernunft, sondern auch eine zukunftsweisende Unterscheidung von Glauben und Wissen: Demnach ist der Glaube nicht irrational, sondern in Bezug auf letzte metaphysische Wahrheiten, die die endliche Vernunft weder widerlegen noch eindeutig bestatigen konnte, âubervernunftigá. Der vernunftige Glaube stellt sich als toleranter Glaube nicht selbst infrage, weis aber, dass er ein Glaube ist und sieht ein, dass die menschliche Vernunft an ihm festhalt, ihn aber nicht als letztlich wahr beweisen kann.

P o l i t i s c h e T h e o r i e Protest gegen neuen Abdruck von Mohammed-Karikaturen in Pakistan: Als Reaktion auf ein Mordkomplott gegen den Karikaturisten Kurt Westergaard (73) veroffentlichen danische Zeitungen im Februar 2008 erneut jene Zeichnungen, die bereits vor zwei Jahren eine beispiellose Protestwelle in der islamischen Welt auslosten. Westergaard hatte den Propheten als finsteren, vollbartigen Mann mit einer Bombe samt brennender Zundschnur im Turban portratiert. /1/ Immanuel Kant, Was ist Aufklarung?, in Kants gesammelte Schriften VIII, hrsg. von der Konglich Preusischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1912/23, ND Berlin: de Gruyter, 1968, S. 40. /2/ Honore Gabriel Mirabeau, Rede vom 22.August 1789, in H. Guggisberg (Hrsg.), Religiose Toleranz. Dokumente zur Geschichte einer Forderung, Stuttgart- Bad Cannstadt: Frommann- Holzboog, 1984, S.289f. /3/ Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen, in Werke, Bd.6, Frankfurt/ Main: Insel, 1981, S.507. /4/ Die folgenden kurzen Erorterungen beruhen auf meiner historischsystematischen Studie Toleranz im Konflikt, in der die hier angesprochenen Fragen, auch die folgenden Beispiele, umfassend diskutiert werden. Rainer Forst, Toleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs, Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2003. /5/ Siehe dazu insbesondere den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 16.Mai 1995 (1BvR1087/ 91) und die dort referierten Positionen; ausfuhrlicher dazu Forst, Toleranz im Konflikt, ˜38. /6/ Vgl. dazu insbesondere das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 24.September 2003 (2BvR1436/ 02). /7/ Vgl. dazu das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur âeingetragenen Lebenspartnerschaft á vom 17. Juli 2002 (1BvF1/01). /8/ Vgl. dazu Rainer Forst, Das Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007. Anmerkungen Die hohe Kunst der Toleranz Die Toleranz ist eine hohe Kunst, setzt sie doch voraus, dasjenige zu dulden, mit dem man nicht ubereinstimmt, auch aus tief empfundenen Grunden heraus. Toleranz heist nicht, diese Differenz und Ablehnung wegzudrucken, es heist aber, dass man sie so ausdruckt, dass die anderen respektierte Gleiche bleiben . auf Augenhohe, aber nicht ohne wechselseitige Kritik. Keine Gesellschaft hat diesen Lernprozess der Ausbalancierung von Gleichheit und Differenz je abgeschlossen. 
Society of Saint Pius X: SUPERIOR GENERAL’S LETTER TO FRIENDS AND BENEFACTORS #72
www.dici.org/actualite_read.php?id=1214&loc=us
[...] The fundamental principle that dictates our action is the safeguard of the faith, without which no one can be saved, no one can receive grace, no one can be pleasing to God, as the First Vatican Council states. The liturgical question is not paramount; it only becomes such inasmuch as it is the manifestation of an alteration of the faith and, consequently, of the worship due to God.
A notable change of orientation took place at Vatican II with regard to the Church’s outlook, especially on the world, other religions, the State, and even itself. These changes have been acknowledged by all, yet not all judged them in the same way. Until now, they were presented as being very profound, even revolutionary. One cardinal at the Council could even speak of “the 1789 Revolution in the Church.”
While still a cardinal, Benedict XVI phrased it thus: “The challenge of the sixties was to assimilate the best values expressed in two centuries of ‘liberal’ culture. These are values which, even if they originate outside the Church, can find a place, once purified and corrected, in her vision of the world. This is what was done.” In the name of this assimilation, a new vision of the world and its components was imposed: a fundamentally positive vision, which dictated not only a new liturgical rite, but also a new mode of presence of the Church in the world: much more horizontal, and more concerned about social and temporal problems than those of a supernatural and eternal character...
At the same time, the Church’s relationship with the other religions underwent a transformation. Since Vatican II, Rome has avoided any negative or depreciatory observations about other religions. For example, the classic term of “false religions” has completely disappeared from ecclesiastical vocabulary. The words “heretic” and “schismatic,” which used to designate the religions closer to the Catholic Church, have also disappeared [....]. The new approach is called ecumenism, and contrary to what everyone used to think, it does not mean a return to Catholic unity, but rather the establishment of a new kind of unity that no longer requires conversion. [...]
The dogma “outside the Church there is no salvation,” recalled in the document Dominus Jesus, underwent a reinterpretation for the sake of the new vision of things. They could not keep this dogma without broadening the limits of the Church, and this was accomplished by the new definition of the Church given in Lumen Gentium. The Church of Christ is no longer the Catholic Church, it subsists in her. They may say that it subsists only in her, but the fact remains that they claim that the Holy Ghost and this “Church of Christ” act outside the Catholic Church. The other religions are not without elements of salvation... The “Orthodox Churches” become authentic particular churches in which “the Church of Christ” is built.
Obviously, these new views completely disrupted the Church’s relations with the other religions. It is impossible to speak of a superficial change; for what they want to impose on the Church of our Lord Jesus Christ is a new and very profound mutation. John Paul II consequently was able to speak of a “new ecclesiology,” admitting an essential change in the part of the theology that treats of the Church. We simply cannot understand how they can claim that this new understanding of the Church is still in harmony with the traditional definition of the Church. It is new; it is radically different and obliges the Catholic to observe a fundamentally different behavior towards the heretics and schismatics, who have tragically abandoned the Church and scorned the faith of their baptism. From now on they are no longer “separated brethren,” but brothers who “are not in full communion”... and we are “deeply united” by baptism in Christ in an “inamissible” union. The Congregation for the Doctrine of the Faith’s latest clarification of the word “subsistit” is very revealing on this point. Even as it states that the Church cannot teach novelty, it confirms the novelty introduced at the Council...
All the changes introduced at the Council and in the post-conciliar reforms, which we denounce precisely because the Church had already condemned them, have been upheld. The only difference is that now they claim at the same time that the Church does not change... which amounts to saying that these changes are perfectly in line with Catholic Tradition. This confusion of terminology combined with the assertion that the Church must remain faithful to her Tradition might well be troubling to more than a few. [...]

(Source URL: http://www.dici.org/actualite_read.php?id=1214&loc=us)
On Christopher Hitchens's God Is Not Great
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Monday · October 8, 2007

On Christopher Hitchens's God Is Not Great

by Hannes Stein ·

Comments (6)

[This review of the German edition of Christopher Hitchens's God Is Not Great appeared in Die Welt. Translated by Russell Berman.]

There is always something edifying about attending an execution, especially if it's not a human but an idea that is being dispatched from life to death. In God Is Not Great by Christopher Hitchens—for weeks on the bestseller list in the US and the UK—religion is devastated. One has to give it to Hitchens who, as executioner, does a thorough job. First he slips the noose of natural-scientific reason around the neck of piety. Then he lets it quarter itself on its own contradictions, before boiling the pieces in the oil of his righteous anger. Finally he shoots it through with the bullets of logic and, just in case, he lets the guillotine of irony fly down on its neck. Do recall that this is not about religious fundamentalism or fanaticism but rather religion as such. All, truly all, are meant and are buried alive: Catholics, Protestants, Muslims—whether Shiite or Sunni—Hindus, Buddhists, Osho-faithful and, last but not least, Jews as well, to whom Hitchens, with his Jewish mother, belongs at least in the sense of descent.

He is probably the smartest thinker of his generation of baby-boomers in the English-speaking world. He grew up in England, but left early for America where he has enjoyed a brilliant career as a journalist. For many years a Trotskyist, he was a star of the radical Left, fighting against Evil in the incarnations of Henry Kissinger and Mother Teresa, until September 11, 2001, when he was forced to recognize that "forces of reaction" had attacked the US. Suddenly he found himself close to George W. Bush, at least as far as the "War on Terror" went. His erstwhile comrades have never forgiven him this betrayal, but he doesn't seem to care.

Basically Hitchens directs four accusations at religious faith: it misrepresents the origins of man and the universe, it therefore combines a maximum of subservience with a maximum of egotism, it is the source of a dangerous sexual repression, and it is based ultimately on wishful thinking. Of course, Hitchens concedes that there have been a handful of admirable believers—Dietrich Bonhoeffer or Martin Luther King, for example—but they have been admirable primarily due to their humanism not their religion. According to Hitchens, religion is "violent, irrational, intolerant, allied to racism and tribalism and bigotry, invested in ignorance and hostile to free inquiry, contemptuous of women and coercive toward children." [1]

According to Hitchens, the Old Testament, the Hebrew Bible, is one long nightmare, in which a cranky god thrones over a chosen people that he incites to genocide. The New Testament may even be worse, since the allegedly so mild-mannered Jesus preaches the punishments of Hell. He regards the Koran as a plagiarism, and that's the best that can be said about it. Eastern redemption religions are hardly as peaceful as their supporters claim—just consider the bloody chaos in Sri Lanka or the Dalai Lama's reign of terror in Tibet.

But was it not precisely the atheists of the twentieth century who persecuted millions? After all the Gulag was a project of godless Communism; and Hitler was hardly in love with the Tables of the Law from Sinai, with their eternal commandments and prohibitions. But according to Hitchens, religion is to blame in these instances as well. According to him, Communism—with its rigid hierarchy and infallibility illusion—simply imitated the priestly kingdoms of antiquity. Every totalitarian state is—for Hitchens—basically a theocracy. And the Catholic Church stood shoulder to shoulder with fascists, be it in Austria, Hungary, or Slovakia, where a Nazi puppet regime was even led by a cleric (Josef Tiso). To be sure, the Church did have some reservations about the Nazis; but this did not prevent it from signing a concordat with the Hitler regime in 1933.

Moral furor traces glowing paths on the spiritual horizon of this book, for example when Hitchens grows irate over child abuse in the name of religion; but his ferocious indignation does not turn him into a fanatic of atheism. It is quite enough for him to have the faithful burn down each other's churches, mosques, and synagogues. Even though he respects religious customs—taking his shoes off before entering a mosque, etc.—he insists: religion poisons everything. Case is closed. Operation successful. God is dead.

But it is in the nature of the theme that after this intellectual execution, a resurrection follows, as unexpected as unavoidable. Because Hitchens is basically wrong, if not in every detail then certainly in the main question.

My first objection to his thesis that piety poisons everything may seem weak. If religion is truly an evil, why could it motivate so many to great artistic accomplishments? Somewhere Hitchens mentions in passing that he loves Mozart's music (which speaks for him). But what about Mozart's requiem: only a cold-hearted fool could not be gripped by the profound religious seriousness that resounds there. And the spectacular mosques built by Muslims in India? The opening of Bach's Saint Matthew's Passion? His Chaconne in D minor? And finally: what about that anthology of Hebrew writings, marketed for centuries with the Greek name "Bible"? The Joseph story that Thomas Mann retells expansively in his best novel? What about the grandiose and shattering Book of Job, the dark wisdoms of Solomon, the anti-racism of the prophet Amos, the sermon of justice of the most unhappy prophet, the seer Jeremias? Hitchens finds in the Bible only a good phrase or some nice verse, here and there, but nothing more. In general, he finds nothing of quality in it. Given his evident literary sensibilities, it is difficult to believe him on this point.

And this leads to Hitchens's weakest argument. He claims that atheists—in contrast to believers—don't have to stare into the Torah to find edification; instead he and his ilk have works of literature, since Shakespeare, Tolstoy, Schiller, Dostoevsky, and George Eliot treat complex ethical themes better than mythical moral stories of the sacred texts—so he asserts. And with that, he shoots himself in the foot. Since all the writers he cites as examples depend deeply on the Bible. To be compelling, Hitchens's argument would have to be purged of any Judeo-Christian influence. It would run something like this: "Homer, Ovid, Horace, and Virgil treat complex ethical conflicts better than the Old and New Testament." Hardly however a tenable claim (Homer's Iliad or Ovid's Ars Amatoria as moral guides?)

There is an even stronger rebuttal to this book. Hitchens constructs an absolute opposition between religion on the one side and scientific thinking on the other. He spends many pages pummeling creationism and "intelligent design" with the hammer of healthy skepticism. Yet if religious faith is the natural enemy of science, how come so many natural scientists were religious? The monk Johannes Kepler, the deeply pious Isaac Newton, the monk Gregor Mendel, who discovered laws of heredity when crossing peas in the cloister garden? What about the Abbé Georges Edouard Lemaître, the originator of the Big Bang theory, to which some physicists initially objected because it seemed too theological ("Let there be light!")? Hitchens might objects that all these scientists ceased to be religious faithful at the moment when they began to work scientifically. This claim might be just barely tenable in a philosophical sense—but it contradicts all psychological experience. No one, not even a schizophrenic, falls neatly into two logical parts. On this point, a basic weakness of Hitchens's book becomes visible. This clever thinker cannot understand that Jewish monotheism is something unique and ultimately paradoxical: a religion that is critical of religion. The Hebrew Bible begins with a blasphemy. God created the original chaos, in contrast to the pagan gods who emerged from it. And on the fourth day, He set sun, moon, and stars in the heaven, as a sign for times, days, and years. In other words, the planets and stars, which in the rest of the Middle East were worshiped as deities, were nothing more than lamps and clocks.

This was an act of enlightenment. In its wake, man could face creation freely. He was no longer compelled to appeal to it with magical (and often bloody) rituals; he was not forced to fall prostrate in front of every tree nymph or river god. His head was clear enough to marvel at creation—an admiration we find everywhere in the Psalms—and to study its laws with the art of astronomy.

Hitchens's obstinate misunderstanding of the story of Abraham and Isaac is particularly irritating. He repeatedly refers to the monstrosity that according to the Hebrew Bible a father was prepared to sacrifice his son to the glory of God. Hitchens claims that by piling the wood and binding his son, Abraham proved he was familiar with the process, even before he took the knife in his hand to slaughter him like an animal. For Hitchens, this is an atrocity; but for all his outrage, he nearly forgets the point of the story, that in the end Abraham did not kill his son. Hitchens just does not get it: far from grounding the practice of human sacrifice, the story terminates it drastically.

This might all sound like the book is all wrong and superfluous. That is not true. In the end, every believer on the planet would have to concede in a moment of honesty to have felt the tug of doubt. At the same time, there is probably no atheist (be it a Protestant, Catholic, Jewish, or Hindu atheist) who has never wondered about whether there is more beyond us. Or even just a question mark. Philosophical discussions between believers and unbelievers have never been more necessary than now when religion is being used so terribly as a pretext (or cause?) for violence. Hitchens's book reminds us that for such discussions to take place, there has to be some disarmament on both sides. The members of the religious camp have to cease treating secularists as less moral than themselves—the atheists have to stop thinking that believers are less intelligent.


Notes

1. Christopher Hitchens, God Is Not Great: How Religion Poisons Everything (New York: Twelve Books, 2007), p. 56. The German edition is Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet, trans. Anne Emmert (Munich: Blessing Verlag, 2007).

Comments

10/18/2007   10:53 AM

Christopher Hitchens
James

First of all, it is fatuous to say that Christopher Hitchens is "the smartest thinker of his generation of baby-boomers in the English-speaking world." It's just that kind of fawning flattery that causes people like him to take on Everything, including all of the wisdom of the world as it is embodied in religions.

As Joe remarks, philosophy has evolved from religion. Nietzsche, who was the descendant of several generations of clergymen on both sides of his family, said "God is dead," because he noticed that God was no longer a living force among the people he thought counted in the world. Kierkegaard said much the same thing but he stated his solution in religious terms instead of philosophical terms. (Some, including Paul Rée and Lou Andreas-Salomé thought Nietzsche was, in fact, a religious thinker.)

Hopefully, Stein is only setting up a straw man and being ironic calling Hitchens "the smartest thinker of his generation." It could be, of course, that Stein (a German) simply has a very low opinion of American and English thinkers, even though he adds, at the end of the article, "This might all sound like the book is all wrong and superfluous. That is not true."

I speak as a philosopher and atheist myself, in the Nietzschean sense, and I have seen the ravages of religion in my own family and in the world too, because I am not blind. But religion doesn't poison everything, just a lot of things; then again, so does marriage, politics and organized sport (to mention only three human institutions) as Christopher Hitchens knows, all too well.

10/17/2007   12:20 AM

Hitchens, religion and spirituality
John

Hitchens' genius and integrity are just the ticket for a long over due demolition of religious sanctimony and pretension; but he doesn't discuss the difference between religion and spirituality and has only a faint understanding of the latter. Spirituality has nothing to do with that inescapable aspect of religion: deductive belief. Something is true because we say it is.If someone is told that if he sits and watches his thoughts, he will find inner peace and in so doing finds this peace, that is an inductive test of the proferred suggestion. The focus in spirituality is on oneself and the opening of intuitive awareness not the mindless hewing to unproved beliefs. It's not a assault on the mind. It even strengthens the mind.
Hitchens' friend, Sam Harris, a meditator, could teach him a lot on this matter.

10/15/2007   06:51 AM

The Secular, the Religious, and Philosophy
Joseph

Mr. Hitchens overlooks the sins of secularism in order to damn religion all the better. However, after both the Holocaust and the Stalinist Terror, it is perhaps time to compare the sins of secularism to those of religion. Of course, Hitchens anticipates this and, in a move reminiscent of Goring ('A Jew is whoever I say is a Jew'), denounces both Nazis and Stalinists as 'religious'!

Well, this is the sort of 'thinking' that only convinces those already fervently convinced. So, where should we turn for enlightenment in the midst of this crises? To the Religious? No indeed, we turn to the Philosophers. Spinoza ("The Theologico-Political Treatise") begins his revolt against the Bible with this warning: "Prophets have most power among the people, and are most formidable to rulers, precisely at those times when the state is in most peril. (Preface)" Kojeve, in the most recent philosophical paean to the secular state writes: "As long as History continues, or as long as the perfect state is not realized [...] the opposition of these two points of view (the 'philosophical' and the religious or theological) is inevitable. (Introduction, p. 72)"

Yes, in the midst of the religious wars of his time Spinoza begins the long march to modernity. (Actually, our secularism has its origins in the 'Latin Averroism' of the middle ages and, later still, of course, Machiavelli.) But he points out that if the state fails to achieve peace religion will return. Perhaps we are to conclude that this was a warning that the secular ideologies failed to heed?

The history of the modern world is the history of the various secular ideologies failure to achieve peace. They either kill each other or kill their own. But kill they do. - Where do we go from here? Whenever contending forces come together, and none of them can either win or disengage, then something new emerges. We are on the cusp of the rise of something new...

Who knows? Even as I write this, some new Spinoza may be correctly working on overturning what the first Spinoza once correctly helped make... After all, there are only circumstances; the greatest difficulty is doing what circumstances require. The easiest thing is to recite the 'truths' of some secular ideology or religion.

This is why there are so few philosophers and so many believers.

Joe

10/13/2007   03:07 PM

Peter's complaint
MG

Peter is so wrong---unless his comment about "rethoric rabulistic" refers to Hitchens. I fear Peter is the stone for the Church of secularism--basically a bigotted hostility to religion from the standpoint of..what what does he offer? Just "progress"? If his claim is true that the only difference between Christianity and Islam is "600 years of fight of secularism against the evil of religious organizations," then one should hope that Muslims would convert to Christianity to fast forward into the modern world: better the world-view of 2007 than the world view of 1407. By this logic, Peter seems to be saying that Muslims are just backward. So much for secular tolerance.

10/09/2007   10:45 AM

On Christopher Hitchens' "God is Not Great"
Nathan Prophet

Excellent review by Hannes Stein. He exposes Hitchens for what he is, a sophomoric, angry opportunist atheist who just doesn't "get it" when it comes to reason and revelation. Hitchens to me seems to be a man without a soul; an empty automaton cut from the same fabric as Richard Dawkins, Daniel Dennett, and Sam Harris. They seem bent on elevating their own egos by catching the popular wave of trashing religion and God.

Hitchens seems to view all religion as "extremist Islam" bent on destroying the non-believers. For some reason, even Stein kowtows to Hitchens by proclaiming Hitchens to be "intelligent." In my view, Hitchens is as dumb as they get. His argumentation for his wild claims are swiss cheese arguments as Stein points out.

My advice to Hitchens is, "If you ain't tried it, don't knock it."

10/09/2007   05:00 AM

Peter

At best a nicely written article, but much less convincing than Hitchens. No real arguments, but rethoric rabulistic.
It safely can be said, that each religion is basically fundametalistic and the only difference between the Islam and the Christian religion is some 600years of fight of secularism against the evil of religious organizations. All progress in the western world always had to be wrought from religions.

Chris Hedges: The Dangerous Atheism of Christopher Hitchens and Sam Harris
www.alternet.org/rights/80449/?page=entire

»I Don't Believe in Atheists is a call to reject simplistic and utopian visions. It is a call to accept the severe limitations of being human. It is a call to face reality, a reality which in the coming decades is going to be bleak and difficult. Those who are blinded by utopian visions inevitably turn to force to make their impossible dreams and their noble ideals real. They believe the ends, no matter how barbaric, justify the means. Utopian ideologues, armed with the technology and mechanisms of industrial slaughter, have killed tens of millions of people over the last century. They ask us to inflict suffering and death in the name of virtue and truth. The New Atheists, in the end, offer us a new version of an old and dangerous faith. It is one we have seen before. It is one we must fight.«

»The New Atheists embrace a belief system as intolerant, chauvinistic and bigoted as that of religious fundamentalists. They propose a route to collective salvation and the moral advancement of the human species through science and reason. The utopian dream of a perfect society and a perfect human being, the idea that we are moving towards collective salvation, is one of the most dangerous legacies of the Christian faith and the Enlightenment. Those who believe in the possibility of this perfection often call for the silencing or eradication of human beings who are impediments to human progress. They turn their particular good into a universal good. They are blind to their own corruption and capacity for evil. They soon commit evil, not for evil's sake but to make a better world.«

»There is nothing in human nature or human history to support the idea that we are morally advancing as a species or that we will overcome the flaws of human nature. We progress technologically and scientifically, but not morally. We use the newest instruments of technological and scientific progress to create more efficient forms of killing, repression and economic exploitation, and to accelerate environmental degradation. There is a good and a bad side to human progress. We are not moving towards a glorious utopia. We are not moving anywhere.«

Sam Harris' »facile attack on a form of religious belief I detest, his childish simplicity and ignorance of world affairs, as well as his demonization of Muslims, made« his book The End of Faith »tedious, at its best, and often idiotic and racist. His assertion that the war in the former Yugoslavia, for example, was caused by religion was ridiculous. I was in the former Yugoslavia, including in the Bosnian capital Sarajevo when it was under siege, as the Balkan bureau chief for the New York Times. While religious institutions and their leaders enthusiastically signed on for the slaughter directed by ethnic nationalist leaders in Zagreb, Belgrade and Sarajevo, religion had nothing to do with the war. The war had far more to do with the economic collapse of Yugoslavia than religion or ancient ethnic hatreds. His assertion that Muslim parents welcome the death of children who die as suicide bombers -- or that suicide bombers are the logical result of a belief in Islam -- could have been written only by someone who never sat in the home of a grieving mother and father in Gaza who has just lost their child.«

»The religious figures I knew, and the ones I sought to emulate when I was a seminarian at Harvard Divinity School, included Dr. Martin Luther King, Dorothy Day, the Rev. William Sloan Coffin, the Salvadoran Archbishop Oscar Romero and Father Daniel Berrigan. It was possible to admire these men and women and what they stood for, and hold in little regard institutional religion. It was possible to find in the Christian faith meaning and purpose while acknowledging the flaws in the Christian system and rejecting the morally indefensible passages in the Bible.The institutional church has often used its power and religious authority to sanctify cruelty and exclusion. The self-righteous smugness and suffocating piety of religious leaders, along with the habit of speaking on behalf of people they never meet, are characteristic of many liberal and conservative churches.«

»The liberal church is a largely middle class, bourgeoisie phenomenon, filled with many people who have profited from industrialization, the American empire and global capitalism. They often seem to think that if we can be nice and inclusive everything will work out.«

»Religious institutions, however, should be separated from the religious values imparted to me by religious figures, including my father. Most of these men and women frequently ran afoul of their own religious authorities. Religion, real religion, was about fighting for justice, standing up for the voiceless and the weak, reaching out in acts of kindness and compassion to the stranger and the outcast, living a life of simplicity, finding empathy and defying the powerful. It was about caring for the other. Spirituality was not defined by "how it is with me," but the tougher spirituality of resistance, the spirituality born of struggle, of the fight with the world's evils. This spirituality, vastly different from the narcissism of modern spirituality movements, was eloquently articulated by Dr. King and the Lutheran minister Dietrich Bonhoeffer, who was imprisoned and put to death by the Nazis.

Many of these atheists, like the Christian fundamentalists, support the imperialist projects and preemptive wars of the United States as a necessity in the battle against terrorism and irrational religion. They divide the world into superior and inferior races, those who are enlightened by reason and knowledge and those who are governed by irrational and dangerous religious beliefs. Hitchens and Harris describe the Muslim world, where I spent seven years, most of them as the Middle East bureau chief for the New York Times, in language that is as racist, crude and intolerant as that used by Pat Robertson or the late Jerry Falwell. They are a secular version of the religious right. They misuse Darwin and evolutionary biology, just as the Christian fundamentalists misuse the Bible, by trying to argue that we can evolve morally -- something Darwin never asserted. They are as anti-intellectual as the Christian Right. They believe, like the Christian Right, that we are moving forward to a paradise, a state of human perfection made possible by science and reason. They argue, like these Christian radicals, that some human beings, maybe many human beings, have to be eradicated to achieve this better world.

Harris, echoing the blood lust of Hitchens, calls, in his book The End of Faith, for a nuclear first strike against the Islamic world. [...] Harris reduces a fifth of the world's population to a vast, primitive enemy. He blithely accepts that we may have to murder "tens of millions of people in a single day." His bigotry, and the bigotry of all who dehumanize others, sets the stage for indiscriminate slaughter and atrocity. The people to be killed, we are told, are not really distinct individuals. They do not have hopes and aspirations. They only appear human. They must be destroyed because of what they represent, what lurks beneath the surface of their human form. This dehumanization, especially by those who live in a society with the technological capacity to carry out acts of massive industrial slaughter, is terrifying. The new atheists see only one truth -- their truth. Human beings must become like them, think like them and adopt their values, which they insist are universal, or be banished from civilized society. All other values, which they never investigate or examine, are dismissed as inferior.«

Die Juden und das römisch-katholische Karfreitagsgebet
www.heute.de/ZDFheute/inhalt/12/0,3672,7183756,00....

Die jüdische Gemeinde in Deutschland macht eine Wiederaufnahme des Dialogs mit der katholischen Kirche von der Rücknahme einer als diskriminierend empfundenen Karfreitagsfürbitte abhängig. Das erklärte die Zentralsvorsitzende Knobloch.

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sagte am Freitag gegenüber Reuters, durch die von Papst Benedikt XVI. wieder zugelassene Fassung der Fürbitte habe der Dialog zwischen den Religionen einen enormen Rückschlag erlitten. Solange die katholische Kirche nicht auf die Fassung von 1970 zurückkomme, werde es keinen Dialog geben. Knobloch kritisierte zugleich scharf den Papst.

"Gerade diesem deutschen Papst ... hätte ich zugemutet, dass er aufgrund seines Alters das Diskriminieren des Judentums, die Ausgrenzung des Judentums kennengelernt hat." Sie habe sich nicht vorstellen können, "dass genau dieser deutsche Papst jetzt solche Formulierungen seiner Kirche aufdrängt". Die umstrittene Passage der Fürbitte mit dem Titel "Für die Bekehrung der Juden" lautet: "Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen." Jüdische Verbände weltweit sehen darin einen indirekten Aufruf zur Judenmissionierung.

"Die Karfreitagsfürbitte impliziert eine subtile Aufforderung zur Judenmission, die ich als brüskierend, überheblich und als deutlichen Rückschritt im christlich-jüdischen Dialog bezeichnen muss", erklärte Knobloch auf Anfrage am Donnerstag in München. Papst Benedikt XVI. hatte eine Karfreitags-Fürbitte für die alte lateinische Messe wieder erlaubt und damit für eine Abkühlung im ohnehin sensiblen Verhältnis zwischen Juden und katholischer Kirche gesorgt.

"Von Rückschritt spreche ich auch deshalb, weil diese Fürbitte weit hinter die respektvolle Formulierung aus dem Jahre 1970 zurückfällt", erklärte Knobloch. Papst Paul VI. habe damals eine Formulierung gewählt, die eine aufrichtige Wertschätzung des Judentums zum Ausdruck gebracht habe.

"Heute wird stattdessen einer Geringschätzung der jüdischen Religion das Wort geredet, wie sie einer toleranten Theologie nicht angemessen und deshalb gefährlich ist", betonte Knobloch. "In welcher Zeit leben wir eigentlich, wenn die katholische Kirche heute wieder meint, um das Seelenheil des jüdischen Volkes besorgt sein zu müssen?"

Als Konsequenz aus der päpstlichen Entscheidung für die alte Fürbittenversion sagten der Direktor des Berliner Abraham Geiger Kollegs zur Rabbinerausbildung, Walter Homolka, ebenso wie der prominente jüdische Publizist Micha Brumlik, ehemals Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag, ihre Teilnahme am kommenden Katholikentag in Osnabrück im Mai ab. Es war "Zeit, ein Zeichen zu setzen", meint Brumlik: "Eine antijudaistische Position ist da bekräftigt worden."  

Rabbiner Homolka als Vertreter des liberalen Judentums fühlt sich vom katholischen Mess-Text "intellektuell verwundert und emotional verwundet". Der Papst habe wohl die belastende Geschichte schlicht ausgeblendet, "aber keine theologische Reflexion ist richtig ohne Geschichtlichkeit", formulierte er seine "Fassungslosigkeit". Homolka sagte "Spiegel Online": "Die Katholische Kirche hat ihre antisemitischen Tendenzen nicht im Griff."

Schlicht "reaktionär" nannte der Vorsitzende der eher liberalen Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Henry G. Brandt, gegenüber dpa die vom Papst abgesegnete Formulierung. Dies sei mit Blick auf die lange Geschichte christlichen Judenhasses "ein sehr bedauernswerter und potenziell gefährlicher Rückschritt", meinte Brandt, der sonst als durchweg konziliant im Umgang mit Christen gilt. Allerdings dürfe dies nicht die Fortschritte der christlich- jüdischen Annäherung infrage stellen.  

Kölns Rabbiner Netanel Teitelbaum, der noch 2005 Papst Benedikt in seiner Synagoge mit Bruderkuss empfangen hatte, meinte als Sprecher der orthodoxen Rabbiner, er hoffe, die befürchtete Aufforderung zur Mission "falsch verstanden" zu haben.

Für eine Versachlichung der Debatte um die von Papst Benedikt XVI. neu formulierte lateinische Karfreitagsbitte wirbt der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper. Die Fürbitte für die Juden sagt nach seinen Worten "nichts Neues, sondern spricht nur aus, was schon bisher als selbstverständlich vorausgesetzt, aber offenbar nicht hinreichend thematisiert wurde", schreibt Kasper in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der neue Text weise ausdrücklicher als der des "ordentlichen Ritus" von 1970 auf den grundlegenden Unterschied zwischen Juden und Christen hin, so der Kardinal. Dieser Unterschied bestehe im Glauben an Jesus Christus als dem Erlöser aller Menschen.

Kasper ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Die eigentlich kontroverse Frage laute, ob Christen für die Bekehrung der Juden beten sollten und ob es eine Judenmission geben könne, schreibt der Kardinal. Zur Beantwortung dieser Frage erinnerte er daran, dass die katholische Kirche anders als evangelikale Gruppen keine organisierte Judenmission kenne.

Reactions in Jerusalem to the Good Friday prayer for the conversion of the Jews
www.dici.org/actualite_read.php?id=1191&loc=us
Johannes Reissner: Vom Umgang mit Islam und Muslimen
www.swp-berlin.org/en/common/get_document.php?asse...
 
 Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik. (PDF-File, eingeschränkte Rechte)
Labels: Islam, Muslime
1.2. Theologisches

Lutherisch? - Was ist lutherisch?

Wissenswertes für Interessierte

Was ist eigentlich "lutherisch"? Und was ist das besondere Profil einer lutherischen Kirche? Unter dem Titel "Was ist lutherisch? Wissenswertes für Interessierte" hat jetzt die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) eine Publikation aufgelegt. Das 72-seitige Heft sei "aus dem Bemühen entstanden, lutherischen Christinnen und Christen ihr Bekenntnis lebendig zu erhalten und allen anderen zu vermitteln, wer wir sind und was wir glauben", schreibt der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Johannes Friedrich (München), in seinem Geleitwort.

Download des Textes hier [420 KB] .

Forschungsbericht: Was mir wichtig ist im Leben
www.theology.de/downloads/03451d9a520c64511.php

Forschungsbericht: Was mir wichtig ist im Leben

Forschungsbericht „Was mir wichtig ist im Leben“ – Auffassungen Jugendlicher und Junger Erwachsener zu Alltagsethik, Moral, Religion und Kirche

Eine Umfrage unter 8.000 Christen, Nicht-Christen und Muslimen im Religions- und Politikunterricht an Berufsbildenden Schulen in Deutschland

Andreas Feige, Carsten Gennerich in Zusammenarbeit mit Nils Friedrichs, Michael Köllmann, Wolfgang Lukatis; Forschungsprojekt des Instituts für Sozialwissenschaften (ISW) der TU Braunschweig in Zusammenarbeit mit dem Verband Katholischer ReligionslehrerInnen in Deutschland (VKR ) und dem Verband Evangelischer ReligionslehrerInnen in Niedersachsen (VER)

Die umfangreichen Text- und Datenbände zu dieser Studie finden Sie als pdf-Dateien im Open-Access-Bereich des Comenius-Instituts:

http://ci-muenster.de/biblioinfothek/open_access.php

Verfürth, H.: Die Arroganz der Eliten
www.theology.de/service/buecher/buchempfehlungenth...

Verfürth, H.: Die Arroganz der Eliten

Was ist los mit Deutschlands Eliten?

Sie agieren planlos und ohne gesellschaftliche Nachhaltigkeit, untereinander sind sie nicht kooperativ. Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit, Überheblichkeit und Eigennutz sind ihre herausragenden Eigenschaften. Mit Recht nehmen heute Zweifel an der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Eliten zu, ein großes Führungsdefizit ist offenbar: Es mangelt an Autorität und Kompetenz, Verantwortung und Vorbild, vor allem an Moral.
Was bedeutet das für die politische Kultur des Landes und welche Gefahr birgt das für die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft?

Heinz Verfürth nimmt Deutschlands Eliten kritisch in den Blick: Seine scharfsichtige Analyse entlarvt das Versagen der Eliten als den eigentlichen Kern von Stagnation und Resignation und zeigt Wege aus der Krise.

Den deutschen Eliten auf die Finger geschaut

Eine kritische Analyse der Ursachen von Stagnation und Resignation

Eine Streitschrift wider Überheblichkeit und Kompetenzmangel in deutschen Führungsetagen

Heinz Verfürth
Die Arroganz der Eliten

1. Auflage 2008
256 S. Geb. m. SU
Format: 13,5 cm x 21,5 cm
EUR 19,95 [D] / EUR 20,60 [A] / SFr 34,90
ISBN 978-3-579-06978-4

Meister Eckhart

Eckhart von Hochheim, bekannt als Meister Eckhart (* um 1260 bei Gotha - Hochheim, Tambach oder Wangenheim; † vor 30. April 1328 in Avignon oder Köln) war ein bedeutender Theologe und Philosoph des christlichen Mittelalters. Seine Zuordnung als Mystiker ist umstritten.

Bei der Schreibweise seines Namens weisen die Handschriften die unterschiedlichsten Varianten auf (wie Aycardus, Ekhartus oder Hechard).[1] Ein Bildnis oder Autograf Eckharts ist nicht überliefert, doch lässt sowohl die deutsche wie auch die lateinische Überlieferung seine Redaktion erkennen.


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Predigt

Von guten Gaben
Ich pflege oft ein Wörtlein zu sprechen und es ist auch wahr: Wir rufen alle Tage und schreien im Paternoster: Herr, dein Wille geschehe! Wenn aber dann sein Wille geschieht, so wollen wir zürnen und ergeben uns nicht in seinem Willen. Was er auch tut, dass müsste uns das Beste dünken und am allerbesten gefallen. Die es so zum besten nehmen, die bleiben allewege in ganzem Frieden. Ihr aber sprecht manchmal: Ach, wäre es anders gekommen, so wäre es besser, oder wäre es nicht so gekommen, so wäre es vielleicht besser gekommen. Solange dich das dünkt, gewinnst du nimmer Frieden. Du sollst es zum allerbesten nehmen.

Ich sprach einst: Was eigentlich gewortet werden kann, das muss von innen herauskommen und von seiner Form ausgehen und darf nicht von aussen hineingehen. Das lebt eigentlich im Innigsten der Seele. Da sind dir alle Dinge gegenwärtig und innerlich lebend und suchend und sind im Besten und im Höchsten. Warum empfindest du das nicht? Da bist du nicht heimisch. Je höher im Rang ein Ding ist, um so allgemeiner ist es. Den Sinn habe ich gemein mit den Tieren und das Leben mit den Bäumen. Das Sein ist mir noch tiefer innen, das habe ich gemein mit allen Kreaturen. Der Himmel ist mehr als alles, was daneben ist, darum ist er auch höher im Range. Die Liebe steht hoch im Rang, weil sie allgemein ist. Es scheint schwer, dass unser Herr geboten hat, man solle den Mitchristen lieben wie sich selbst. Dies fasst der gemeine Mann gewöhnlich so auf, man solle sie in demselben Sinne lieben, in dem man sich selber liebt. Nein, so soll es nicht sein. Man soll sie ebensosehr lieben wie sich selbst, und das ist nicht schwer. Wollt ihr's gut merken, so ist es mehr Lohnes wert als ein Gebot. Das Gebot scheint schwer, und der Lohn ist begehrenswert. Wer Gott liebt, wie er ihn lieben soll und muss (ob er will oder nicht), und wie ihn alle Kreaturen lieben, der muss seinen Mitmenschen lieben wie sich selbst und sich seiner Freuden und Ehren freuen und danach trachten wie nach seiner eigenen Ehre, und nach dem Fremden wie nach dem Seinen. Und so ist der Mensch allezeit in Freuden, in Ehren und in Nutzen, so ist er ganz wie im Himmelreich und so hat er stärkere Freuden, als wenn er sich allein seines Gutes freute.

Und wisse in Wahrheit, ist dir mehr an deiner eigenen Ehre als an der eines andern gelegen, so ist es unrecht. Wisse, wenn du das deine suchst, da findest du Gott nimmer, wenn du nicht rein Gott suchst. Du suchst etwas mit Gott, Lind tust gerade so wie wenn einer aus Gott eine Kerze machte, mit der man etwas sucht, und wenn man das Ding findet, so wirft man die Kerze weg. So tust du: was du mit Gott suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Innerlichkeit oder was es auch sei; du suchst nichts, darum findest du auch nichts. Alle Kreaturen sind lauter Nichts. Ich sage nicht, dass sie gering sind oder wenig sind: sie sind gar nichts. Wer kein Sein hat, ist nichts. Alle Kreaturen haben kein Sein, denn ihr Sein hängt an der Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott einen Augenblick ab, sie würden zunichte. Ich sprach manchmal und so ist es auch: Wer die ganze Welt nähme und Gott dazu, der hätte nicht mehr als wenn er Gott allein hätte. Alle Kreaturen haben nicht mehr ohne Gott, als wer eine Mücke hätte ohne Gott, ganz ebenso, nicht weniger und nicht mehr. Fürwahr, nun achtet auf ein wahres Wort.

Gäbe ein Mensch tausend Pfund Goldes, auf dass man damit Kirchen und Klöster baute, so wäre das ein grosses Ding. Aber doch hätte der viel mehr gegeben, der tausend Pfund für nichts achten könnte: der hätte viel mehr getan als jener. Als Gott alle Kreaturen schuf, da waren sie so erbärmlich und so eng, dass er sich nicht darin bewegen konnte. Jedoch die Seele machte er so sich gleich und so eben das Nämliche, damit er sich der Seele hingeben könnte: denn was er ihr sonst geben könnte, das achtet sie nicht. Gott muss mir sich selbst zu eigen geben, so wie er sich selbst gehört, oder es wird mir nichts und es schmeckt mir nichts. Wer ihn so ganz empfangen will, der muss sich selbst ganz ergeben haben und aus sich selbst herausgegangen sein.

Ich ward einst gefragt, was der Vater im Himmel täte? Da sprach ich: Er gebiert seinen Sohn, und dies Werk ist ihm so reizend und gefällt ihm so gut, dass er nichts anderes mehr tut, und aus ihnen beiden erblüht der heilige Geist. Wenn der Vater seinen Sohn in mir gebiert, so bin ich dieser Sohn und kein anderer; unter Menschen gibt es da einen und dort einen, aber da bin ich derselbe und kein anderer.

Gottes Natur ist, dass er gibt, und sein Wesen hängt daran, dass er uns gibt, wenn wir demütig sind. Sind wir das nicht, so empfangen wir auch nichts und tun ihm Gewalt an und töten ihn. Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele. Es spricht ein Wörtlein: »Die beste Gabe kommt von oben herab, vom Vater der Lichter.« Dass wir bereitet seien, die beste Gabe zu empfangen, dazu verhelfe uns Gott, der Vater der Lichter. Amen.


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1.3 Islam

Qantara.de - "Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien"
de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=469&wc_...
Ramadan: Es gibt Verse im Koran, die ausdrücklich besagen, dass wenn es eine direkte Erbfolge gibt, Frauen die Hälfte des männlichen Anteils erhalten. Diese Regelung hat mit dem islamischen Ideal von Familie zu tun, wonach alle Muslime streben sollten – ein Ideal, das auf Stabilität und Gerechtigkeit in der Familie ausgerichtet ist. Die Realität sieht in den Familien heute jedoch oftmals ganz anders aus. Es gibt viele allein erziehende Frauen. Wir können die Koranverse nicht tilgen, aber wenn man sie mit dem Ideal der Gerechtigkeit verbinden will, dann ist es heute eine kollektive Aufgabe, solche Frauen zu entschädigen und ihre finanzielle Selbständigkeit zu unterstützen. Das sollte deshalb geschehen, um das Ideal der Gerechtigkeit nicht aufzugeben, anstatt die Verse wortwörtlich auszulegen, um scheinbar dem Islam treu zu bleiben, de facto aber Ungerechtigkeit zu schaffen. Ramadan: Die Scharia ist für mich mehr, als das, was die fuqaha, d.h. die islamischen Rechtsgelehrten und Juristen nur als islamisches Gesetz definiert haben. Die Scharia weist den Weg zur Glaubwürdigkeit ("faithfulness"). Wir müssen die Gesetze im Lichte dieses Weges sehen. Die Scharia gibt die Vision vor, nach der wir streben wollen. Wenn beispielsweise ein deutsches Gesetz regelt, dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit beziehen sollen, dann ist das ist das insofern Scharia für mich, da ich diese Gleichheit vor dem Gesetz will. Daher habe ich ein Problem mit jenen Gelehrten, die den Koran wortwörtlich verstehen und meinen, die Scharia und das säkulare Rechtssystem seien zwei gegensätzliche Systeme. Ich finde das vollkommen falsch. Auf unserem Weg zur Glaubwürdigkeit beleuchten wir das Erbrecht, die Gerechtigkeit, soziale Fragen und die Wissenschaften. Es gibt Gesetze von Nicht-Muslimen, die in ihrem Geist islamischer sind als Gesetze in islamischen Ländern. Ich ziehe Gesetze vor, die im Westen erdacht wurden. Sieht der Islam ein bestimmtes politisches System vor? Ramadan: Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien. Wie in Christentum, Judentum und Buddhismus gibt es im Islam auch Werte für das Leben, für Gemeinschaft und Gesellschaft und danach kann man auch ein System finden. Ich benutze das Konzept des islamischen Staates nicht, aber wir müssen Prinzipien wie Bürgerrechte, das allgemeine Wahlrecht – im Sinne von Mehrheitsentscheidung – Rechtssicherheit, Rechenschaftspflicht und die Trennung der Gewalten fördern. Ich rufe die Muslime dazu auf, mehr Kreativität zu entwickeln, damit wir ein gesellschaftliches System finden, das islamische Prinzipien respektiert, aber weder den Westen imitiert noch das, was derzeit in muslimischen Ländern passiert.
Zur Friedfertigkeit des Islam
www.libertas-online.de/mat_isl_gewalt.htm
Oft wird zum Erweis der Friedfertigkeit des Islam Sura 5,31 zitiert: »…wenn jemand einen Menschen tötet … [ist es], als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, [ist es] …, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.«
  • Hier der komplette Wortlaut der Verse 31 und 32: (31) »Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und Unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Land. (32) Der Lohn derer, die gegen Allah und Seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden oder dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.«
  • In diesem Vers wird also keineswegs das Töten generell verboten oder als besonders verwerflich bewertet. Vielmehr wird ausgesagt, dass Allah eine einzige Tötung durch Juden als Tötung der Menschheit ansieht. 
  • Moslems werden im Koran dagegen – dem Vorbild Muhammads entsprechend – unter gewissen Umständen zum Töten, Verstümmeln und Vertreiben aufgerufen.
  • Der positive Versteil (Leben erhalten) ist dagegen eine Übernahme aus dem (jüdischen) Talmud.
Jihad Watch: Blogging the Qur’an: Sura 2, “The Cow,” verses 222-286
www.jihadwatch.org/archives/017392.php

the famous statement that “there is no compulsion in religion” (v. 256). Islamic spokesmen in the West frequently quote it to disprove the contention that Islam spread by the sword, or even to claim that Islam is a religion of peace. According to an early Muslim, Mujahid ibn Jabr, this verse was abrogated by Qur’an 9:29, in which the Muslims are commanded to fight against the People of the Book. Others, however, according to the Islamic historian Tabari, say that 2:256 was never abrogated, but was revealed precisely in reference to the People of the Book. They are not to be forced to accept Islam, but may practice their religions as long as they pay the jizya (poll-tax) and “feel themselves subdued” (9:29).

Many see v. 256 as contradicting the Islamic imperative to wage jihad against unbelievers, but actually there is no contradiction because the aim of jihad is not the forced conversion of non-Muslims, but their subjugation within the Islamic social order. Says Asad: “All Islamic jurists (fuqahd’), without any exception, hold that forcible conversion is under all circumstances null and void, and that any attempt at coercing a non-believer to accept the faith of Islam is a grievous sin: a verdict which disposes of the widespread fallacy that Islam places before the unbelievers the alternative of ‘conversion or the sword.’” Quite so: the choice, as laid out by Muhammad himself, is conversion, subjugation as dhimmis, or the sword. Qutb accordingly denies that v. 256 contradicts the imperative to fight until “religion is for Allah” (v. 193), saying that “Islam has not used force to impose its beliefs.” Rather, jihad’s “main objective has been the establishment of a stable society in which all citizens, including followers of other religious creeds, may live in peace and security” – although not with equality of rights before the law, as 9:29 emphasizes. For Qutb, that “stable society” is the “Islamic social order,” the establishment of which is a chief objective of jihad.

In this light verses 256 and 193 go together without any trouble. Muslims must fight until “religion is for Allah,” but they don’t force anyone to accept Allah’s religion. They enforce subservience upon those who refuse to convert, such that many of them subsequently convert to Islam so as to escape the humiliating and discriminatory regulations of dhimmitude — but when they convert, they do so freely. Only at the end of the world will Jesus, the Prophet of Islam, return and Islamize the world, abolishing Christianity and thus the need for the jizya that is paid by the dhimmis. Then religion will be “for Allah,” and there will be no further need for jihad.

CRCC: Center For Muslim-Jewish Engagement: Resources: Religious Texts
www.usc.edu/schools/college/crcc/engagement/resour...
002.256
YUSUFALI: Let there be no compulsion in religion: Truth stands out clear from Error: whoever rejects evil and believes in Allah hath grasped the most trustworthy hand-hold, that never breaks. And Allah heareth and knoweth all things.
PICKTHAL: There is no compulsion in religion. The right direction is henceforth distinct from error. And he who rejecteth false deities and believeth in Allah hath grasped a firm handhold which will never break. Allah is Hearer, Knower.
SHAKIR: There is no compulsion in religion; truly the right way has become clearly distinct from error; therefore, whoever disbelieves in the Shaitan and believes in Allah he indeed has laid hold on the firmest handle, which shall not break off, and Allah is Hearing, Knowing.
CRCC: Center For Muslim-Jewish Engagement: Resources: Religious Texts
www.usc.edu/schools/college/crcc/engagement/resour...
002.193
YUSUFALI: And fight them on until there is no more Tumult or oppression, and there prevail justice and faith in Allah; but if they cease, Let there be no hostility except to those who practise oppression.
PICKTHAL: And fight them until persecution is no more, and religion is for Allah. But if they desist, then let there be no hostility except against wrong-doers.
SHAKIR: And fight with them until there is no persecution, and religion should be only for Allah, but if they desist, then there should be no hostility except against the oppressors.
Nawawi on "Actions are according to intentions"
www.livingislam.org/n/intn_e.html
IMAM NAWAWI'S COMMENTARY
ON THE HADITH:
"ACTIONS ARE ACCORDING TO INTENTIONS"


Bismillah al-Rahman al-Raheem
was-salaat was-salaam `alaa Rasul-illah
wa 'alaa alihi wa sahbihi wa sallam

[1]

It is related from the Commander of the Believers Abu Hafs `Umar ibn al-Khattab -- may God be well pleased with him -- that he said: "I heard God's Messenger say :

"Actions are only according to intentions, and to each only what he intended. Whoever emigrates towards God and His Messenger, his emigration is towards God and His Messenger; whoever emigrates for the attainment of a worldly goal or in order to marry a woman, then his emigration is only towards what he emigrated to."

Nawawi on "Actions are according to intentions"
www.livingislam.org/n/intn_e.html
If it is asked: which is best, to worship with fear or to worship with hope? It is answered: Ghazali said -- may God have mercy on him: "To worship with hope is better because hope gives rise to love, while fear gives rise to despair."
1.4. Goethes Verhältnis zum Islam

Goethe, Johann Wolfgang/Briefe/1832 - Zeno.org
www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/B...

An Marianne von Willemer

Nun aber zu einem Entgegengesetzten, welches Ihnen durch den Zeitungsklatsch zwar schon wird bekannt geworden seyn. Das asiatische Ungeheuer schlecht und drückt sich und immer näher; es soll in Merseburg sich eingefunden haben, etwa 12 Stunden von hier; freylich liegen wir schon um so vielen höher, so daß es sich noch immer eine Weile zu unsern Füßen herumdrücken kann. Mehr sag ich nicht. Hier am [232] Orte und im Lande ist man sehr gefaßt, indem man es abzuwehren für unmöglich hält. Alle dergleichen Anstalten sind aufgehoben. Besieht man es genauer, so haben sich die Menschen, um sich von der furchtbaren Angst zu befeyen, durch einen heilsamen Leichtsinn in den Islam geworfen und vertrauen Gottes unerforschlichen Rathschlüssen.
Weimar den 9. Februar 1832.
Goethe, Johann Wolfgang/Briefe/1831 - Zeno.org
www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/B...

An Adele Schopenhauer

Hab ich Sie nun einen Augenblick in das mittelländischste Mittland gerufen, so besuche ich Sie nunmehr in Gedanken am hellen Rhein, wo Sie gewiß mit [87] einigem Zwiespalt in sich selbst sind: ob es wohl räthlich sey gegen Nordosten zu ziehen? wo die asiatische Hyäne[*] uns täglich näher die gräßlichen Zähne weis't.

Hier kann niemand dem andern rathen; beschließe was zuthun ist jeder sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Muth machen.

Weimar den 19. September 1831.

 [*] die Cholera
Unkorrigiertes Skript des Vortrags von Pfarrer Dr.Dieter Koch „Gottes ist der Orient-
209.85.129.132/search?q=cache:X0AedUVltyAJ:www.ev-...

Gerade die Nachdrücklichkeit, mit welcher der Prophet Mohammed die Einheit Gottes verkündet
hat, wurde von Goethe stets als dessen besonderes Verdienst angesehen. So schrieb er in
den Noten und Abhandlungen zum West-östlichen Divan…:’Der Glaube an den einigen Gott
wirkt immer geisterhebend, indem er den Menschen auf die Einheit seines eignen Innern
zurückverweist’. In allem das Eine zu erblicken, das Göttliche, entsprach des Dichters eigener
Religiosität.“(Mommsen, 38). Diese Überzeugung grundiert den Divan. Ein paar Kostproben:
„Abraham, den Herrn der Sterne, hat er sich zum Ahn erlesen; Moses ist, in wüster Ferne,
durch den Einen groß geworden. David auch, durch viel Gebrechen, ja, Verbrechen durch
gewandelt, wusste doch sich los zu sprechen: Einem hab ich recht gehandelt.’ Jesus fühlte
rein und dachte nur den Einen Gott im stillen… und so muss das Rechte scheinen, was auch
Mahomet gelungen; Nur durch den Begriff des Einen hat er alle Welt bezwungen“ Dieser
klare Monotheismus möge man im Zusammenhang dessen hören, was Goethe andernorts
formuliert, in der Kunst sei er Polytheist, in der Naturforschung Pantheist, dort aber, wo es um
die sittliche Person geht, Monotheist.

Goethes Kritik an der islamischen Kultur
Er tut dies auch und gerade der islamischen Orthodoxie gegenüber. Ihrem Traditionsprinzip
stellt er die Vernunft entgegen: „Glaubst du denn: von Mund zu Ohr sei ein redlicher
Gewinst? Überliefrung, o du Tor, ist auch wohl ein Hirngespinst! Nun geht erst das Urteil an;
dich vermag aus Glaubensketten der Verstand allein zu retten, dem du schon Verzicht getan
(aus dem Buch des Unmuts). Es liegt dem west-östlichen Divan wie Goethes Begegnung mit
dem Islam überhaupt eine Wertschätzung der Grundoffenbarung an Mohammed
zugrunde wie eine entschiedene Ablehnung der Sunna. Er benennt in den Noten und
Abhandlungen scharf den orientalischen Despotismus, redet von der düsteren Religionshülle,
die Mohammed über sein Volk gebracht hat und kritisiert im Divan die Zurücksetzung der
Frau in der islamischen Kultur, ist sie doch der liebste von allen Gottes-Gedanken. Goethes
innere Affinität zu bestimmten islamischen Grundsätzen zeigt eine erstaunliche Nähe zu der
Einstellung der später als Ketzer verfolgten Mutazeliten, „eine theologische Richtung, die
in der ersten Hälfte des 9.Jahrhunderts von beherrschendem Einfluß war. Sie vertraten den
Grundsatz: Gott entspricht den Postulaten der Vernunft, wobei sie die Einheit und
Unvergleichlichkeit Gottes zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bestimmten. Im
Gegensatz zu den Anhängern von Sunna und Hadith nahmen sie … die Anthropomorphismen
des Koran nicht wörtlich, sondern sahen darin nur Gleichnisse, und folgerichtig verwarfen sie
die Vorstellung eines persönlich verstandenen Gottes. ‚Gleichermaßen wichtig aber war die
Forderung, dass Gott gerecht sein müsse’… In unserem Zusammenhang ist nun
bemerkenswert, dass der Dichter des Divan im zweiten seiner Talismane ein Gedicht schuf,
das mit seiner Lobpreisung Gottes als des einzig Gerechten wie ein mutazeltisches Credo
anmutet: „Er der einzig Gerechte, will für jedermann das Rechte. Sei, von hundert Namen,
dieser hochgelobet! Amen.““(Mommsen, 188f)

Goethes islamisch getönte Religiosität
Es sind also 3 Dinge, die den aufgeklärten Christen und Bürger am Islam beeindrucken:
Aufruhend auf der Überzeugung, dass Gott wirkt und sich dem Menschen in Natur, Vernunft
und Liebe mitteilt, sieht Goethe 3 wesentliche Dimensionen hier aufstrahlen und zu eigener
sittlich-religiöser Läuterung dienend: Vorsehungsglaube, Ergebung und Wohltätigkeit. Die
unbedingte Ergebung in den Willen Gottes wird Goethe zu einem zentralen geistigen Wert.
Sie ist das Leitmotiv überhaupt seiner Alterswerke, nicht nur im Divan, und sie ist ihm
Trostwort in eigenen Schicksalsnötigungen. Neben zahlreichen ähnlichen Äußerungen stehe
hier nur sein Rat, an die Rat suchende Freundin Adele Schopenhauer im Jahr 1831, als die
Cholera um sich gegriffen hatte: „Hier kann niemand dem anderen raten; beschließe was zu
tun ist jeder bei sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Mut machen.
Wenn Goethe positiv vom Islam redet meint er das Bemühen, „im amor dei intellectualis ein
inneres Gleichgewicht zu bewahren, das durch Schicksalsschläge nicht zu erschüttern
ist“(Mommsen,105), eine Schicksalsergebenheit, die aber nicht ablässt, in großer Liebe dem
Leben zugetan zu sein, ja vielmehr für den Dichter und Denker Goethe die Basis bildet für
eine wirkliche lebensfrohe, weltfromm-heitere Einstellung: „Freude des Daseins ist groß,
größer die Freude am Dasein“, lesen wir im Buch Suleika, dazu im Buch der Sprüche. „Gutes
tu rein aus des Guten Liebe! Das überliefere deinem Blut; und wenn’s den Kindern nicht
verbliebe, den Enkeln kommt es doch zugut“.(Man darf diese Worte sowohl lesen im Horizont
aufgeklärter Ethik wie im Lichte der zweiten Sure, aus der der junge Goethe schon die für ihn
wegweisenden Worte entnahm: Sura 2,Vers 106: ‚Gewiss! Wer sein Angesicht zu Gott völlig
wendet, und dabei Gutes tut, der wird seinen Lohn haben bei Gott seinem Herrn und über
solche wird keine Furcht kommen noch betrübet werden’ und Vers 172: ‚Darin besteht eben
nicht die Gerechtigkeit, dass ihre eure Angesichter richtet gegen Morgen oder gegen Abend,
sondern darin ist die Gerechtigkeit: wer recht glaubt an Gott und an den jüngsten Tag…wer
ferner von seinem Vermögen gibt um der Liebe Gottes willen…, wer auch das Gebet
beständig verrichtet, sein Bündnis hält, wo er Treue versprochen, und der sich geduldig
erweist in Widerwärtigkeiten und Unglücksfällen… solche sind die wahrhaftig sind und Gott
fürchten“(zit. nach Mommsen,54f aus der Megerlinschen Koranübertragung)
Wie führt Goethe in eben diesem Buch der Sprüche aus: „Was machst du an der Welt? Sie ist
schon gemacht, der Herr der Schöpfung hat alles bedacht. Dein Los ist gefallen, verfolge die
Weise, der Weg ist begonnen, vollende die Reise: Denn Sorgen und Kummer verändern es
nicht, sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.“
[...]
Noch aber haben wir nicht die eigentliche Tiefe des West-östlichen Divan erreicht. Was ich
ihnen bisher ausgeführt habe, ist ein knapper und sehr vorläufiger Blick da hinein, wie Goethe
grundsätzlich positiv dem Islam begegnet und wie er ihm zur Klärung eigener, christlich
bestimmter Einstellungen dient. Was den Divan so besonders macht, ist dass er in der
Begegnung mit Hafis, dem persischen Dichter, zu einer letzten Reife gelangt, indem er in
diesem ihm wahlverwandten Geist eine Einstellung findet, die gläubige Gottergebenheit mit
skeptischer Beweglichkeit und innerer Heiterkeit verbindet. Der deutsche Dichterfürst
begegnete einem freisinnigen Muslim, mit dem er eine Weltfrömmigkeit teilte, die er selten
sonst wo wieder fand.
[...]
So schreibt er am 11.5.1820
an seinen Freund Zelter: „Indessen sammeln sich wieder neue Gedichte zum
Divan…Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick
des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe,
Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale, geläutert, sich symbolisch
auflösend. Was will der Großpapa Weiter?“(Divan,134)
[...]

Goethe
bewunderte Hafis, sein Freisein, seine innere Lauterkeit und zugleich seine Distanz zum kruden Frömmlertum
:
Du bist der Freuden echte Dichterquelle, und ungezählt entfließt dir Well auf Welle… Und
mag die ganze Welt versinken! Hafis, mit dir allein will ich wetteifern! Lust und Pein sei uns
den Zwillingen gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben
sein“. Endlich war ihm einer begegnet, für den Lebensfreude und Gottesliebe
untrennbar zusammengehörten, einer, der nicht aufrechnete zwischen der Liebe zu Gott,
der Liebe zur Natur, der Liebe zur Frau, der Liebe zur Liebe an sich.
[...]
Der Divan ist ein Preislied auf die
Liebe in allen ihren Formen
[...]

Im Nachlaß fanden sich die
Zeilen: Sollt’ ich nicht ein Gleichnis brauchen, wie es mir beliebt? Da uns Gott des Lebens
Gleichnis in der Mücke gibt. Sollt’ ich nicht ein Gleichnis brauchen, wie es mir beliebt? Da
mir Gott in Liebchens Augen sich im Gleichnis gibt. Wer sich selbst und andre kennt, wird
auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.
 

1.5. Religiöser Wahn

1.5.1. Magdalena Kade (1835-1905)

Basilika minor der Jungfrau Maria – Helferin der Christen - Jiříkov-Filipov
de.poutni-mista-sluknovsko.cz/basilika-minor-der-j...
Das jüngste Marienheiligtum in der Leitmeritzer Diözese erfuhr schon seit seinem Anfang im Jahre 1866 eine große Hochachtung der Gläubigen. Im Laufe der Jahre wurde es zum meistbesuchtesten Wallfahrtsort in der Diözese. Im Hause Nr. 63 in Philippsdorf lebte die schwerkranke Weberin Magdalena Kade (5. 6. 1835-10. 12. 1905). Am 13. 1. 1866 um 4 Uhr morgens erschien ihr beim Gebet die Jungfrau Maria und versprach ihr Heilung. Die bisher unheilbare Magdalena war am nächsten Tag völlig gesund und konnte wieder ihre Arbeit ausführen. Zum „Gnadenhaus“, dem Ort der Marienerscheinung und der Wundertat begannen allmählich Menschenmengen zu wandern. Am Wunderort kam es, dank der Initiative des Kaplans P. Franz Storch, zuerst in den Jahren 1870 bis 1873 zum Bau einer Gnadenkapelle.
[...]

Magdalena Kade verstarb im Alter von 70 Jahren und ihre Beisetzung in eine besondere Gruft auf dem Georgswalder Friedhof wurde zu einem großen Marienfest. Im Jahre 1925 wurden ihre sterblichen Überreste auf den Friedhof nach Philippsdorf und schließlich im Jahre 1994 in die Philippsdorfer Basilika überführt.

Im Jahre 1926 (60. Jahrestag der Erscheinung) wurde die Kirche vom Papst Pius XI. zur Basilika minor erhoben. Noch als päpstlicher Nuntius Ambrogio Ratti besuchte er im Jahre 1920 persönlich Philippsdorf. Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zählte die Basilika zu den besuchtesten Wallfahrtsstätten Mitteleuropas.


Dank der sich wiederholenden Nachrichten über Wunderheilungen von Kranken auf die Fürsprache der Mutter Gottes wurde Filipov (Philippsdorf) als „Nordböhmisches Lourdes“ bezeichnet. Alljährlich nehmen an Heiligen Messen zum Erscheinungstag mehrere Priester, meistens auch einige Bischöfe aus der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland teil. 

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Magdalena Kade verstarb im Alter von 70 Jahren und ihre Beisetzung in eine besondere Gruft auf dem Georgswalder Friedhof wurde zu einem großen Marienfest. Im Jahre 1925 wurden ihre sterblichen Überreste auf den Friedhof nach Philippsdorf und schließlich im Jahre 1994 in die Philippsdorfer Basilika überführt.

Im Jahre 1926 (60. Jahrestag der Erscheinung) wurde die Kirche vom Papst Pius XI. zur Basilika minor erhoben. Noch als päpstlicher Nuntius Ambrogio Ratti besuchte er im Jahre 1920 persönlich Philippsdorf. Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zählte die Basilika zu den besuchtesten Wallfahrtsstätten Mitteleuropas.

Dank der sich wiederholenden Nachrichten über Wunderheilungen von Kranken auf die Fürsprache der Mutter Gottes wurde Filipov (Philippsdorf) als „Nordböhmisches Lourdes“ bezeichnet. Alljährlich nehmen an Heiligen Messen zum Erscheinungstag mehrere Priester, meistens auch einige Bischöfe aus der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland teil.


Historie des Philippsdorfer Wunders

Dort, wo jetz die Basilika steht, welche auf der Titelseite der Internetseiten des Wahlfartsortes zu sehen ist, war im Jahre 1866 nur eine Wiese. Neben an stand ein Haus, in dem am 5. Juni 1835 der deutschsprachigen Familie Kade die Tochter Magdalena geboren ist. Es war bereits das zweite Kind dieser Familie. Die Kinder sind in Armut aufgewachsen, hatten aber eine schöne Kindheit. Die hat aber der

Dům Magdaleny Kade - Filipov

Tod des Vaters unterbrochen, als die Magdalena 13 war. In ihrem 19 Lebensjahr hat sie ein weiterer Schicksalsschlag getroffen, sie ist ernst erkrankt. Sie hatte einen schwere Lungenentzüdung und eine Entzündung des Brustfelles, später auch eine Hirnhautentzündung. Im Februar 1865 entsatnd auf ihrer Brust ein immer größer werdendes Geschwür. Es pflegten sie nicht nur ihr Bruder Josef und seine Familie, aber auch zwei Ärtzte: Dr. Görlich aus dem Sachsischen Gersdorf und Dr. Ulbrich aus Georgswalde. Im November 1865 erklärten beide, das Magdalena an einer unheilbaren Krankheit erkrankt ist und bald sterben wird. Vom Bett ist sie nicht mehr runtergekommen, als ihr Bruder das Geschwür umbindete, ist sie vor lauter Schmerzen bewusstlos geworden. Der Kaplan aus Georgswalde, Franz Storch, hat ihr am 21. dezember 1865 die Krankensalbung erteilt. Man hat gewartet, bis der gnadenvolle Tod sie vom Leiden befreit.

Magdalena Kade

Magdalena Kade

Původní postel Magdaleny Kade

Původní postel Magdaleny Kade


Das Wunder

Drei Wochen später, in der Nacht vom 12. zum 13. Januar 1866, konte Magdalen wegen den Schmerzen nicht einschlafen. Ihre Freundin aus dem Nachbarhaus Veronika Kindermann, hat ihr die Haare gekemmt, beide haben gebetet, und Veronika ist dann eingeschlafen. Dank des Protokolls der Bischofskommision können wir die Ereignisse der nacht von der Magdalena selbst geschildert haben: Auf einmal war in dem Raum ein licht, heller als am Tage. Der Vorhang am Bett war auf. Ich binn erschrocken. Ich stauchte mit

Zjevení Panny Marie Magdaleně Kade

der Hand die Veronika   und habe ihr gesagt: » Veronika, steh auf, siehst du nicht, wie es Hell ist? « Veronika sagte: „Aber ich sehe nichts. Vor meinem Bett stand eine Gestalt die ein weises Licht ausstrahlte, mit einer Gelben Krone auf dem Kopf.. Gleich habe ich gedacht, das ist die Mutter Gottes. Ich faltete die Hände, und began zu beten: »Meine Seele lobt den Herrrn, mein Geist jubelt im Gott, meinem Heiland.« Nach diesen Worten hörte ich die Stimme, eine ungewöhnliche Stimme, eine andere, als die, mit der die Menschen sprechen: »Mein Kind von jetzt an heilt's.« Und in dem Augenblick ist die Gestalt verschwunden und ich spürte keinen Schmerz mehr.

Panna Marie Filipovská

Jiříkovský kaplan Franz Storch

Jiříkovský kaplan Franz Storch


Nichts weniger, nichts mehr

Noch an diesem Abend ist Magdalena allein vom Bett gestiegen. Ihre Nähesten haben sich sehr gefreut. Den zweiten Tag ist sie in die Beckerei Brot holen gegangen. Als die Ortsbewohner sahen, wie sie gesund durch das Dorf geht, haben sie sie gefragt, was geschehen ist. Magdalena hat geantwortet: Ich sah in dieser Nacht die Heilige Maria und die sagte mir, das ich gesund werde. Und ich bin gesund. Nichts mehr, nichts weniger ist geschehen.“ 

    Die Nachricht hat sich sofort verbreitet. Jeder aus der Umgebung wolte sich persönlich überzeugen. Viele Menschen eilten zu dem Haus Kade und Magdalena musste jedem wiederholen, was geschehen war. Bald kamen ins Haus auch Pilger aus ferner Umgebung. Im Mai 1866 wurde das Zimmer, wo alles geschah, durch die Kades ausgeräumt und es entstand hier eine provisorische Kapelle. Aus einem alten Tisch wurde ein Altar gebaut, auf dem von Früh bis Abend Kerzen brandten. Auf die Stelle, wo Magdalena die Heilige Maria sah, legten sie ein herlich gesticktes Kissen.  

Poutníci k domku Magdaleny Kade

Ein nächstes Wunder hat sich hier ein Jahr später abgespielt, in der Zeit, wo der erste Jahrestag der Heilung der Magdalena Kade näherte. Am achten Januar 1867 ist in diesem Haus die Magdalena Langhans aus Georgswalde gesund geworden. Sie konte gar nicht gehen. Die Verwanten mussten sie in das Haus tragen. Sie haben sie auf den Platz gelegt, wo Magdalena Kade lag und das unglickliche Mädchen, welches 11 Jahre mit krummen Beinen ligen musste, stand auf einmal aus dem Bett ganz gesund auf.

     Die Kunde über die wundersamme Heilungen hat sich schnell verbreitet. Es wurden immer mehr Pilger. Der Georgswalder Kaplan Storch hat von der Familie Kade das Haus gekauft und hat sich entschieden, das auf dieser Stelle erst eine Kapelle erbaut wird, später hat er auch den Anstoß zum Bau der Kirche gegeben.

     Die Philippsdorfer Heilung der Magdalena Kade geschah genau um vier Uhr morgens am 13. Januar 1866. Gleich danach wurde eine Untersuchungskommision gebildet, welche die Ereignisse sorgfältig überprüfte einschließlich der Aussagen der beteiligten Personen. Als wichtig erscheint die Aussage beider behandelden Ärtzte, welche keinen natürlichen Grund der Heilung gefunden haben. Philippsdorf ist der einzige Maria-Wahlfartsort der im 19. Jahrhunder in Böhmen entstand.

Magdalena Kade Panna Marie Filipovská

Die Anerkennung der Ereignisse in Philippsdorf von seite der Kirche bestätigt die offizielle Erklärung des Oberhauptes der Katholischen Kirche, Papst Pius der XI, der die hier erbaute Kirche der Heiligen Maria helferin der Kristen auf Basilika minor“ erhoben hat. Das trägt mit sich spezielle Privilegien für die Pilger.

     In der Kirche war auch das Bett plaziert, in dem Magdalena Kade bei dem Ereiginiss im Januar lag. Magdalena Kade arbeitete nach seiner Wunderheilung viele Jahre in dem Georgswalder Altersheim. Sie wurde siebzig Jahre und starb am 10.12.1905. Die sterblichen Überreste der Magdalena wurden nach gründlicher Untersuchung durch den Anthropologen prof. Dr. Vlček unweit vom Eingang in die Kapelle. Die Statue der Heiligen Maria, die heute an der Stelle steht wo es zu der Heilung gekommen ist, wurde nach dem, was Magdalena gesehen hat, gefertigt. Sie ist aus weißem carrarischen Marmor gefertigt und die Kosten hat die polnische Gräfin Raczynská übernommen.

Am 13. Januar 1866, morgens um vier Uhr, erlebte Magdalena Kade eine Vision. Die Muttergottes erscheint ihr und spricht: "Kind, von jetzt an heilt's." Die Todkranke, noch mit eiternassen Verbänden bedeckt, war gesundet. Sie starb erst 1905, nachdem sie, bescheiden und zurückgezogen lebend, Alten und Kranken gedient hatte.  

Noch im gleichen Jahre 1866 wurde eine bischöfliche Untersuchungskommission eingesetzt, die positiv entschied. Schon 1870 wurde mit dem Bau der heutigen großen Kirche begonnen, die 1885 zu Ehren Mariens, der "Hilfe der Christen", eingeweiht wurde. 1926 wurde sie durch Papst Pius XI. in den Rang einer Basilika erhoben. 


Maries Akte Kerstin Schneider - Autorin - Maries Akte
www.kesschneider.de/
Schicksale: Maries Akte wird geöffnet
8. 10. 2008

Über das unterschiedliche Schicksal zweier für „verrückt“ erklärter Frauen



Filipov/ Philippsdorf in der Nähe von Rumburk/Rumburg wird auch das „nordböhmische Lourdes“ genannt. Diese Bezeichnung geht auf ein Ereignis von vor 150 Jahren zurück. In Philippsdorf erschien der kranken bettlägerigen Magdalena Kade in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1866 die Mutter Gottes. Sie soll ihr Heilung versprochen haben. Die Siechende war daraufhin sofort von allen psychischen und physischen Leiden befreit. Die Kirche hat dieses Ereignis offiziell „anerkannt“. In Magdalenas Haus wurden Andachten gehalten und immer mehr Leute suchten sie um ihren Rat auf. Knapp 20 Jahre nach dem Ereignis wurde an der Stelle, wo das Haus stand, in dem Maria lebte, der Bau einer prächtigen Basilika fertig gestellt. Diese erhebt sich bis heute über der sonst eher beschaulichen böhmischen 4000-Seelen-Gemeinde. In der Hoffnung auf Hilfe und Heilung kommen jedes Jahr zahllose Pilger und besuchen das Gotteshaus, das Papst Pius XI. zur „Basilika Minor“ ernannt hat. Magdalena wurde nach ihrem Tode im Jahre 1905 in der Gruft der Kirche beigesetzt und ist als die „böhmische Bernadette“ in die Geschichte eingegangen.

Über das Schicksal der Magdalena Kade hatte der Zeitgeist gnädig gerichtet. Ihre Großnichte Marie sollte rund 60 Jahre später weniger Glück haben. Sie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Als „verrückt“ wird die unter Schizophrenie leidende Frau nach einem Ausbruch in verschiedene Anstalten gesteckt und von den Nationalsozialisten als „unwertes Leben“ im Rahmen der NS-„Euthanasie“ im Februar 1942 ermordet. In „Maries Akte“ deckt die Journalistin Kerstin Schneider den Fall ihrer Großtante Marie auf. Bei der Spurensuche stößt die Autorin auf viele, kleine sorgsam gehütete Familiengeheimnisse. Am Ende gelingt es ihr, Maries mutmaßlichen Mörder ausfindig zu machen und sie enthüllt einen bislang unbekannten Skandal um einen NS-Verbrecher.

Den gesamten Artikel können Sie in der Druckausgabe der Prager Zeitung oder in unserem ePaper lesen.


Kerstin Schneider: Maries Akte, Weissbooks, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-940888-02-0, 19,80 Euro

Ahnenforschung Genealogie Familienforschung - Der Katalog
ahnenforschungen.de/
Wenn Ahnenforschung zum Krimi wird Sat, 27 Sep 2008 12:24:00 GMT

„Maries Akte“ erzählt die wahre Geschichte zweier Frauen, die beide „verrückt“ waren und über deren Schicksal der Zeitgeist völlig unterschiedlich richtete: Magdalena Kade glaubte 1866, die Mutter Gottes zu sehen. Ihre Großnichte Marie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Doch während Magdalena noch heute als „böhmische Bernadette“ verehrt wird und die katholische Kirche ihre Erscheinung „anerkannt“ hat, wurde ihre Großnichte Marie fast 100 Jahre später von den Nazis als „lebensunwertes Leben“ im Rahmen der NS-„Euthanasie“ermordet.

 Über Marie, die Tante ihres Vaters, wird in der Familie nicht geredet. 19 Jahre alt ist die Autorin, als sie zum ersten Mal von der Existenz ihrer Großtante erfährt. Obwohl sie schon damals eifrig dabei ist, ihren Stammbaum auszuforschen, wagt sie nicht nachzufragen. „Da schlummerte etwas im Nebel der Familiengeschichte, woran man besser nicht rührte.“


Autorin Kerstin Schneider 20 Jahre später macht sich Kerstin Schneider, mittlerweile Redakteurin bei Stern, auf die Suche nach ihrer Großtante Marie. Und stößt auf ein sorgsam gehütetes Familiengeheimnis: Marie litt unter Schizophrenie, eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns, die einhergeht mit Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen. Schizophrene hören Stimmen, sehen mitunter Menschen und Dinge, die nicht existieren. Marie war 28 Jahre alt, als sie 1928 nach Arnsdorf bei Dresden in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, galt Marie als „lebensunwertes Leben“, wurde zwangssterilisiert und für Malaria-Versuche missbraucht. 1942 starb Marie unter mysteriösen Umständen in Großschweidnitz im Alter von 41 Jahren. Kerstin Schneider findet sogar Maries mutmaßlichen Mörder. Es ist Robert Herzer, der als „Arzt“ im „Sterbehaus“ in Großschweidnitz gearbeitet hat. Dabei war Herzer ein Hochstapler, der im Medizinstudium gescheitert war, wie die Autorin anhand alter Universitätsakten beweist.


Doch da ist die kleine Bemerkung in Maries Krankenakte, die die Ahnenforscherin hellhörig werden lässt. „Erblichkeit mütterlicherseits“ - diese knappe Bemerkung bringt die Autorin auf die Spur einer weiteren Verwandten. Marie hatte eine berühmte Großtante, Magdalena, die 1866 die Mutter Gottes an ihrem Bett stehen sah. In ihrem Heimatort, dem streng katholischen Philippsdorf in Böhmen (heute Filipov), entfachte die Nachricht von „Magdalenas Erscheinung“ eine Massenhysterie. Tausende pilgerten zu Magdalenas Haus, um die Stelle zu besichtigen, an der sich die Mutter Gottes die Ehre gegeben hatte. Magdalenas Hausärzte äußern schon damals den verdacht, dass die „Seherin“ ein Opfer ihrer Halluzinationen ist. Doch an der Wahrheit hat niemand ein Interesse: Die Katholische Kirche nicht, der seit „Magdalenas Erscheinung“ die Schäfchen zulaufen. Und auch die Philippsdorfer – bisher arme Webersleute – haben kein Interesse an der Wahrheit. Denn „Magdalenas Erscheinung“ beschert ihnen Reichtum und Wohlstand. Die Wallfahrt spült das Geld in die Haushaltskasse. Deshalb bauen sie anstelle von „Magdalenas Erscheinung“ eine Kirche. Und Magdalena wird als „böhmische Bernadette“ berühmt. Noch heute pilgern die Menschen jedes Jahr im Januar nach Philippsdorf, um Magdalenas Erscheinung zu feiern. Die „Seherin“ ruht in einer Privatgruft in der Basilika. Ihre Großnichte Marie liegt nur ein paar Kilometer davon entfernt. Namenlos verscharrt in einem Massengrab.

 Eine im wahrsten Sinne des Wortes „irre Geschichte“. Das Buch basiert auf Aktenmaterial, ist trotz seiner Faktenfülle spannend geschrieben. Geschichtsinteressierten und Ahnenforschern ist das Buch besonders zu empfehlen. Es zeigt, wie Familienforschung zum Krimi wird. Selbst als alter Hase lernt man eine Menge über Recherche, gerade, wenn man meint, alle Quellen versiegen.

 Kerstin Schneider: „Maries Akte - das Geheimnis einer Familie“ erschienen bei weissbooks Kerstin Schneider: „Maries Akte - das Geheimnis einer Familie“ erschienen bei weissbooks, ISBN: 978-3940888-02-0, zum Preis von 19,80 Euro

 

 

 

 

 

 

 

MARIES AKTE
Kerstin Schneider
Das Geheimnis einer Familie
Frankfurt/Main: Weissbooks.w, 2008. 286 S.
ISBN 978-3-940888-02-0

 

Die 1965 in Bremen geborene Journalistin Kerstin Schneider ist seit 1999 Redakteurin beim Wochenmagazin Stern. Ihr Beruf, der den nötigen Mut und eine große Portion Neugierde voraussetzt, fließt in ihren Adern und ließ sie über ihre Familie recherchieren. Was sich zunächst als langweilige Familienchronik anhört, erweist sich schnell als ein kritisches Gesellschaftsbild. Spannend, nüchtern und äußerst eloquent blättert K. Schneider das Geheimnis ihrer Familie auf und zeigt wie Menschen, auf Grund der jeweilig erlassenen Gesetze und deren Ausführungen durch politische Macht manipuliert werden. Was einst für Böse und Unrecht gehalten wurde, wird später für Gut und Richtig empfunden und umgekehrt.

Jede Familie hat mehr oder weniger ihre Geheimnisse, die seltsamerweise in einer Tabuzone aufbewahrt werden und das Areal des Verdrängens bietet somit einen Nährboden für Spekulation, Neugierde und führt zu einem Aufdeckungswunsch. Gerade weil sie tabu sind, geraten diese Geheimnisse in die Schublade des Unverdauten und werden mit dem Stempel des Unvergesslichen gebrandmarkt.

Wir wollen festhalten, dass es zunächst die Scheu und die Neugierde eines Kindes und das spätere Know-how und Nichtlockerlassen eines Erwachsenen ist, welches ihn zu einem Getriebenen machen, dem Getriebenen nämlich, dem wir letztendlich immer wieder Aufklärung verdanken.

Maries Akte ist also ein mit so einem Kennzeichen versehenes Geheimnis. Dabei handelt es sich aus heutiger Sicht um eine schlichte Krankengeschichte der Urgroßtante der Autorin, Lina Marie Schneider, geboren 1900 in Neugersdorf, gestorben 1942 in Großschweidnitz. Mit 28 Jahren an Schizophrenie erkrankt, mit 42 Jahren durch Euthanasie im Dritten Reich als „unwertes Leben“ bezeichnet und der Hitlermaschinerie ausgesetzt, zum Tode verurteilt, zunächst durch Verhungern, dann durch Vergiftung, um anschließend in einem fußballfeldgroßem Massengrab mit tausend anderen psychiatrischen Fällen ihren letzten Weg zu finden. Zur Erinnerung sei festgehalten, es herrschte Krieg, es herrschte Arbeitslosigkeit, es herrschte Hungersnot.

Der Leser wird sich dennoch um die Besonderheit dieser Akte fragen, weiß man doch um die Kriminalität des Dritten Reichs nicht nur dem jüdischen Volk und anders Denkenden gegenüber, von den Vernichtungslagern etc… auch über die Euthanasie gegenüber Kranken und Behinderten, die als „unwertes Leben“ bezeichnet wurden. Schon mehrfach wurde darüber berichtet, Filme und Dokumentationen gedreht.

Doch K. Schneider genügt die Aufarbeitung und Entdeckung der NS-Zeit, denen so viele Menschen hilflos ausgesetzt waren, nicht. Nein, sie geht weiter und sucht einen gesellschaftspolitischen Vergleich. Eine Ururgroßtante, Maria Magdalena Kade, in Philippsdorf 1835 geboren und 1905 gestorben, ermöglicht ihr, diesen Wahnsinnsvergleich im wahrsten Sinne des Wortes, zu ziehen. Maria Magdalena ereilte die Schizophrenie mit 19 Jahren. Ihr erschien nach langer medizinisch unnachvollziehbarer und unheilbarer Hauterkrankung mit knapp 30 Jahren die Mutter Gottes. Im Gegensatz zu ihrer Urgroßnichte Lena Marie, die sich im Übrigen für Jesus hielt, durfte Maria Magdalena ihre Leben nicht nur würdig, sondern als anerkanntes Mitglied der Gesellschaft, ja fast als Heilige weiterleben und eines natürlichen Todes sterben. Sie sanierte sogar durch ihre Marienerscheinung unbewusst das einstige verarmte Weberdorf zu einem reichen Wallfahrtsort. Behilflich dabei war ihr der ortsansässige Pfarrer, der engagiert im Spendeneintreiben eine Kathedrale zu Ehren der Mutter Gottes erbauen ließ. Sie thront über dem einstigen Krankenbett der Maria Magdalena Kade, von wo ihr Maria im grellen Licht die erlösenden Worte zusprach: „Ab jetzt, soll’s heilen.“

Hierbei geht es nicht um den Vergleich, wie ging man in der Jahrhundertwende, wie in der NS-Zeit und wie in der heutigen Zeit mit geistigen Abnormalitäten, wie der Schizophrenie, um. Vielmehr geht es um die Manipulation, der wir alle ausgesetzt sind und die wir scheinbar alle ignorieren. Kerstin Schneiders Familiengeschichte wirft unweigerlich Fragen auf. Es sei klargestellt, dass Maria Magdalena genauso der Teufel hätte erscheinen können und ihr Leben wäre Ende des 19. Jahrhunderts ganz anders verlaufen. Der Exorzismus erfreut sich unserer Tage einer neuen Beliebtheit. Die Autorin jedoch bleibt bei ihrer Geschichte und erzählt minutiös über ihre Recherchen und Entdeckungen. Sie bleibt sachlich, beinahe distanziert gegenüber ihrer eigenen Familiengeschichte. Sie selbst zieht keine Schlüsse, stellt keine Forderungen. Es ist der Leser, der, unmittelbar konfrontiert mit diesen Wundern und Gräueltaten, zu begreifen beginnt, wie einfach es ist, je nach wirtschaftlicher Lage und politischer Gesinnung, Menschen in die eine oder andere Richtung zu lenken. „Lass die Toten ruhen“ ist der besorgte Rat der Großmutter der Autorin an ihre Enkelin. Hierbei geht es um die immer wieder kehrende Angst, etwas aufgedeckt zu bekommen, was die Familie unter gewissen politischen Strukturen schwer zu büßen hätte. Wer kann das schon wissen? Familie Kade lebte noch in der einstigen Österreichisch-Ungarischen Monarchie in der katholischen Stadt namens Philippsdorf. Das heutige Filipov gehört nun zur Stadt Jirikov, liegt in Tschechien und ist seit dem Ereignis der Marienerscheinung unter der Bezeichnung „Nordböhmisches Lourdes“ bekannt. Während die dazu geheiratete Familie Schneider aus dem Nachbarort Neugersdorf, einer sächsischen evangelischen Stadt, stammte, lebte diese durch die Kriegsgeschehnisse plötzlich in der einstigen DDR. Neugersdorf und Großschweidnitz gehören zu Sachsen und liegen unmittelbar an der tschechischen Grenze mit Blick auf Filipov.

Angesichts dieser geographischen Lage mit diesen politischen Wirren, wer könnte dieser alten Dame ihre Ängste nehmen, tragen wir doch diese Angst selbst gewissenhaft mit. Wer kann schon vorhersehen, welches Geschehen über Makel oder Vollkommenheit einer Familie entscheidet? Wer, wenn wir nicht selbst und unsere Kinder und Enkelkinder sollten über unsere Zukunft bestimmen? Eben wie Kerstin Schneider als Enkelin ihren Beitrag dazu leistete, indem sie die Toten sprechen ließ und uns allen damit einen großen Dienst erwies. Es geht nicht darum Angst zu nehmen, sondern sich ihr zu stellen. Spannend, trotz sachlichem Schreibstil schafft es die Autorin durch die Geheimnisse ihrer Familie uns gegen Manipulationen zu sensibilisieren. Deshalb sei dieses Buch jedem - Alten und Jungen, Gläubigen oder Ungläubigen, Links- oder Rechtsgesinnten - wärmstens empfohlen.
LitGes, März 2009

Libri.de - Kerstin Schneider: Maries Akte (Buch)
www.libri.de/shop/action/productDetails/7380418/ke...
Warum wird in der Familie getuschelt, wenn die Sprache auf Marie kommt? Wer war sie denn wirklich, die Großtante? Und wer war Magdalena?
Kerstin Schneider will es wissen - und stößt auf ein sorgfältig gehütetes Geheimnis. Auf die Geschichte zweier Frauen, die beide als "verrückt" galten, über deren Schicksal der Zeitgeist aber unterschiedlich richtete. Magdalena Kade glaubte 1866, die Mutter Gottes zu sehen, und ihre Großnichte Marie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Doch während Magdalena, von vielen katholischen Gläubigen noch heute als "böhmische Bernadette" verehrt wird, wurde Marie von den Nazis als "lebensunwertes Leben" ermordet. Beide, Magdalena und Marie, hatten eine Krankheit - sie waren schizophren und "erblich belastet". Doch während Magdalena heute in einer Gruft einer Basilika aufgebahrt liegt, ist Maries Grab unbekannt.
Kerstin Schneider führt uns mitten hinein in zwei aufregende Frauenschicksale aus einer Familie - und erzählt von Marie, Magdalena und deren Welten, und bringt im Buche zwei Frauen zusammen, deren Wege sich vor Gott und auf Erden nicht kreuzen konnten.
Deutschlandradio Kultur - Kritik - Das böhmische Wunder von Lourdes
www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/866492/

Das böhmische Wunder von Lourdes

Kerstin Schneider: "Maries Akte. Das Geheimnis einer Familie", Weissbooks, 288 Seiten

1835 wurde Magdalena Kade im katholischen Böhmen geboren. 1900 kam ihre Großnichte Marie zur Welt. Wiederum 65 Jahre später wurde Kerstin Schneider in Bremen geboren. Die Journalistin hat ein Buch über die beiden Frauen geschrieben, die krank wurden, körperlich und psychisch. Zwar sind Dramaturgie und Erzählhaltung nicht ganz stimmig, aber dennoch sind die Familienschicksale beeindruckend zu lesen.

Kerstin Schneider ist mit Magdalena und Marie verwandt, Magdalena war die Tante, Marie die Tochter ihrer Urgroßmutter. Über Marie wurde in der Familie wenig gesprochen und über Magdalena gar nicht. Ihre dramatischen Geschichten waren zu regelrechten Familiengeheim-nissen geworden. Kerstin Schneider hat sie ergründet.

Die Geschichten, die sie erzählt, spielen im sachsisch-böhmischen Grenzgebiet. Im böhmischen Philippsdorf hatte die 30-jährige Magdalena 1865 eine Vision. Eines Nachts sah die Kranke die Mutter Gottes an ihrem Bett stehen und hörte wie sie sagte: "Von jetzt an heilts".

Die Hautkrankheit, an der Magdalena schon lange laboriert hatte, verschwand. Das Wunder, an das man nur zu gern glaubte, wurde immer wieder nacherzählt, die Zeitung berichtete, und schon zwei Wochen später wurde erwogen, am Ort der Erscheinung eine Kirche zu bauen, obwohl Magdalenas Arzt gutachtete:

"Ein wie großer Teil der Wunde in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar wirklich geheilt sei, kann ich nicht angeben, da ich (…) den Hautausschlag zwei bis drei Wochen vorher nicht gesehen habe. (…) Bezüglich der schnellen Veränderung im Kräftezustand (…) erlaube ich mir zu bemerken, dass hierbei Hysterie manches (zu) erklären vermöge. (…) Bei hysterischen und anderen nervenkranken Personen können (…) nach ärztlicher Erfahrung Halluzinationen vorkommen."

Aber vernünftige Erklärungen waren nicht willkommen. Die Erscheinung der Magdalena machte sie zu einem Star, und das armselige Philippsdorf nahm einen gewaltigen Aufschwung.

"Touristen aus aller Welt kamen nach Philippsdorf, das bald den Ruf eines 'böhmischen Lourdes' genoss. Und Magdalena wurde als 'böhmische Bernadette' verehrt."

Auch Magdalenas Familie ging es plötzlich gut. Ihr Bruder eröffnete eine Wirtschaft. Seine jüngste Tochter allerdings sorgte etliche Zeit später für einen Skandal. Sie wurde schwanger von einem Protestanten jenseits der Grenze. Das Paar heiratete schließlich, lebte in Sachsen und bekam etliche Kinder, unter anderen Marie.

Marie war ein Sorgenkind und blieb es. Auch Marie wurde als junge Frau unverheiratet schwanger. Der Kindsvater ließ sie auf üble Weise im Stich, und Marie wurde immer wunderlicher. Mit 28 Jahren landete sie im psychiatrischen Krankenhaus Arnsdorf, in der Irrenanstalt, wie man damals sagte. Und in der Familie wurde über Marie schon bald nicht mehr gesprochen.

Aber Kerstin Schneider erfuhr doch von ihr und wurde neugierig, forschte nach und bekam irgendwann Maries Krankenakte in die Hand. Da stand: "Erblichkeit mütterlicherseits". Das war der erste Hinweis, den die Autorin auf die böhmische Magdalena, die Großtante von Marie erhielt. Und dann fand Schneider verblüffende Parallelen:

"Magdalena war 30 Jahre alt, als sie die 'Mutter Gottes' an ihrem Bett stehen sah. Marie kam mit 28 Jahren nach Arnsdorf, war überzeugt, sie sei Jesus. Magdalena glaubte, die Jungfrau Maria zu sehen, hörte ihre Stimme: 'Mein Kind, von jetzt an heilts.' Ihre Freundin Veronika Kindermann, die bei ihr war in jener Nacht, sah und hörte nichts. Marie litt - so steht es in ihrer Akte - unter 'Sinnestäuschungen'."

Magdalena und Marie waren Außenseiterinnen, gesundheitlich labil und unglücklich. Die katholische Magdalena in Böhmen wird bis heute verehrt. Die ihr zu Ehren erbaute Kirche in Philippsdorf ist immer noch ein beliebter Wallfahrtsort.

Nur zwölf Kilometer davon entfernt kam Magdalenas Großnichte Marie, die sächsische Protestantin, 1942 in Großschweidnitz um, als 'lebensunwert' bezeichnet ließ man sie dort verhungern und gab ihr zudem vermutlich tödliche Medikamente. Sie hat nicht einmal eine ordentliche Grabstätte bekommen.

Kerstin Schneider hat eine bedrückende, eine spannende Geschichte zu erzählen. Dabei spielt die Geschichte von Marie, die den Nazis zum Opfer fiel, auf über 200 Seiten die Hauptrolle. Das ist wegen der zeitgeschichtlichen Bedeutung und der Quellenlage verständlich. Aber ich habe es doch als Mangel empfunden, dass Schneider über die böhmische Magdalena nur quasi im Nachgang auf rund 50 Seiten erzählt.

Neben der Dramaturgie ist auch die Erzählhaltung nicht ganz stimmig: Mal schreibt Schneider wie eine den Fakten verpflichtete Chronistin, mal wie eine Romanautorin, deren Stil wiederum nicht ganz überzeugt. Dennoch ist es beeindruckend zu lesen, welch extrem unterschiedliche Folgen zwei Fälle von Schizophrenie innerhalb einer Familie je nach Ort und Zeit haben konnten.

Rezensiert von Barbara Dobrick

Kerstin Schneider: Maries Akte. Das Geheimnis einer Familie
Weissbooks Frankfurt 2008,
288 Seiten, 19,80 Euro

2. Religionsunterricht

2.1. Berlin: "Pro Reli"

Humanistische Union: Pro Ethik: Hintergründe: Ethikunterricht in Berlin
http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/ethik/

An der rechtlichen Stellung des Religions- und Weltanschau-ungsunterrichts in Berlin hat sich durch die Einführung des allgemeinen Faches Ethik nichts geändert. Wie bisher verfügen die Berliner Schülerinnen und Schüler über die doppelte Wahlfreiheit, das freiwillige Zusatzangebot der verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wahrzunehmen – oder sich gegen einen glaubensgebundenen Unterricht zu entscheiden.
Amtliche Information zum Volksentscheid über die Einführung des Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion
www.pdfdownload.org/pdf2html/pdf2html.php?url=http...

Argumente von Pro Reli e.V.
[...]
Werte kann man nicht beweisen wie mathematische
Gesetze oder lernen wie Vokabeln. Bei der Frage,
was unser Leben ausmacht, spielen Glauben,
persönliche Vorstellungen und eigene Erfah-
rungen eine Rolle. Dies zu respektieren ist wich-
tig. Das ist die Freiheit, um die es uns geht.
[...]

Argumente des Abgeordnetenhauses
[...]
In Berlin leben Menschen aus über 150 Nationen
mit unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Glaubens-
richtung und Weltanschauung. Schule hat die
Aufgabe, Kinder zu einem friedlichen, demo-
kratischen Zusammenleben in gegenseitigem
Respekt zu erziehen. Deshalb gibt es seit 2006
den gemeinsamen Ethikunterricht für alle Schü-
lerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse. Er sen-
sibilisiert für Gemeinsames und für Unterschiede,
für Verständigung und Toleranz. Das kann er
nur, weil er als Pflichtfach konzipiert ist, an dem
alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam teil-
nehmen ­ nicht getrennt nach ethnischer, welt-
anschaulicher oder religiöser Herkunft. Auch
deshalb ist Ethik nicht abwählbar. Denn das
Besondere an diesem Fach ist das Verbindende.
Das Bundesverfassungsgericht würdigt dies in
seinem Beschluss vom März 2007. Dort wird
ausdrücklich festgestellt, dass ein gemeinsamer
Pflichtunterricht in Ethik die Integrationsziele
der Berliner Schule besser erfüllen könne als
eine Separierung nach Glaubensrichtungen
oder eine Aufspaltung auf verschiedene Fächer.
[...]
Berliner Ethikunterricht: Sechs häufige Kritiken
Gerd Eggers
http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/detail/back/ethikunterricht-in-berlin/article/berliner-ethikunterricht-sechs-haeufige-kritiken-1/

In den zurückliegenden Jahren gab es in Berlin von den Kirchen, CDU und FDP verschiedene Vorwürfe und Kritik zu einem Ethikfach für alle. Bei gründlicher Betrachtung und Analyse wird jedoch deutlich, dass sie aus jeweils verschiedenen Gründen gegenstandslos sind.

In der öffentlichen Debatte gibt es immer wiederkehrende Kritik und Vorwürfe am neuen Berliner Ethikunterricht, auf die wir im Folgenden eingehen:

 

1. Das Fach biete keine verlässliche Werteorientierung und vertrete eine Wertebeliebigkeit wie ein "Potpourri von Werten".

Richtig ist: Das Fach Ethik stützt sich in seiner Wertorientierung auf die Landesverfassung, das Grundgesetz und die universellen Menschenrechte, die für das friedliche Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Weltanschauungen verbindlich und unabdingbar notwendig sind. Zudem sollen sich Schülerinnen und Schüler im Ethikunterricht über Regeln, Normen und Werte in verschiedenen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen austauschen und sich einen ethischen Minimalkonsens für das Zusammenleben erarbeiten. Das Fach leistet damit einen besonderen Beitrag zur Integration von Schülern unterschiedlicher Herkunft in Schule und Gesellschaft.

 

2. Dem Staat sei es untersagt, Ethik als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler einzuführen.

Das ist falsch, wie ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1998 zum Ethikunterricht belegt (siehe dazu Punkt 5). Nach dem Berliner Schulgesetz sind im Übrigen alle allgemeinbildenden Fächer verpflichtet, grundlegende Werte der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft allen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln. Bundesländer können außerdem ein spezielles Pflichtfach für die Wertevermittlung einrichten. Die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können in Berlin in ihren bekenntnisgebundenen Fächern darüber hinaus wie bisher den daran interessierten Schülerinnen und Schülern ihre besonderen Wertvorstellungen, Weltsichten und Traditionen vermitteln.

 

3. Ein Pflichtfach Ethik verletze die Freiheit der Wahl zwischen verschiedenen wertorientierenden Fächern wie z.B. zwischen Religions- und Weltanschauungsunterricht. Diese Freiheit sei nur in einem Wahlpflichtbereich gegeben.

Hier wird der wesentliche Unterschied zwischen allgemeinbildenden Fächern und bekenntnisgebundener Spezialbildung verkannt. "Ein bekenntnisgebundener Religions- und Weltanschauungsunterricht kann ein allgemeinbildenes Fach nicht ersetzen."[1] "Der Staat ist souverän und auch berechtigt, neue Unterrichtsfächer einzuführen, wenn er dies bildungspolitisch und/oder pädagogisch für erforderlich hält."[2] Schülerinnen und Schüler, die darüber hinaus einen Bekenntnisunterricht wünschen, haben auch weiterhin in Berlin die freie Wahl zwischen den Angeboten unterschiedlicher Konfessionen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.[3] Im Übrigen käme niemand auf die Idee, von den allgemeinbildenden Fächern Sozialkunde bzw. Politische Bildung eine Abmeldemöglichkeit für den Besuch spezieller Unterrichtsangebote von politischen Parteien einzuräumen.

 

4. Der Religions- und Weltanschauungsunterricht werde durch das Fach Ethik aus den Schulen verdrängt.

Bei genauerem Hinsehen erweist sich auch dieser Vorwurf als nicht stichhaltig. Wie schon in Punkt 3 deutlich wurde, bleibt die Wahlmöglichkeit unter den Angeboten der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften neben dem Ethikunterricht erhalten. Außerdem wird das neue Fach Ethik erst ab der 7. Klasse eingeführt. In den Grundschulen wird überhaupt nichts an den Bedingungen des Religions- und Weltanschauungsunterrichts geändert, der dort von 75 Prozent der Berliner Schülerinnen und Schüler besucht wird. Darüber hinaus wurde durch das Schulgesetz den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften die Möglichkeit eröffnet, in Kooperationsprojekten mit dem Ethikunterricht alle Schülerinnen und Schüler themenbezogen mit ihren Wertvorstellungen, Weltsichten und Traditionen bekannt zu machen.

 

5. Ein Ethikfach für alle Schüler sei verfassungswidrig.

Dieser Vorwurf hat sich spätestens durch die Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde von mehreren Eltern und Schülern, vertreten durch die Rechtsanwälte Reymar und Hasso von Wedel durch das Bundesverfassungsgericht (Aktenzeichen 1 BvR 1017/06) als nicht relevant erwiesen. Das Gericht empfahl den Beschwerdeführern, bei der Schulbehörde eine individuelle Befreiung zu beantragen bzw. ihre Kinder auf eine konfessionelle Privatschule zu schicken. Bereits 1998 hatte das Bundesverwaltungsgericht klargestellt: "Der Landesgesetzgeber wäre nicht gehindert, einen Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler vorzusehen und in Kauf zu nehmen, dass die am Religionsunterricht teilnehmenden Schüler im Verhältnis zu den anderen Schülern zusätzliche Schulstunden haben." (BVerwG 6 C 11.97, S. 15 – aus Anlass einer Klage aus Baden-Württemberg)

 

6. Religionskunde könnten nur Religionslehrkräfte kompetent erteilen.

Diese Behauptung verkennt den grundlegenden Unterschied zwischen einem bekenntnisgebundenen Religionsunterricht und einer allgemeinbildenden Religionskunde. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1987 ist es der Gegenstand des konfessionellen Religionsunterrichts, in bestimmte Glaubensüberzeugungen einzuführen. "Diese als bestehende Wahrheiten zu vermitteln, ist seine Aufgabe." ( BVerfGE Bd. 74, S. 244) Das bedeutet zugleich, dass im Bekenntnisunterricht andere Religionen und Weltanschauungen von den je eigenen konfessionellen Wahrheitsansprüchen aus betrachtet und beurteilt werden.

Dem gegenüber ist es die Aufgabe des Ethikunterrichts, ein Grundwissen und eine Gesprächsfähigkeit über die wichtigsten Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln, ohne bekenntnisgebundene Bewertungen damit zu verbinden. Negative Erscheinungen wie religiöser und weltanschaulicher Fundamentalismus werden jedoch als solche kritisch nach dem Maßstab von Grundgesetz und Menschenrechten beurteilt.

Aus dem Arbeitspapier "Ethikunterricht für alle"
des Forums für ein gemeinsames Wertefach

 

Anmerkungen:

[1] Bildungspolitischer Beschluss der Berliner SPD vom 9.4. 2005

[2] Landesdelegiertenversammlung der GEW, 25./26.5. 2005, Beschluss Nr. 6

[3] Gegenwärtig wird durch das Land Berlin trotz seiner Haushaltsnotlage der Bekenntnisunterricht zu 90 Prozent bezuschusst (Personalkosten). Das betrifft folgende Angebote: Evangelischer Religionsunterricht, Humanistische Lebenskunde, katholischer Religionsunterricht, islamischer (sunnitischer und alevitischer) Religionsunterricht, jüdischer Religionsunterricht, buddhistischer Religionsunterricht und griechisch-orthodoxer Religionsunterricht.
Warum kann Religionsunterricht nicht Ethikunterricht ersetzen?
Andrea Härtel
http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/religions_weltanschauungsunterricht/deutschland/back/religions-weltanschauungsunterricht/article/warum-kann-religionsunterricht-nicht-ethikunterricht-ersetzen/
Unterschiede zwischen bekenntnisgebundenem und religionskundlichen Unterricht

Nach dem Grundgesetz wird der Religionsunterricht „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft“ erteilt (Art. 7 Abs. 3 Satz 2 GG), was ihn vom allgemeinbildenen religionskundlichen Unterricht abgrenzt. Dieses Übereinstimmungsgebot hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Beschluss vom 25. Februar 1987 so ausgelegt, dass der Religionsunterricht „in 'konfessioneller Positivität und Gebundenheit'“ zu erteilen ist:

„Er [der Religionsunterricht] ist keine überkonfessionelle vergleichende Betrachtung religiöser Lehren, nicht bloße Morallehre, Sittenunterricht, historisierende und relativierende Religionskunde, Religions- oder Bibelgeschichte. Sein Gegenstand ist vielmehr der Bekenntnisinhalt, nämlich die Glaubenssätze der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Diese als bestehende Wahrheiten zu vermitteln, ist seine Aufgabe“ (BVerfG, 1 BvR 47/84 vom 25. Februar 1987, S. 244f.; eig. Hervorh.).

Während der Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes sich also als bekenntnisgebundener Unterricht inhaltlich auf eine konkrete Religion bezieht und somit den „besonderen Wahrheitsanspruch religiösen Glaubens“ mit einschließt, erfolgt im religionskundlichen Unterricht die „bekenntnismäßig neutrale Vermittlung von Informationen über eine oder mehrere Religionen“ (Classen 2006: 193).
http://proethik.humanistische-union.de/hintergruende/religions_weltanschauungsunterricht/deutschland/back/religions-weltanschauungsunterricht/article/warum-kann-religionsunterricht-nicht-ethikunterricht-ersetzen/

Argumente von „Pro Reli“ auf dem Prüfstand


http://proethik.humanistische-union.de/start/detail/back/startseite/article/argumente-von-pro-reli-auf-dem-pruefstand/

Im Folgenden gehen wir auf die Behauptungen der Initiative "Pro Reli" ein.

1. Behauptung:  "Ethik/Religion schafft Wahlfreiheit"

Was auf den ersten Blick plausibel erscheint, ist es bei näherer Betrachtung nicht. Ein Wahlzwang zwischen dem konfessionellen Religionsunterricht und dem allgemeinbildenden Fach Ethik ist so wenig sinnvoll wie eine Wahl zwischen Religion und Biologie oder Sport.

In dem entscheidenden Punkt der Glaubensfreiheit würde die Einführung eines Wahlpflichtfaches Ethik/Religion die gegenwärtig bestehende Wahlfreiheit gerade beschränken. Alle Schüler und Schülerinnen können sich gegenwärtig für oder gegen einen Bekenntnisunterricht entscheiden, ohne dass eine Entscheidung gegen den Bekenntnisunterricht für sie negative Folgen hätte. Wer einen Bekenntnisunterricht wünscht, kann zudem zwischen den Angeboten unterschiedlicher Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften auswählen. Bei einem Wahlpflichtfach Religion müsste Schüler und Schülerinnen, die sich gegen eines der bestehenden religiös bzw. weltanschaulich gebundenen Angebote entscheiden, ersatzweise das Fach Ethik belegen. Eine wirklich freie Entscheidung gegen den Religionsunterricht wäre also nicht möglich.

Berlin  ist auch rechtlich nicht gehalten, Schülern und Schülerinnen die Wahl zwischen Ethik und Religion zu ermöglichen. Dem Berliner Landesgesetzgeber steht es vielmehr zu, im Rahmen seines staatlichen Erziehungsauftrages nach Art. 7 Abs. 1 Grundgesetz einen Ethikunterricht für alle Schüler und Schülerinnen als allgemeinbildendes ordentliches Lehrfach einzuführen. Verboten ist dem Staat lediglich, die Schüler und Schülerinnen selbst in einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu unterrichten. Der Ethikunterricht ist aber gerade religiös und weltanschaulich neutral angelegt. Das hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Beschluss über eine Verfassungsbeschwerde gegen den Berliner Ethik-Unterricht festgestellt (BVerfG, Nichtannahmebeschluss v. 15.03.2007, 1 BvR 2780/06).

Schüler und Schülerinnen sind grundsätzlich im Rahmen ihrer Schulpflicht zum Besuch der ordentlichen Lehrfächer verpflichtet. Eine Möglichkeit zur Abmeldung kann nur ausnahmsweise in besonders begründeten Fällen bestehen. Etwas anderes kann auch nicht für das Fach "Ethik" gelten.

2. Behauptung: "Ethik/Religion nimmt den unterschiedlichen Erfahrungshorizont der Schüler ernst"

Das ist sehr zu hoffen, ist aber kein stichhaltiges Argument gegen den gemeinsamen Ethikunterricht, der zur Neutralität und Fairness gegenüber unterschiedlichen Bekenntnissen verpflichtet ist. Wie der an ein Bekenntnis gebundene Religionsunterricht andere Religionen oder weltliche Orientierungen behandelt, bleibt ihm dagegen selbst überlassen. Darum sollte dieser Unterricht uneingeschränkt freiwillig bleiben. Eine Allgemeinbildung über die Weltreligionen im gemeinsamen kann er nicht ersetzen. Auch Konfessionslose sollen etwas über das Christentum erfahren, auch Muslime etwas über das Judentum - und zwar nicht nur aus der Perspektive von Lehrerinnen und Lehrern,  die gesetzlich an ein bestimmtes Bekenntnis gebunden sind. Zwar sind  sicherlich  auch die meisten Religionslehrerinnen und -lehrer bemüht, auch andere Auffassungen angemessen zu behandeln, eine Garantie gibt es dafür aber nicht. Das betrifft übrigens keinesfalls nur den Islam. Auch z.B. die evangelische Kirche gab mit ihrer Kampagne "Keine Werte ohne Gott" zumindest Anlass zum Zweifel, ob sie säkulare Wertorientierungen immer ernst nimmt. Das muss sie auch nicht tun, aber für einen staatlichen Unterricht scheint uns dies keine geeignete Leitlinie zu sein. Der Wert der Menschenrechte ist universell. Sie können unterschiedlich begründet werden und sie gelten unabhängig davon, ob jemand an Gott glaubt.

Um noch besser zu gewährleisten, dass Ethiklehrerinnen und -lehrer die unterschiedlichen Wertorientierungen ernst nehmen, fordert die Humanistische Union eine Verbesserung ihrer Ausbildung.

3. Behauptung "Ethik/Religion fördert Toleranz"

"Pro Reli" behauptet, dass das Wahlpflichtfach Religion Toleranz fördere, weil Schüler und Schülerinnen den Wert von Grundüberzeugungen an sich zu schätzen lernen würden. In der Diskussion über Toleranz ist umstritten, ob jemand nur dann tolerant sein kann, wenn er oder sie einen festen Standpunkt hat, von dem aus andere Ansichten und Überzeugungen geduldet werden können. Ebenso gut  lässt sich vertreten, dass es eines solchen festen Standpunktes gerade nicht bedarf, er vielmehr hinderlich sein kann (so wohl die Annahme in der Ringparabel in Lessings "Nathan der Weise"). Im gegenwärtigen Berliner Modell wird Toleranz gefördert,  indem alle Schüler und Schülerinnen über die Vielfalt an Meinungen und Auffassungen im religiösen und weltanschaulichen Spektrum informiert werden, ohne einen festen Standpunkt zu vermitteln (was dem Land Berlin im Übrigen auch verwehrt wäre). Alle, die darüber hinaus standpunktgebundene Unterweisung wünschen, können Religionsunterricht oder weltanschauliche Lebenskunde wählen.

4. Behauptung: "Ethik/Religion bietet authentische Lehrer"

Das  mag zutreffen, Gleiches gilt aber auch für das bestehende Modell. Auch Lehrerinnen und Lehrer des gemeinsamen Ethikunterrichts können (und sollen) Theorie und Praxis miteinander verbinden und an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler anknüpfen. Ihre Neutralitätspflicht bezieht sich nur darauf, dass sie nicht für eine bestimmte Religion oder Weltanschauung Partei ergreifen dürfen. Selbstverständlich dürfen sie aber für die Werte eintreten (und sie möglichst vorleben), die sich aus der Verfassung oder dem Bildungsauftrag der Schule ergeben.

Sofern  mit "Authentizität" die Gebundenheit an ein bestimmtes Bekenntnis gemeint ist, besteht in Berlin die Möglichkeit, am freiwilligen Religions-  oder Lebenskunde teilzunehmen. Zudem können (und sollen) authentische Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen  Religionsgemeinschaften in den Ethikunterricht eingeladen werden.

5. Behauptung: "Ethik/Religion löst das momentane Dilemma des Pflichtfachs Ethik"

 "Pro Reli" argumentiert, ein nicht abwählbares Fach Ethik stehe vor dem Dilemma, einerseits Werte vermitteln zu sollen, andererseits weltanschaulich neutral sein zu müssen. Bei den Werten, die im Ethikunterricht "vermittelt" werden sollen, handelt es sich aber gerade nicht um religiös oder weltanschaulich gebundene, sondern um solche, die auch völlig unabhängig vom Bekenntnis Geltung beanspruchen können, wie z.B. die Menschenrechte oder die Beachtung von Regeln der Toleranz, der Fairness und der Gleichberechtigung. Wertebildung findet zudem nicht einfach durch die Übernahme dessen statt, was vorgegeben wird, sondern durch Austausch, Reflektion und die Auseinandersetzung mit Unterschieden. Dazu bietet ein gemeinsamer Unterricht bessere Möglichkeiten als ein jeweils nach unterschiedlichen Überzeugungen getrennter.

Neutralität ist auch in anderen Fächern sicher eine Herausforderung für die Lehrenden, aber kein unauflösbares Dilemma. Auch wer Politik unterrichtet, ist zur Neutralität verpflichtet, kann aber Wissen vermitteln und Diskussionen moderieren. Niemand käme jedenfalls auf die Idee, die gebotene Neutralität sei nur zu gewährleisten, indem die Schülerinnen und Schüler zwischen christdemokratischem oder sozialdemokratischem Politikunterricht oder einem Fach für den Rest wählen müssten.

6. Behauptung:  "Ethik/Religion sichert staatliche Neutralität"

"Pro Reli" argumentiert, dass Wertevermittlung weltanschaulich nie neutral sei. Mit dem Fach Ethik mische sich der Staat in Weltanschauungsfragen ein und verletze damit seine Neutralitätspflicht.  Allerdings wird der Staat durch das Grundgesetz nicht zu absoluter Wertneutralität verpflichtet. Ihm ist lediglich untersagt, sich zu einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu bekennen. Die staatliche Schule  muss sich aber zu den Werten des Grundgesetzes bekennen und diese im Unterricht vermitteln. Insoweit darf der staatliche Unterricht gerade nicht neutral sein. Werte wie Menschenrechte, Gleichberechtigung, Pluralismus und demokratische Verfahren, auf denen unser Grundgesetz aufbaut, können und sollen im ordentlichen Unterricht vermittelt werden.
Die gebotene Neutralität des Staates in Glaubensangelegenheiten wird dagegen durch die von "Pro Reli" vorgeschlagene Regelung in Frage gestellt. Ihr Gesetzentwurf sieht u.a. gemeinsame Unterrichtseinheiten von  Religions- und Ethikunterricht vor. Das würde bedeuten, dass auch Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht wünschen, sich religiöser Unterweisung nicht entziehen könnten. Das ist mit der Religionsfreiheit nicht vereinbar. Zudem stellt sich die Frage, mit welchem Religionsunterricht gemeinsame Phasen stattfinden sollen. Eine Privilegierung bestimmter Religionen bzw. Konfessionen würde gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen.

7. Behauptung: "Ethik/Religion vermindert die Fundamentalismusgefahr"

"Pro Reli" legt nahe, nur in einem Wahlpflichtbereich mit Religion als ordentlichem Fach könnten Schülerinnen und Schüler lernen, dass Religion und Verfassungstreue keine Gegensätze sind. Aber auch im derzeitigen freiwilligen Religionsunterricht in Berlin darf keine verfassungswidrige Propaganda verbreitet werden. Umgekehrt schließt auch ein Wahlpflichtbereich nicht aus, dass  dort Gemeinschaften ihren Platz beanspruchen, die als fundamentalistisch bezeichnet werden könnten. Das Recht auf Erteilung von Religions- oder Weltanschauungsunterricht steht allen Bekenntnisgemeinschaften zu. Wer das Risiko des Fundamentalismus ganz ausschließen will, müsste Religionsunterricht deshalb in jeder Form aus der Schule heraushalten.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem von "Pro Reli" geforderten Wahlpflichtfach und dem bestehenden Berliner Modell ist die Rolle des Ethikunterrichts. Nur wenn dieser - wie bisher - ein Fach für alle Schülerinnen und Schüler ist, ist gewährleistet, dass alle etwas über das Verhältnis von Religionen und Verfassung lernen.
Humanistische Union: Pro Ethik
proethik.humanistische-union.de/

Für ein tolerantes, weltoffenes Berlin!

Im weltoffenen Berlin treffen sich viele Menschen unterschiedlichster Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Angesichts dieser nicht immer konfliktfreien Vielfalt ist es wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler Toleranz und Respekt füreinander lernen.

Dies geschieht erfolgreich durch das neue Schulfach „Ethik“, das wir unterstützen. Die kirchennahe Initiative „Pro Reli“ will jetzt den gemeinsamen Ethikunterricht abschaffen.

Die Humanistische Union setzt sich für den gemeinsamen Ethikunterricht ein, denn:

  • nur in einem gemeinsamen Unterricht werden Toleranz und Respekt für andere Kulturen, Religionen und Weltanschauungen gefördert und erfahren.
  • nur in einem gemeinsamen Unterricht werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Überzeugungen gleichberechtigt vermittelt.
  • nur in einem gemeinsamen Unterricht erhalten alle Schülerinnen und Schüler eine grundlegende Bildung zu Fragen der Ethik und Menschenrechte

Aus diesem Grund beteiligt sich die Humanistische Union an der gemeinsamen Initiative "Pro Ethik" und unterstützt den Aufruf für den Erhalt des gemeinsamen Ethikfaches. Auf den folgenden Seiten können Sie sich über die Entstehungsgeschichte des Ethikunterrichts informieren, finden Hintergrundinformationen Religionsunterricht in Berlin und dem rechtlichen/finanziellen Verhältnis zwischen Staat und Kirche.

Humanistische Union: Irrtümer und Missverständnisse zum Volksbegehren
www.humanistische-union.de/aktuelles/aktuelles_det...

1. Unsinnig ist die Behauptung, dass das geltende Recht die freie Wahl zwischen Ethik und Religion verhindert. Ethik ist nicht Ersatz für Religion und Religion ist nicht Ersatz für Ethik. Wer für sich persönlich oder seine Kinder den Glauben für bedeutsam hält, kann derzeit noch Religionsunterricht in der Schule frei wählen – neben dem Ethikunterricht. Nach dem Willen von „Pro Reli“ soll das nicht mehr möglich sein.

2. Unwahr ist es zu behaupten, dass nur die Abwahl des Ethikunterrichts und die Wahl des getrennten Religionsunterrichts den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bietet, ihre eigenen religiösen Wurzeln kennen zu lernen. Niemandem wird zugemutet, in der Schule auf seine Religion zu verzichten. Richtig ist vielmehr: Die am Religionsunterricht teilnehmenden Schülerinnen und Schüler erhalten die Chance, darüber hinaus im Ethikunterricht auch fremde religiöse und kulturelle Wurzeln kennen zu lernen und sich mit Andersgläubigen auseinander zu setzen.

3. Diffamiert wird das Fach Ethik als „Zwangsfach“. Alle ordentlichen Unterrichtsfächer in der Schule sind im Rahmen der Schulpflicht verpflichtend. Für das Fach Ethik gilt nichts anderes. Mit Religionsfreiheit hat das Fach nichts zu tun, weil es in diesem um Kenntnisse und gerade nicht um das eigene Bekenntnis zu einer bestimmten Weltanschauung geht. Eine Abmeldung vom Ethikunterricht lässt sich nicht religiös begründen.

4. Unbewiesen ist die Unterstellung, im Ethikunterricht würden Schülerinnen und Schüler staatlich indoktriniert oder zu Atheisten erzogen. Die religiöse und weltanschauliche Neutralität des Unterrichts ist ausdrücklich vorgeschrieben. Die Glaubensgemeinschaften waren und sind aufgerufen, an den Lehrplänen für den Ethikunterricht mitzuwirken, sie können den Unterricht in einzelnen Kooperationsphasen sogar mitgestalten.

5. Unehrlich sind die Kirchen, wenn sie in Berlin die Freiheit der Wahl zwischen Religionsunterricht und dem angeblichen „Zwangsfach“ Ethik fordern. Nicht nur, dass sich die Freiheit der Wahl beim näheren Betrachten als Zwang zur Entscheidung zwischen Ethik oder Religion entpuppt; in anderen Bundesländern bestehen gerade die Kirchen darauf, dass Ersatzfächer wie Ethik, Philosophie oder Werte und Normen für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend sind, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. In einem Ersatzfach Ethik für Religionsverweigerer sehen Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutsch­land offenbar keine „Bevormundung“, in einem normalen Schulfach hingegen schon. Haben die beiden christlichen Kirchen keine Hemmungen, anders- oder nichtgläubigen Kindern jenes „Zwangsfach“ aufzuerlegen, dass sie für die eigenen Glaubensanhänger unbedingt verhindern wollen?

6. Beschämend ist es, den Befürwortern der geltenden Rechtslage Religionsfeindlichkeit zu unterstellen. Das Gegenteil ist der Fall: Allen Bürgern der Stadt soll weiterhin die Freiheit bleiben, sich zu ihrer Weltanschauung oder ihrer Religion zu bekennen und sie auch öffentlich auszuüben. Zur Religionsfreiheit gehört aber auch die Freiheit,  sich von Religionen abzuwenden oder ihnen fern zu bleiben. Die Befürworter der geltenden Sach- und Rechtslage wollen die vielfältigen religiösen Wurzeln unserer Kultur weder verleugnen noch bekämpfen, die kulturellen Leistungen der Religion sind wesentlicher Bestandteil unserer Geschichte. Vermieden werden soll allein ein Sonderunterricht in Religion und die damit verbundene konfessionelle Aufteilung der Schülerschaft.

7. Bagatellisiert wird von „Pro Reli“ die durchaus nicht selbstverständliche Tatsache, dass an den Schulen der Stadt seit langem Religionsunterricht stattfindet, namentlich auch für die evangelischen und katholischen Christen, einer deutlichen Minderheit der Stadtbevölkerung. Für diesen Bekenntnisunterricht zahlt das Land Berlin jährlich rund 50 Mio. Euro, die von allen steuerzahlenden Bürgerinnen und Bürgern der Stadt aufgebracht werden, unabhängig von ihrer Konfession.

8. Unterschlagen wird von den Befürwortern des Volksbegehrens, dass die verfassungsrechtliche Zulässigkeit des Ethikunterrichts längst geklärt ist. Bereits im März 2007 hat das Bundesverfassungsgericht über eine Klage gegen den Ethikunterricht im Berliner Schulgesetz entschieden. Das eindeutige Urteil: Der Ethikunterricht verstößt nicht gegen unsere Verfassung. Die Richter berücksichtigten sowohl die besondere Situation Berlins und prüften sorgfältig jene Argumente gegen das Ethikfach, die von „Pro Reli“ weiterhin öffentlich verbreitet werden.

9. Irreführend ist die Forderung von „Pro Reli“, das Grundrecht auf Teilnahme am Religionsunterricht als ordentlichem Lehrfach nach Artikel 7 Abs. 3 Grundgesetz müsse auch in Berlin gelten. Abgesehen davon, dass es umstritten ist, ob Artikel 7 Grundgesetz in den anderen Bundesländern überhaupt als Grundrecht anzusehen ist, wird hier verschwiegen, dass das Grundgesetz selbst die Geltung von Artikel 7 in Berlin ausdrücklich suspendiert (Artikel 141 Grundgesetz). Es wäre deshalb Aufgabe des Senats, prüfen zu lassen, ob das Grundgesetz überhaupt eine Regelung zuließe, die Religionsunterricht in Berlin als ordentliches Lehrfach vorsieht.

10. Unterschätzt werden die Chancen, die das Fach Ethik gerade in einer Stadt wie Berlin bietet, die so viele unterschiedliche Kulturen, Ethnien, Glaubensgemeinschaften und Lebensstile umfasst. Wo kann Integration vorbereitet, geübt und gelebt werden, wenn nicht in der Schule? Wo kann dies besser geschehen als in einem gemeinsamen Fach, in dem religiöse, ethische und existenzielle Fragen gestellt und erörtert werden, die unser aller Zusammenleben berühren? Der gemeinsame Unterricht aller Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 bis 10 im Fach Ethik und die Möglichkeit, darüber hinaus Religionsunterricht zu wählen, bieten ein Höchstmaß an Freiheit und Integration.

 

Humanistische Union: Publikationen: Mitteilungen
www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilun...
Argumente – Fehlanzeige

Dass in dieser religionskämpferischen Atmosphäre manchmal die Übersicht verloren ging, ist nicht verwunderlich. „Pro Reli“ war von vornherein auf Finten angelegt: So warb die Initiative mit dem Slogan „Wahlfreiheit“, obwohl sie gerade die freie (Ab-)Wahl des Religionsunterrichts durch einen Entscheidungszwang ersetzen wollte. Die Kampagne bediente das Klischee einer religionsfeindlichen linken Landesregierung, die angeblich den Religionsunterricht bedrohe. Dabei war es eben jene Regierung, die 2006 den Berliner Staatskirchenvertrag unterzeichnete und damit kirchliche Privilegien verankerte. An der Finanzierung und den Rahmenbedingungen des Religionsunterrichts hatte sich seit der Einführung des Ethikfaches nichts geändert. Eben jener Ethikunterricht, gegen den „Pro Reli“ so fleißig agitierte, sollte nach dem Gesetzentwurf nicht mehr wie bisher ab dem 7. Schuljahr, sondern für alle „Nichtgläubigen“ bereits ab der 1. Klasse verpflichtend werden.

Zwischenruf : Die gottlose Hauptstadt - Politik - Extra - STERN.DE
www.stern.de/politik/deutschland/zwischenruf/:Zwis...

Zwischenruf

Die gottlose Hauptstadt

Zwischenruf: Die gottlose Hauptstadt

 
Von Hans-Ulrich Jörges

Klaus Wowereit hat die Sozialdemokraten zum ersten Mal in einen Kampf gegen die Kirchen geführt - und mit einer großen Traditionslinie seiner Partei gebrochen.

Es ist ein schaler Triumph. "Nach wie vor", sagt Klaus Wowereit, "nach wie vor" sei der rot-rote Senat an einer "konstruktiven Zusammenarbeit mit den Kirchen" interessiert. Eine Selbstverständlichkeit, als generöses Angebot des Siegers im Kirchenkampf formuliert. Vielleicht ahnt er ja nun zumindest, welchen Einschnitt es für die Kultur der Hauptstadt bedeutet, dass er den Volksentscheid für die Wahlfreiheit zwischen Ethik- und Religionsunterricht an den traditionell miserablen Schulen Berlins zum Scheitern gebracht hat. Dass er die Stadt aufs Neue gespalten hat zwischen dem (noch) religiös geprägten Westen und dem überwältigend atheistischen Osten, umerzogen in der DDR. Dass er schließlich sich und seine Partei, die SPD, in eine verhängnisvolle Rolle manövriert hat. Geschichtslos, machtvergessen, kirchenfeindlich. Und isoliert, auf der Insel der heidnischen Hauptstadt, in der nur noch 40 Prozent einer Religion angehören - in München, zum Vergleich, sind es 95 Prozent.

 
Zwischenruf: Die gottlose Hauptstadt
 © Alfred Steffen
Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges

Das hat nicht nur kulturelle, es hat auch politische Folgen. Für Wowereit, den ehedem katholisch Getauften und nun säkular Konvertierten, zuallererst. Wer kann ihn sich jetzt noch vorstellen als Kanzlerkandidaten einer Partei, die siegen will, überall? Wer sein Kind am Nachmittag, nach der Schule, zum Ballettunterricht bringe, könne es ja wohl auch zum freiwilligen Religionsunterricht gehen lassen, hat er gesagt. Und gar nicht begriffen, was es bedeutet, Ballett und Religion auf eine Ebene zu stellen, auf das Niveau eines Hobbys - in einer Zeit, in der landauf, landab über Werte und die Unabdingbarkeit ihrer Vermittlung geredet wird. Man dürfe den Gegnern "keine Vorlagen" liefern, warnte er seine Partei, hämmerte sie zum monolithischen Block in der Gewissensfrage. Und begriff gar nicht, dass solcher Ton an den Kirchenkampf der DDR erinnern könnte - fortgeführt voll Inbrunst vom Koalitionspartner, der Linkspartei.

"Pro Reli"
Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat, ertrug das nicht und unterschrieb "pro Reli" - wie auch Wolfgang Thierse und die Linke Andrea Nahles. Sie brachen das feige Stillhalteabkommen der Bundes-SPD mit Wowereit, nahmen seinen Zorn auf sich. Das darf man Steinmeier - und den beiden anderen - nicht vergessen.
 

Denn Klaus Wowereit hat einen symbolmächtigen Bruch vollzogen mit der Geschichte der SPD. Zum ersten Mal hat er sie, geschlossen und ohne erkennbaren internen Widerspruch, in einen Wahlkampf geführt gegen alle großen Religionsgemeinschaften: Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime. Jene SPD, die nie einen evangelischen Arbeitskreis brauchte, weil die gesamte Partei dieser Arbeitskreis war. "Sprach die Kirche mit staatlichen oder parteipolitischen Vertretern, so traf sie immer wieder auf ihre eigenen Leute", sagte einst Jürgen Schmude, Bildungs-, Justizund Innenminister in den besseren Zeiten der Sozialdemokraten.

"Christliche Tradition als prägender Kulturfaktor"
Von 1985 bis 2003 war Schmude Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er stand in großer Tradition. Gustav Heinemann, Sozialdemokrat und späterer Bundespräsident, war der erste Präses nach dem Krieg. Beide verzahnten EKD und Partei. "Dass die Kirche heute schwächer ist, als mancher sie sich wünscht, kann ja wohl kein vernünftiger Grund sein, ihrer weiteren Schwächung auch noch Vorschub zu leisten", sagte Schmude 1998 und beschwor "das Gewicht der christlichen Tradition als prägender Kulturfaktor". Nun hat Wowereit - ausgerechnet in der Hauptstadt, der Herzkammer der Wiedervereinigung - mehr als nur Vorschub geleistet, die Kirchen an den Rand der Gesellschaft zu drängen.
 
Ohne die evangelische Kirche wären Ethos, Richtung und Erfolge der SPD undenkbar
 

Darunter die evangelische Kirche, ohne die Ethos, Richtung und Erfolge der Sozialdemokratie undenkbar wären. 1961 wandten sich evangelische Wissenschaftler, darunter Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg, im "Tübinger Memorandum" gegen eine nukleare Aufrüstung. 1965 bereitete die EKD mit ihrer Ost-Denkschrift, die den Verzicht auf die deutschen Ostgebiete forderte, die Friedenspolitik Willy Brandts vor. 1966, zum 60. Geburtstag Herbert Wehners, schrieb Bischof Hermann Kunst auf Einladung Brandts einen offiziellen Glückwunschartikel in der Parteizeitung "Vorwärts". In den 80er Jahren standen die Protestanten an der Seite der Friedensbewegung. 1989 wäre der Sieg der friedlichen Revolution in der DDR ohne Schutz und Rückhalt der evangelischen Kirche nicht möglich gewesen. Perdu in Berlin, im Jahr des 20. Jubiläums.

Übrigens: Ich gehöre keiner Kirche an, habe aber "pro Reli" votiert. Meine beiden Töchter, inzwischen erwachsen, wurden nicht getauft. Ich habe sie dennoch in den Religionsunterricht geschickt, weil ich die christliche Werteerziehung für unverzichtbar halte - und weil sie die Gottesfrage selbst beantworten sollten. Die eine hat sich taufen und konfirmieren lassen, die andere nicht. Das ist die Freiheit, die ich meine.

 


stern-Artikel aus Heft 19/2009
 
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