Arts & Culture

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1945

Auf dem Weg zum Élysée-Vertrag

Deutsch-Französisches Institut Ludwigsburg

Eine deutsch-französische Aussöhnung
Deutsch-Französisches Institut

Der Siebenjährige Krieg (1756-63), Napoleon, die Rheinkrise von 1840, der Deutsch-Französische Krieg (1870/71), der Erste Weltkrieg (1914-18) und schließlich der Zweite Weltkrieg (1939-1945).

Die Franzosen im Ruhrgebiet!

Zahlreiche blutige und grausame Kriege führten zu einer tiefen Feindschaft zwischen beiden Völkern, die auch als Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen bezeichnet wurde.

 Angela Merkel und Francois Hollande in Ludwigsburg 2012.

Heute ist das undenkbar. Deutsche und französische Regierungschefs treffen sich mehrmals im Jahr, sind Partner und enge Verbündete in Europa.

Doch: Wie wurde aus der einstigen Erbfeindschaft eine Staatenfreundschaft?

Nachkriegsdeutschland, 1945.

Annäherung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands fand die deutsch-französische Annäherung vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes statt.

Frankreich und Deutschland erkannten, dass im Falle einer sowjetischen Expansion in Richtung Westen nur ein gemeinschaftliches Vorgehen eine Niederlage der westlichen Demokratien verhindern würde. Die Integration der neu gegründeten Bundesrepublik in die westlichen Bündnissysteme geschah daher vielfach auf französische Initiative hin. Gleichzeitig konnte Frankreich in den ersten Nachkriegsjahrzehnten sein Sicherheitsbedürfnis gegenüber Deutschland befriedigen.

Deutschlandkarte 1947.

Erste Kontakte zwischen Deutschen und Franzosen

Trotz der Wunden, die Deutschland Frankreich zugefügt hatte, näherten sich schon bald beide Staaten vorsichtig einander an. Zunächst waren diese Annäherungsversuche von persönlicher Initiative geprägt.

Alfred Grosser über die deutsch-französische Zusammenarbeit.

„Wir wissen weder, was man mit uns machen wird, wohin wir gehen, noch, was in der Welt geschieht. Informieren Sie uns.“

So antwortete ein Ludwigsburger Pfarrer auf die Frage von dem Jesuitenpater Jean du Rivau, wie er helfen könne. Rivau nahm die Bitte ernst und gründete im August 1945 die heute noch bestehenden Zeitschriften „Dokumente“ und „Documents“, in denen über Aktualitäten aus dem jeweiligen Nachbarland berichtet wird.

Städtepartnerschaften

Schon früh entstanden Städtepartnerschaften. So unterzeichneten 1950 Montbéliard und Ludwigsburg den Vertrag zur ersten deutsch-französischen Städtepartnerschaft, und „zwischen beiden Regierungen bestanden bereits regelmäßige und vertrauensvolle Kontakte”, wie der damalige Botschafter in Bonn, Maurice Couve de Murville, über die Jahre vor 1958 urteilte.

Städtepartnerschaftsurkunde Ludwigsburg und Montbéliard, 1950.
Deutsch-Französisches Institut, Ludwigsburg.

Das Deutsch-Französische Institut Ludwigsburg (dfi)

Aus diesem von Versöhnung geprägten Denken resultierte die Gründung des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg 1948. Nicht nur über die Politik sollte die Verständigung erreicht werden, sondern auch durch das persönliche Erleben, wozu in erster Linie die Sprache des Nachbarn zählte, aber auch Vorträge und Veranstaltungen, die Aufschluss über das Leben im ehemaligen „Feindesland“ gaben. Die Aufgabe des dfi war (und ist) es, die Menschen beider Nationen füreinander zu interessieren und die Kooperation zwischen ihnen zu erleichtern.

Die Gründer des Deutsch-Französischen Instituts bei der Feier 10 Jahre dfi, 1958.
Der Direktor des dfi, Prof. Dr. Baasner, über das Deutsch-Französische Institut, 2012.
Gründungsurkunde des Deutsch-Französischen Instituts, 1948.

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer

Die Führungskraft und Aussöhnungsbereitschaft der Staats- und Regierungschefs dieser Zeit trugen maßgeblich zur Annäherung Deutschlands und Frankreichs bei. Den französischen Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer verband auch über die Politik hinaus eine Freundschaft. De Gaulle lud Adenauer in sein Privathaus nach Colombey-les-Deux-Èglises ein. Auch Adenauer empfing De Gaulle bei sich in Rhöndorf.

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, 1962.

Konrad Adenauer

Der spätere deutsche Bundeskanzler wurde am 5. Januar 1876 in Köln geboren. Nach seinem Jurastudium in Freiburg, München und Bonn arbeitete er bei der Staatsanwaltschaft des Amtgerichts Köln. Seine politische Karriere begann mit der Wahl zum Beigeordneten der Stadt Köln im Jahr 1906. Zehn Jahre später wurde er im Jahr 1917 einstimmig zum Bürgermeister der Stadt Köln gewählt. Dieses Amt und seit 1921 auch die Funktion als Präsident des Preußischen Staatsrates hatte er in der Weimarer Republik bis zur Machtübernahme der NSDAP 1933 inne. Während des Nationalsozialismus wurde er als Kölner Bürgermeister entlassen und mehrfach von der Gestapo verhaftet und verhört. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs engagierte er sich in der CDU. 1949 wurde Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt und blieb es bis 1963. Drei Jahre nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler verstarb Konrad Adenauer im Jahr 1967 im hohen Alter von 91 Jahren in seinem Wohnhaus in Rhöndorf.

Konrad Adenauer, 1959.
Charles de Gaulle und Konrad Adenauer.

Charles de Gaulle, Staatspräsident Frankreichs von 1958 bis 1969, wurde am 22. November 1890 in Lille geboren. Nach Abschluss der Elite-Militärschule Saint-Cyr begann er seine militärische Karriere bei der Infanterie, wurde bald Leutnant, später Hauptmann, Brigadegeneral und General. Im Ersten Weltkrieg geriet er in der Schlacht von Verdun 1916 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Während des Zweiten Weltkriegs floh De Gaulle 1940 ins Exil nach London, da die französische Regierung unter Marschall Pétain über einen Waffenstillstand mit den Nationalsozialisten verhandelte. Im Jahr 1944 befreiten die Allierten das besetzte Frankreich. De Gaulle führte dabei die Truppen des "Freien Frankreichs" an. Anschließend wurde er zum Vorsitzenden der Provisorischen Regierung Frankreichs ernannt. Unzufrieden mit der Verfassung der Vierten Republik kehrte De Gaulle 1953 der Politik den Rücken. Im Zuge des Algerienkriegs (1954-1962) rief man ihn zurück und wählte ihn 1958 zum Staatspräsidenten der Fünften Republik, was er bis zu seinem Rücktritt 1969 blieb. Im Jahr 1970 starb De Gaulle im Alter von 79 Jahren in seinem Wohnort Colombey-les-Deux-Églises.

"Couples franco-allemands"

Im Verlauf der deutsch-französischen Beziehungen kam es oftmals zu Brüchen zwischen den Partnern, stets fand aber wieder eine gegenseitige Annäherung statt. Nicht zuletzt durch enge Freundschaften hoher deutscher und französischer Staatsmänner.

Die ersten Staatsbesuche 1962 - historischer Hintergund

Die ersten offiziellen Staatsbesuche 1962 des französischen Präsidenten de Gaulle in der Bundesrepublik Deutschland und Bundeskanzler Adenauers in Frankreich waren eingebettet in einschneidende, historische Ereignisse.

International verschärften sich die Spannungen zwischen den USA und der Sowjetunion durch die Kubakrise während des Kalten Krieges. Im arabischen Raum akzeptierte Frankreich, mit der Unterzeichnung des Abkommens von Evian im März 1962, die Unabhängigkeit Algeriens.

In Ost-Berlin wurde die Mauer gebaut.

Collage Algerienkrieg.
Bau der Berliner Mauer, 1961.

Auf europäischer Ebene scheiterten im April 1962 die Verhandlungen über den sogenannten Fouchet-Plan zur politischen Einigung Westeuropas, der auf die Initiative Frankreichs eine „organisierte Zusammenarbeit“ auf der Basis von regelmäßigen Regierungskontakten vorsah. Das Scheitern des Fouchet-Plans eröffnete jedoch den Weg zur deutsch-französischen Annäherung.

Bundeskanzler Adenauer in Frankreich

Juli 1962: Ester Staatsbesuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Frankreich. Der Deutsche wurde ohne jeden Vorbehalt von der Bevölkerung empfangen.

De Gaulle und Adenauer, 1962.
De Gaulle und Adenauer vor der Kathedrale in Reims, Frankreich, 1962.
Adenauer in Reims, 1962.
Adenauer in Reims, 1962.

Staatspräsident De Gaulle in Deutschland

September 1962: Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle war der Einladung von Kanzler Konrad Adenauer gefolgt. Seinen sechstägigen Staatsbesuch begann er am 4. September in Bonn. Weitere Stationen waren Düsseldorf, Duisburg, Hamburg, München, Ludwigsburg und Stuttgart.

Charles de Gaulle in Deutschland, 1962.
Rede Charles de Gaulle in Bonn, 04.09.1962.
De Gaulle in Deutschland, 1962.
De Gaulle in Deutschland, 1962.

De Gaulles Deutschlandreise wurde zum umjubelten Triumphzug und fand ihren krönenden Abschluss in Ludwigsburg. Dort wandte er sich – in deutscher Sprache – am 9. September in einer Rede insbesondere an die Jugend, die Zukunft Europas.

De Gaulles Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg, 1962.
De Gaulle, 1962.

„Sie alle beglückwünsche ich! Ich beglückwünsche Sie zunächst, jung zu sein. Man braucht ja nur die Flamme in Ihren Augen zu beobachten, die Kraft Ihrer Kundgebungen zu hören, bei einem jeden von Ihnen die persönliche Leidenschaftlichkeit und in Ihrer Gruppe den gemeinsamen Aufschwung mitzuerleben, um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des Lebens und der Zukunft auserkoren hat.

Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! eines großen Volkes!, das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um unzählige Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß das voll zu würdigen, da es auch weiß, was es heißt, unternehmens- und schaffensfreudig zu sein, zu geben und zu leiden.

Schließlich beglückwünsche ich Sie, die Jugend von heute zu sein. Im Augenblick, wo Sie in das Berufsleben treten, beginnt für die Menschheit ein neues Leben. Angetrieben von einer dunklen Kraft, aufgrund eines unbekannten Gesetzes, unterliegen die materiellen Dinge dieses Lebens einer immer rascheren Umwandlung. Ihre Generation erlebt es und wird es noch weiter erleben, wie die Gesamtergebnisse der wissenschaftlichen Entdeckungen und der maschinellen Entwicklung die physischen Lebensbedingungen der Menschen tief umwälzen. Dieses wunderbare Gebiet, das Ihnen offen steht, soll durch diejenigen, die heute in Ihrem Alter stehen, nicht einigen Auserwählten vorbehalten bleiben, sondern für alle unsere Mitmenschen erschlossen werden. Sie sollen danach streben, dass der Fortschritt ein gemeinsames Gut wird, sodass er zur Förderung des Schönen, des Gerechten und des Guten beiträgt, überall und insbesondere in Ländern wie den unseren, welche die Zivilisation ausmachen; somit soll den Milliarden der in den Entwicklungsländern Lebenden dazu verholfen werden, Hunger, Not und Unwissenheit zu besiegen und ihre volle Menschenwürde zu erlangen.

Das Leben in dieser Welt birgt jedoch Gefahren. Sie sind umso größer, als der Einsatz stets ethisch und sozial ist. Es geht darum zu wissen, ob im Laufe der Umwälzungen der Mensch zu einem Sklaven in der Kollektivität wird oder nicht; ob es sein Los ist, in dem riesigen Ameisenhaufen angetrieben zu werden oder nicht; oder ob er die materiellen Fortschritte völlig beherrschen kann und will, um damit freier, würdiger und besser zu werden.

Darum geht es bei der großen Auseinandersetzung in der Welt, die sie in zwei getrennte Lager aufspaltet und die von den Völkern Deutschlands und Frankreichs erheischt, dass sie ihrem Ideal die Treue halten, es mit ihrer Politik unterstützen und es, gegebenenfalls, verteidigen und ihm kämpfend zum Sieg verhelfen.

Diese jetzt ganz natürliche Solidarität müssen wir selbstverständlich organisieren. Es ist die Aufgabe der Regierungen. Vor allem müssen wir ihr aber einen lebensfähigen Inhalt geben, und das soll insbesondere das Werk der Jugend sein. Während es die Aufgabe unserer beiden Staaten bleibt, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit zu fördern, sollte es Ihnen und der französischen Jugend obliegen, alle Kreise bei Ihnen und bei uns dazu zu bewegen, einander immer näher zu kommen, sich besser kennen zu lernen und engere Bande zu schließen.

Die Zukunft unserer beiden Länder, der Grundstein, auf dem die Einheit Europas gebaut werden kann und muss, und der höchste Trumpf für die Freiheit der Welt bleiben die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk.“

Quelle: De Gaulle, Charles: Rede an die deutsche Jugend, in: Deutsch-Französisches Institut(Hrsg.): Über die Freundschaft hinaus… Deutsch-französische Beziehungen ohne Illusionen, Stuttgart1988, S.64-66.

Manfred Kaut hat die Rede De Gaulle erlebt.

Charles de Gaulles Worte lösten bei seinen jugendlichen Zuhörern wahre Begeisterungsstürme aus.

Zuschauer der Rede de Gaulle in Ludwgsburg, 1962.
Das Ehepaar Wetzel erinnert sich an die Rede De Gaulle 1962 in Ludwigsburg.
Heinz Griesinger erzählt wie er die Rede De Gaulles an die Jugend erlebt hat.
Zuschauer bei der Rede De Gaulles in Ludwigsburg, 1962.

Die Rede Charles de Gaulles im Ludwigsburger Schlosshof am 9. September 1962 war ein historisches Ereignis und ebnete den Weg zum deutsch-französischen Freundschaftsvertrag.

Unterzeichnung des Élysée-Vertrags, 22.01.1963.

Der Élysée-Vertrag

Am 22. Januar 1963 wurde schließlich der „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit“ unterschrieben. Der sogenannte É ysée-Vertrag setzte einen feierlichen Schlußpunkt unter die erste Phase der deutsch-französischen Versöhnung und ermöglichte eine Verständigung und später eine Freundschaft zwischen den zwei gleichwertigen Partnern Deutschland und Frankreich.

Élysée-Vertrag, 22.01.1963.
Credits: Exhibit

Kuratorin — Henriette Heimbach, Deutsch-Französisches Institut
Wir bedanken uns bei — Fritz Wolf Gesellschaft, Stadt Ludwigsburg, Heiner Wittmann, Werner Kuhnle und Smartfilmmedia.de.
Mehr Informationen — www.dfi.de, info@dfi.de (Deutsch-Französisches Institut)
Übersetzung ins Französische  — Céline Choppin

Credits: All media
The exhibit featured may in some cases have been created by an independent third party and may not always represent the views of the institutions, listed below, who have supplied the content.
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